# taz.de -- Werbeverbot für Cannabis-Anbauvereine: Kein Gras drüber wachsen lassen
> Berlins Cannabis-Anbauvereine klagen über das gesetzliche Werbeverbot.
> Doch aus postprohibitionistischer Not wird Erfindungsreichtum geboren.
(IMG) Bild: Eine heranwachsende Cannabispflanze aus dem Anzuchtraum von Gourmet Greens Royal
Es duftet ähnlich wie die süßlich-schweren Dunstschleier, die verlässlich
über etliche Berliner Parks hängen. Hier, in einer 700 Quadratmeter großen,
aufwendig umgebauten Etage des Umspannwerks in Reinickendorf, riecht es
aber auch angenehm frisch. Und nach einer cleveren Strategie.
Seit der [1][Teil-Legalisierung im April 2024] ist die Cannabislandschaft
im Wandel. Wer legal im größeren Stil anbauen möchte, muss eine
Anbauvereinigung gründen, einen sogenannten Cannabis Social Club (CSC). Das
„Gesetz zum Umgang mit Konsumcannabis“ zwingt diese Clubs jedoch in ein
enges Korsett: Sie müssen als unkommerzielle Vereine agieren, dürfen keine
Gewinne erzielen und im öffentlichen Raum keine Werbung für sich machen.
Diese Regelungen könnten scheinbar idealistische Projekte ersticken.
Eines davon ist der Verein „Gourmet Greens Royal“ (GGR) von Alexander
Schust. Als „Cannabis Social Club“ bezeichnet er sich jedoch ungern, das
klinge nach verrauchtem Freizeittreff und Kiffer-Klischee. Stattdessen
spricht er konsequent von einem Anbauverein und seiner „Manufaktur“.
Bereits im Juli 2024 wurde der Verein eingetragen, nach der Lizenzierung im
Frühjahr 2025 folgten im vergangenen Oktober die ersten Ernteerträge für
die Vereinsmitglieder. Schust war [2][einer der ersten in Berlin] mit der
Lizenz zum Betrieb eines CSCs. Er hat einen ausführlichen
LinkedIn-Auftritt, wirkt wie ein Betriebswirtschaftler, gerade nicht wie
ein Kiffer.
## Cannabisbeete statt Sterne-Restaurants
Verwundern sollte seine Professionalität nicht. Schust ist seit 2021 mit
„Gourmet Greens“ selbständig, einem Lebensmittelunternehmen für
Microgreens, beliefert Hotels und Sternerestaurants mit Kresse, feinem
Basilikum und essbaren Blüten. Sein mittlerweile ebenfalls legales Grünzeug
tritt als Verein unter dem Zusatz „Royal“ auf. Mit dieser
Cannabis-Manufaktur spiegelt er sein Geschäftsmodell, nur ohne davon
profitieren zu dürfen.
Optisch hat Schust eher ein Agrar-Start-up als einen Hobbyclub hochgezogen.
Schritte hallen von den hohen Decken, genauso wie ein dumpfes Summen von
Maschinerie, das aus den Anbauzelten flüstert. Neben Schust und dem
Growmaster Felix Jürgens ist auch das Vereinsmitglied Tim Hintelmann vor
Ort. „In meiner ersten eigenen Bude, damals mit meiner Bong auf dem Sofa,
hätte ich im Leben nicht gedacht, dass ich irgendwann mal völlig legal in
so einer High-Tech-Hütte an den Pflanzen stehen kann“, murmelt der
Baumpfleger während des Rundgangs. „Das ist echt ein Traum.“
An der Wand der ehemaligen Fabrikräume hängen Infoplakate, KI-generiert,
die in galaktischem Design zeigen, was in den Zelten heranreifen soll.
Kleine grüne Planeten in Marihuana-Optik schweben auf dem lilafarbenen
Hintergrund und weisen auf kommende Online-Workshops hin. An jedem ersten
Donnerstag im Monat wollen Schust und seine Vereinskollegen über Cannabis
aufklären, den Unterschied zwischen medizinischem Gras und dem vom
Schwarzmarkt zum eigenen Cannabis erklären.
