# taz.de -- Das vielleicht schlechteste Fußballteam: „Bei mir darf jeder spielen“
> Der SC Steinhude II hat in der untersten Kreisklasse noch keinen Punkt
> geholt und 180 Gegentore kassiert. Kann das wirklich Spaß machen? Ein
> Besuch.
(IMG) Bild: Unerschütterlicher Zusammenhalt: Beim Dauerverlierer SC Steinhude II sieht man trotz allem Fortschritte
Am Fußballplatz liegt es schon mal nicht. Im niedersächsischen Steinhude
spielen sie auf bestem Naturrasen, seit 35 Jahren schon, erzählt der
Zeugwart zur Begrüßung. Das [1][Steinhuder Meer], das in Wahrheit kein Meer
ist, sondern ein See, aber immerhin der größte im Nordwesten Deutschlands,
liegt nur wenige Gehminuten von der 5.000-Einwohner-Siedlung entfernt.
Menschen sieht man an diesem frühen Dienstagabend auf den Straßen Mitte Mai
kaum, dafür zwitschern Vögel in den Bäumen rund um den Rasen.
Eigentlich perfekte Bedingungen für den SC Steinhude II, eine der
schlechtesten Fußballmannschaften Deutschlands.
Um Viertel vor sieben kommt Trainer Mevlüt Dereli gut gelaunt den schmalen
Stichweg von der Straße zum Platz herunter. Im Schlepptau hat er gut ein
halbes Dutzend Spieler, darunter seinen 24-jährigen Sohn und Stürmer
Emircan. Heute ist Trainingstag bei der ersten und zweiten Mannschaft.
Die Sache mit der „schlechtesten Mannschaft“ ist eine etwas fiese
Unterstellung. In Deutschland gibt es Tausende Ligen. Ob das Gekicke in der
4. Kreisklasse Raum Hannover, in der Steinhude spielt, wirklich schlechter
ist als etwa die Kreisliga C im Schwarzwald (Grüße an den [2][NK Zagreb
Villingen II]), lässt sich ohne direkten Vergleich schwer sagen. 0 Punkte
und ein Torverhältnis von 9:180 einen Spieltag vor Schluss in einer
untersten Amateurliga sind jedenfalls eine klare Ansage.
## 2:28-Niederlage gegen den Tabellenführer
Unten auf der Terrasse vor dem Vereinshaus angekommen, stellt Dereli eine
silberne Box auf einen Tisch ab. „Hab die Mannschaftskasse mitgebracht“,
ruft er den Spielern zu, die schon da sind. Der Verein muss 150 Euro
Gebühren zahlen, weil die Mannschaft am Sonntag nicht zum Auswärtsspiel bei
der dritten Mannschaft des TSV Godshorn angetreten war. An dem Tag spielte
Hannover 96 sein letztes Heimspiel in der 2. Bundesliga und hatte noch
Aufstiegschancen. Das sei einigen in der Mannschaft wichtiger gewesen.
„Das war das zweite Mal in der Rückrunde, dass wir nicht spielen konnten“,
sagt Dereli. Nach dem ersten Nichtantritt im März hatte er angekündigt, die
Mannschaft beim nächsten Mal zurückzuziehen. Doch dann taten ihm die
wenigen Spieler leid, die vergeblich auf ihre Kollegen warteten. Also
schrieb er in die Chatgruppe: „Ok, ihr zahlt die Strafe aus der
Mannschaftskasse, damit der Verein nicht geradestehen muss.“
Theoretisch hätte Dereli auch mit einer Rumpfmannschaft antreten können:
sieben, acht Spieler, einer davon im Tor, weil beide nominellen Torhüter
gerade verletzt sind. So machten sie es im April beim Tabellenführer.
Endergebnis: 2:28. Alle drei Minuten ein Gegentor – das wollte Dereli
seinen Jungs nicht noch einmal zumuten.
Dass der 58-jährige Dereli nicht nur Trainer, sondern eine Vaterfigur ist,
liegt alleine schon an der Gründungsgeschichte des Teams. Es war im
vergangenen Sommer, als Sohn Emircan zu ihm kam und sagte: „Papa, ich hab
hier neun, zehn Jungs aus meinem Freundeskreis. Wir wollen eine Mannschaft
gründen. Kannst du uns helfen?“ Genau das, was Dereli seinem Sohn schon
früher immer versprochen hatte, als dieser oft zurückstecken musste, weil
der ältere Bruder Autismus hat.
## Anfängliches Durcheinander
Also klapperte Dereli, der im acht Kilometer entfernten Wunstorf wohnt,
einen Verein nach dem anderen ab, woraufhin er Absagen über Absagen
erhielt. „Am Ende hat sich Steinhude bereit erklärt“, sagt er.
Während des Trainings steht Dereli an der Seitenlinie. Weil der Trainer der
Ersten beide Teams betreut, hat er wenig zu tun. Gerade sollen die Spieler
halbhohe Flanken in die Mitte des Spielfeldes schlagen. „Papa, wie muss ich
den Ball treffen?“, ruft Emircan vom Weiten. „Von unten! Wie bei einem
Befreiungsschlag.“
„Am Anfang war das wirklich ein wildes Durcheinander“, erzählt Dereli.
Alles mussten sie von Grund auf lernen: Schießen, Passen, Laufwege. Vor
allem das Positionsspiel unterscheidet Straßenfußball vom Vereinsfußball.
Anfang April waren sie dann nah dran am ersten Punktgewinn, als sie 1:3
gegen den Vorletzten verloren.
Und eigentlich wundert man sich auch: Viele der Spieler sind Anfang 20,
wirken sportlich und treten offensichtlich nicht zum ersten Mal gegen den
Ball. Selbst ohne tiefes Wissen über die Untiefen des Amateurfußballs kommt
die Frage auf, wie viel besser Mannschaft in den elf Ligen darüber wohl
sein müssen. „Die Mannschaft sieht den Fortschritt, sonst hätten sie
vielleicht schon aufgegeben“, sagt Dereli.
Wichtig ist ihm auch, dass einige der Jungs „von der Straße wegkommen“. So
drückt es Dereli, der als [3][Sozialarbeiter] mit Menschen mit psychischen
Problemen arbeitet, aus, und denkt zum Beispiel an die vielen aus anderen
Ländern geflüchteten Spieler im Team. „Bei mir darf jeder spielen, egal wie
gut er ist.“
Für die nächste Saison haben die Spieler eine Wette mit ihrem Trainer
laufen. Wenn sie diese gewinnen, dürfen sie ihm den Zopf seiner
graumelierten Haare abschneiden. Die sportliche Herausforderung ist jedoch
groß: 15 Punkte müssten sie dafür holen.
27 May 2026
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## AUTOREN
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