# taz.de -- Die Wahrheit: Ei, Ei, Ei, ein Thermomix!
       
       > Wer in der Fußgängerzone in Werbung und Verkauf reüssiert, schafft auch
       > Weltpolitik: Merz und Macron im Praxistest.
       
 (IMG) Bild: Sieben Thermomixer allein in Saarbrücken verkauft: Emmanuel Macron
       
       „Mesdames, messieurs, meine Ammen und Erren!“ Die Frau in der
       Regenfunktionsjacke stößt den Mann neben sich in die Rippe. „Herbert, ist
       das nicht der Chef von Frankreich, der mit dieser Alten da verheiratet ist,
       mit der Brischitt?“ Herbert Vockmann besieht sich den Mann im sportlichen
       Dreiteiler, der hier in der saarländischen Grenzstadt Saarbrücken,
       unterstützt von einem Simultandolmetscher, gerade ein „Garkörbschen“ in der
       Fußgängerzone anpreist.
       
       Macrons Augen leuchten, es ist das Leuchten eines verhinderten Machers.
       Hier, nur ein paar Steinwürfe entwerft vom französischen Forbach, ist der
       Bewunderer des neuen Thermomix TM7 von Vorwerk in seinem alten Element –
       Menschen etwas andrehen, das sie nicht brauchen.Vorwerk? Die Wuppertaler
       Staubsaugerfirma? Oui. Der Konzern, wohnhaft im Stadtteil Heckinghausen
       nahe Oberbarmen, hat voriges Jahr einen Produktionsstandort für seine
       Thermomixer, die Essbares in Matsch verwandeln, im französischen
       Donnemain-Saint-Mamès eröffnet. Grund dafür: In Deutschland ging es gewohnt
       bürokratisch nicht voran. Seither ist Emmanuel Macron Markenbotschafter
       nicht nur für Lenkwaffen aller Art, sondern auch für „Gelenktes Kochen“. So
       heißt das im Gastromarketing.
       
       Einmal pro Woche tourt der Präsident nun mit Begeisterung durch Frankreichs
       Fußgängerzonen. Beim „Aromagaren mit Spatel“ dockt er wieder an beim
       verloren gegangenen Wählervolk. Pro Fußgängerzone verlost Macron einen
       Thermomix und für die Leerausgegangenen gibt es lecker gehäckselte Karotten
       im Bambustütchen. Weil er an diesem Dienstagvormittag in Forbach exzellente
       Vertretergeschäfte vor Pollern gemacht hat, ist er nachmittags über die
       Grenze im Thermomix-SUV und mit Entourage gedüst, um die „lieben Freundö“
       als Mixer-Heiland zu beglücken.
       
       „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft! Vive le Thermomix!“, ruft
       Macron am Sankt Johanner Markt in Saarbrücken, und alle Anwesenden sind es
       für einen Moment zufrieden. Kein Trump, kein Krieg, kein Tempolimit stört
       die kompakte Menschenmenge. Die einzige Frage, die gerade zählt und alle
       nationenübergreifend verbindet, ist: „Ist der Deckel beim Thermomix richtig
       drauf?“ Anscheinend nicht, denn augenblicklich hat der 48-jährige Welt- und
       Produktpolitiker einen Matschmix aus Erbsen und Tomaten im wie stets
       markant rasierten Gesicht.
       
       Zurück zu den Menschen 
       
       Es ficht ihn nicht an, Macron will zurück zu den Menschen, sie lachen über
       ihn, aber sie lieben ihn plötzlich auch in diesem kleinen Moment des
       technischen Missgeschicks. Als der Mann von Brischitt eine Stunde später
       die Saarbrücker Fußgängerzone verlässt, hat er sieben Thermomixer zum Preis
       von je 1.789 Euro (die Zahlen der Französischen Revolution!) verkauft und
       muss sehr viele Autogramme geben. Bingo!
       
       Plötzlich fällt dem wiedererwachten Verkaufsgenie ein, dass er ja nächstes
       Jahr qua Verfassung gar nicht wiedergewählt werden kann, aber das stört ihn
       nicht mehr. Denn in Forbach, vive la France, hatte er ja schon in den
       Morgenstunden Stücker zehn Thermomixer an Mann und Frau gebracht. Ergo: Für
       die Grande Nation, für Macron geht es aufwärts.An diesem Punkt ist der
       unbestritten umstrittene sauerländische Reform-Jahreszeiten-Kanzler
       Friedrich Merz noch nicht. Aber es wird. Der gebürtige Briloner mit dem
       Fielmann-Brillenkassengestell sowie der langjährigen Expertise im
       Finanzmarketing hat einfach noch nicht so viel Direktmarketingerfahrung wie
       der „liebe, cher Emmanuel“.
       
       Aber es wird, wie wir auf unserer Wahrheit-Recherchereise am nächsten Tag
       in der seit Jahren und Jahrzehnten geplanten Fußgängerzone von Wanne in
       Wanne-Eickel erfahren. Die einstige Welt- und Großstadt wurde 1975 dem
       nordrhein-westfälischen Herne einverleibt. Dort in Merzens ursprünglichem
       Heimatberitt, Wanne-Eickel gehört zum Regierungsbezirk Arnsberg, soll es
       besser werden und aufwärtsgehen für den so eben und gerade noch amtierenden
       deutschen Regierungschef von der CDU.
       
       ## Letzte Chance für Merz in Wanne
       
       Der Kanzler versucht also an diesem windigen Tag in Wanne, Ortsteil Wanne
       von Wanne-Eickel, sein ganz persönliches Merch unter die ihn zum Teil
       kräftig ausbuhenden Menschen zu bringen. Es ist vielleicht bereits jetzt
       seine letzte Chance, im Amt zu verbleiben. Hier in Wanne setzt Merz auf
       Selbstironie, aber kann er die? Langsam beruhigen sich die Leute in der
       geplanten Fußgängerzone, es ist auch schon wirklich toll, was der Kanzler
       mitgebracht hat, große Merz-, nein Merch-Klasse. Denn es ist, hier in
       Wanne: ein Eierschneider. Schluss mit dem Schmähruf „Merz, leck Eier!“ Nein
       – Merz schneidet Eier! Vor allen Augen, hier in Wanne.
       
       „Wenn er was kann, dann kann er es gut“, merkt eine Mittneunzigerin im
       gutsitzenden Kostüm samt tiefem Ausschnitt an. „Das macht er doch jetzt
       prima, der Merz. Der Mann kann Eier!“ Denn das sei in diesen immer teureren
       Zeiten doch wichtig: „Haste einen Eierschneider, haste mehr vom Ei!“ Mit
       dieser kapital wichtigen Erkenntnis verlassen wir die geplante
       Fußgängerzone von Wanne. Friedrich Merz, so hören wir aus seiner Entourage,
       wird später am Tag auch noch in Eickel Eier schneiden.
       
       2 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harriet Wolff
       
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