Growmaster Jürgens, hauptberuflich Trainer und Masseur, schwärmt von den
Setzlingen, zieht den Reißverschluss eines Zelteingangs herunter und zeigt
die unterschiedlichen Wachstumsstufen der aktuellen Sorten. „Alles, was man
hier sieht, kommt aus unseren Gießkannen. Das macht mich schon stolz.“
Durch die zeitliche Überlappung mit dem vorherigen Produktionszyklus können
sie den Mitgliedern bald sechs bis sieben Sorten parallel anbieten. „Die
Stecklinge und Klone kommen direkt aus High-Tech-Laboren in Österreich und
Spanien“, erklärt Jürgens stolz. „Was wir hier an Reinheit und Aroma
herausholen, schlägt alles, was man bisher aus Amsterdam kannte.“
## „Erntefrisches Handwerk“
In den Niederlanden werden die auch zuhauf von ausländischen Touristen
frequentierten Coffee-Shops wegen Anbauverboten über lange Zeit fast
ausschließlich illegal beliefert. „Auf dem Schwarzmarkt weißt du nie,
welches gestreckte Gift du bekommst“, gibt Schust zu bedenken, „und die
Apothekenware, die jetzt den Markt überschwemmt, ist häufig völlig
seelenlose Massenware, die monatelang in irgendwelchen Übersee-Containern
lag.“ Sein Verein biete das genaue Gegenteil: „erntefrisches Handwerk“.
Weil man für das Ergebnis dieses Handwerks aber eine gewisse Menge an
Abnehmern braucht, möchte die Manufaktur von Schust eine breite Masse von
Menschen ansprechen. Ihnen gehe es gerade nicht darum, die klassischen
Kiffer-Klischees zu bedienen. „Der Altersdurchschnitt unserer Mitglieder
liegt bei 42 Jahren. Da sind Ärzte dabei, Handwerker, Beamte, Akademiker.
Cannabis ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Genau diese
Leute wollen einen sauberen, transparenten Ort.“
Selbst in der Powe-Point-Präsentation des monatlichen Workshops wird „eines
unserer ältesten Mitglieder, Gisela S., beim Beschneiden einer
Cannabispflanze“ gezeigt. Mit konzentriertem Blick und schwarzen
Schutzhandschuhen. Nicht auf der Folie erwähnt: Gisela S. ist Schusts
Mutter.
Er selbst macht kein Geheimnis daraus, wie sehr die aktuellen deutschen
Regeln seinen Verein bremsen. „Das Werbeverbot macht es Clubs extrem
schwer, überhaupt Fuß zu fassen und Mitglieder zu finden“, klagt er. Das
versteht er aber als Herausforderung. Seine Antwort auf die gesetzliche
Werberestriktion ist kreativ.
Vor der Tür zum Anbauraum steht eine Garderobenstange. An ihr hängen neben
unauffälligen Alltagsjacken auch dunkle Pullover. Schust zieht einen von
ihnen hervor und zeigt die „Workwear“ seines Vereins. GGR-Merchandising
dürften sie rechtlich nicht verkaufen, „Arbeitskleidung für
Vereinsmitglieder im Gegenzug für eine Spende“ allerdings schon
herausgeben. So präsentiert der Verein seine schwarzen Pullover (und
T-Shirts) auch auf [3][Instagram]. So kann der Vereinsname ganz legal auf
Textil durch die Straßen wandern.
Wie viele Mitglieder der Verein konkret hat, lässt sich bei Schust nicht in
Erfahrung bringen. Zu wenige seien es, gibt er zu und lacht. Doch die
Zahlen seien kontinuierlich gestiegen, es gebe Überlegungen, die
Kapazitäten weiter auszubauen. Aktuell freue man sich über Neuzugänge. Um
diese für sich zu gewinnen, könnten die monatlich stattfindenden Workshops
als Magnet dienen. Doch bei der Veranstaltung, zu der sich die taz
angemeldet hat, kommen keine Neuen. Vielleicht ja nächstes Mal.
14 Jul 2026
## LINKS
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(DIR) [3] https://www.instagram.com/p/DXZgu9OCPu1/?img_index=1
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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