# taz.de -- Deeskalationsversuch in Hamburg: Wenn aufgestauter Zorn explodiert
> Erst Geschrei, dann schlägt eine Niqab-Trägerin die Frau, die sie
> beleidigt hat. Versuch der Rekonstruktion eines Konflikts, der zeigt, was
> schiefläuft.
(IMG) Bild: Zivilcourage, Drama oder Überforderung? Nicht immer ganz leicht zu sagen, was man gerade beobachtet
Dies ist der Versuch einer Rekonstruktion einer Schlägerei vor meiner Tür.
Eine junge Frau in Niqab und ihre Schwester haben eine ältere Frau
geschlagen, die „Du Nachtgespenst“ zu der Frau in Niqab gesagt hatte. Es
ist ein Versuch mit begrenzten Mitteln, weil ich manches nicht mitbekommen
habe, weil ich Teil des Geschehens wurde, weil die Wahrheit schwierig zu
greifen ist, wenn es hier eine gibt. Ich schreibe es trotzdem auf, weil ich
glaube, dass man in dieser halben Stunde an einer Hamburger Straßenecke wie
in einem Brennglas sehen konnte, was passiert, wenn aufgestauter Zorn
explodiert. Und wie alle mit Verlust daraus hervorgehen.
Mein Freund und ich waren nach draußen und um die Ecke gelaufen, weil wir
lautes Geschrei gehört hatten, unsere beiden Kinder kamen hinterher. Auf
dem Boden hockt eine Frau mit kurzen rot gefärbten Haaren, neben ihr zwei
Freundinnen. Eine davon, energisch, kurzer Zopf, geschätzt Anfang 60, kommt
mir vage bekannt vor, aber ich weiß nicht woher.
Ihnen gegenüber stehen zwei junge Frauen, eine mit [1][Niqab], die an ihrem
Schleier nestelt und eine zweite mit unbedecktem Haar, Jeans und kurzem
Oberteil. Schwestern, wie sich herausstellen wird. Ein Stück von ihnen
entfernt drei weitere Frauen, wohl Anwohnerinnen, die ähnlich wie wir in
die Szene hineingestolpert sind. Die beiden Schwestern schreien die ältere
Frau an. Sie gehen auf sie zu, im Wechsel und brüllen; es wirkt bedrohlich
und auf eine sonderbare Art auch wie ein Theaterstück, alle sollen es
sehen. „Ich bin Feministin“, ruft die ältere Frau. „Du bist Nazi“, ruft die
Frau im Niqab. „Wenn ich mich bedecke, weil ich das will, ist das
Feminismus.“
Nach dem, was die Anwohnerinnen sagten, ist dies die Vorgeschichte: Die
ältere Frau hat „Du Nachtgespenst“ zu der Frau im Niqab gesagt. Daraufhin
hat diese sie gemeinsam mit ihrer Schwester zu Boden geschlagen und
getreten. „Die Beleidigung ist auf keinen Fall in Ordnung“, sagen die
Anwohnerinnen. „Aber Schlagen geht nicht.“ Es scheint die zornigen jungen
Frauen nicht zu erreichen. „Soll sie ruhig kommen“, sollen sie gesagt
haben, als die anderen die Polizei gerufen haben. Mein Freund sagt etwas
Beruhigendes und geht auf die Schwestern zu. Aber es beruhigt nicht. „Ich
bin nicht bedeckt“, ruft die Frau in der Niqab, es klingt panisch, und
weicht zurück.
„Schlagen geht nicht“, sage ich. „So löst man nichts.“ „Du Fotze“, sagt
eine der Schwestern. „Ich möchte nicht, dass Sie so mit mir reden“, rufe
ich, aber ich rufe ins Leere. „Wir sind Deutsche“, ruft die Frau im Niqab.
„Meine Mutter hat Deutschland aufgebaut.“ „Meine Mutter hat Deutschland
auch aufgebaut“, sagt die ältere Frau, die immer noch auf dem Boden sitzt.
„Ich mache eine Ausbildung in einer Kita“, ruft die Frau in den weißen
Jeans. „Aber da bringen Sie den Kindern doch bei, Konflikte anders zu
lösen“, sage ich.
Sie antwortet nicht. Stattdessen telefoniert sie und kurz danach kommt eine
weitere junge Frau, mit Kopftuch und Gewand. „Was hast du mit meiner
Schwester gemacht?“, sagt sie und baut sich drohend vor der älteren Frau
auf. Die ist angetrunken. Die Anwohnerinnen und die beiden Freundinnen
stellen sich um sie herum auf.
## Zivilcourage, Drama oder Überforderung?
Meine Kinder stehen am Zaun und sehen zu. Ich frage mich, was sie da gerade
sehen: Zivilcourage, Drama oder Überforderung? „Meine Schwester wird jeden
Tag beleidigt“, ruft die junge Frau in Jeans. „Ich bin Muslima, meine
Schwester ist Muslima“, ruft sie, „wir sind nicht der IS.“ Die
Beschimpfungen gehen weiter. „Ich bin kein Nazi“, sagt die ältere Frau.
„Ich bin eine Linke.“ „Sie hat zu mir gesagt, dass es ein Fehler war, ‚Du
Nachtgespenst‘ zu sagen“, ruft mein Freund den Schwestern zu. „Aber du
entschuldigst dich nicht“, schreien die Schwestern. „Nee, jetzt nicht
mehr“, sagt die alte Frau.
Es ist wie ein Fenster, das sich schließt, bevor es richtig aufgegangen
ist. Ich hatte kurz vor mir gesehen, wie es gewesen wäre: Die beiden
Schwestern und die ältere Frau geben sich die Hand. „Es war blöd, was ich
gesagt habe“, sagt die ältere Frau, „es war auch blöd, zu schlagen“, sagen
die Schwestern. Wir alle hätten zugesehen und gedacht: Irgendwie
funktioniert es doch.
Was stattdessen passiert: Die Schwestern rufen ihren Bruder an. Nach ein
paar Minuten ist er da, ein junger Mann mit Bart, Jeans und T-Shirt. „Wer
war es?“, fragt er. Er scheint zu glauben, dass ich es war und sagt, dass
wir ein Stück zur Seite gehen sollen. Ich gehe mit wie ein Schaf. „Ich war
es nicht“, sage ich und habe Angst und das Gefühl großer Unwirklichkeit. Er
dreht sich zurück zur Gruppe. „Wer war es?“, fragt er, die Schwestern
zeigen auf die ältere Frau. Er wendet sich zu ihr. „Wenn du so jemand
wärst“, sagt er und deutet auf meinen Freund „würde ich jetzt zuschlagen.
Aber du bist alt und eine Frau. Mach so etwas nie wieder.“
„Darf ich etwas sagen?“, frage ich. „Können wir nicht reden?“ „Worüber?“,
sagt der Bruder, „es gibt nichts zu reden.“ Aber eines erzählt er doch:
dass seine Tante kürzlich bei einer religiösen Waschung im Volkspark
geschlagen worden sei.
Die Vorgeschichte der Schlägerei heute hat vor langer Zeit begonnen,
vielleicht schon bei der Mutter der beiden Schwestern, die Deutschland mit
aufgebaut hat. Ich kenne ihre Narben nicht, so wenig wie die der älteren
Frau. Ich denke, dass es lange dauern wird, bis sie heilen. Und dass die
Schläge all jenen gerade recht kommen, die finden, dass sie nicht zu
Deutschland gehören. „Kommt mit“, sagt der Bruder zu seinen Schwestern und
sie gehen gemeinsam auf den Spielplatz nebenan. Ich gehe hinterher.
Am Morgen war mir an der Straßenecke eine Frau in Niqab begegnet,
vielleicht war es die gewesen, die jetzt hier stand, ich hatte sie
unfreundlich angeguckt. Meine Vorbehalte gegenüber dem Niqab kommen ohne
Nachdenken und ich habe bislang keinen Weg gefunden, mit ihnen umzugehen.
Wahrscheinlich gehe ich deshalb jetzt zum Spielplatz. Vielleicht würde ich
nicht gehen, wenn ich bei den Schlägen dabei gewesen wäre, ich weiß es
nicht.
Die Gruppe steht hinter den Schaukeln, die junge Frau in Jeans weint. „Ich
komme, weil es vorhin ums Deutschsein ging“, sage ich. „Ich wollte noch mal
sagen, dass es für mich keine Frage ist, dass Sie Deutsche sind wie ich.
Natürlich sind Sie das. Und weil wir alle Teil dieses Landes sind, ist es
so wichtig, dass es irgendwie funktioniert.“ Ich finde selbst, dass ich
pathetisch klinge, aber vielleicht ist es der Moment dafür. Die Frau im
Niqab gibt mir die Hand. „Ich möchte mich noch mal entschuldigen“, sagt
sie. „Ich wollte Sie nicht beschimpfen.“ „Kein Ding“, sage ich.
## Noch einmal bei der Polizei angerufen
Eine der Freundinnen der älteren Frau hat noch einmal bei der Polizei
angerufen und diesmal gesagt, dass es um Körperverletzung gehe. „Jetzt
gehen die“, sagt sie in Richtung der Spielplatzgruppe. „Soll ich
hinterher?“, fragt sie die ältere Frau, die sich inzwischen aufgerafft hat
und wacklig an einem Auto lehnt. Die wehrt ab. „Ich schaffe das nicht.“
Ein Polizeiwagen kommt, zwei junge Beamt:innen steigen aus, freundlich,
gelassen. Der Beamte nimmt eine Personenbeschreibung der Schwestern und
ihres Bruders auf. Die Freundin der älteren Frau, es ist die mit dem
Pferdeschwanz, sagt meinen Kindern, dass sie stolz auf mich sein könnten,
weil ich so gut deeskaliert hätte. Wir gehen gemeinsam mit einer der
Anwohnerinnen nach Hause.
Die Anwohnerin erzählt, dass sie einmal in Berlin einen Angriff miterlebt
habe. Ein junger Mann, der deeskalieren wollte, sei die U-Bahn-Treppe
heruntergestoßen worden und gestorben. „Haltet immer Abstand und ruft die
Polizei“, sagt sie meinen Kindern. Ich denke, dass sie recht hat und dass
sie sich das Beispiel aus der U-Bahn hätte sparen sollen.
Am Abendbrottisch fragt eines der Kinder, ob ich die Freundin erkannt
hätte. Diejenige, die mich für die Deeskalation gelobt hat. „Ja“, sage ich,
„am Schluss.“
Wir sind ihr vor etwa einem Jahr begegnet. Sie war angetrunken und hatte
mich angemeckert, ich hatte zurück gemeckert. Es war nicht mal Pöbeln.
Daraufhin wollte sie plötzlich auf mich losgehen, vor den Kindern, aber
ihre Begleiterin hatte sie zurückgehalten. „Jetzt hat sie dich sehr
gelobt“, sagen die Kinder und finden es lustig. „Wird die Polizei die
Schwestern finden?“, fragen sie, und es ist nicht herauszuhören, ob sie es
wünschen oder fürchten. „Vermutlich“, sagen wir. Seitdem denke ich darüber
nach, wie man einen solchen Montagabend verhindern könnte und denke, dass
es schon sehr spät ist dafür. Oder, anders gedacht, sehr dringend.
7 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Friederike Gräff
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