# taz.de -- Parlamentswahl auf Zypern: Rechtsruck in Nikosia
       
       > Bei der Parlamentswahl legen Konservative und Rechtsextreme zu. Der
       > eigentliche Verlierer ist Präsident Nikos Christodoulidis.
       
 (IMG) Bild: Eine Wählerin gibt am Sonntag ihre Stimme in Nikosia ab
       
       Der eigentliche Verlierer nahm gar nicht an der Wahl teil: Zyperns
       Staatspräsident Nikos Christodoulidis. Bei der alle fünf Jahre
       stattfindenden Parlamentswahl in der Republik Zypern haben am Sonntag zwei
       von drei Parteien der politischen Mitte, die seine Direktwahl im Februar
       2023 unterstützt hatten, schwere Verluste erlitten und sind aus Zyperns
       Volksvertretung geflogen.
       
       Gewählt wurden am Sonntag 56 griechisch-zypriotische Abgeordnete, obwohl
       Zyperns Parlament formal 80 Sitze hat. Doch 24 davon, die der
       türkisch-zypriotischen Gemeinschaft zustehen, bleiben seit 1964 unbesetzt.
       [1][Denn Zypern ist seit der völkerrechtswidrigen Invasion türkischer
       Truppen in den Norden der Insel 1974 de facto geteilt].
       
       Der Nordteil firmiert unter dem Namen „Türkische Republik Nordzypern“, wird
       aber nur von der Türkei anerkannt. Zur Wahl aufgerufen waren 568.587
       registrierte Wähler, darunter 859 türkisch-zypriotische Bürger. 19 Parteien
       und neun Einzelkandidaten traten an. 70 Prozent der Kandidaten waren
       Männer, nur 30 Prozent Frauen.
       
       Immerhin: Geschichte schrieb die Disy-Kandidatin Nikoletta Konstantinou.
       Sie ist die erste Frau, die im Wahlkreis Paphos im Südwesten der Insel in
       Zyperns Parlament gewählt wurde. Fortan sind sechs Parteien im
       Repräsentantenhaus in Nikosia vertreten. Klar auf Platz eins landete nach
       Auszählung aller Stimmen die konservative Disy mit 27,1 Prozent, 0,8
       Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren. Die linke Akel legte mit 23,9
       Prozent der Stimmen um 1,4 Prozentpunkte zu. Sowohl Disy mit 17 Mandaten
       als auch Akel mit 15 Sitzen kamen auf die gleiche Zahl von Abgeordneten wie
       2021.
       
       ## Harter Kurs
       
       Auf Platz drei landete die rechtsextreme Elam. Sie legte im Vergleich zu
       2021 um 4 Prozentpunkte zu und erreichte 10,9 Prozent der Stimmen. Künftig
       verfügt Elam über acht statt bisher vier Mandate. Ihr Vorbild war
       ursprünglich die berühmt-berüchtigte Goldene Morgenröte in Griechenland,
       bis deren Führungsriege wegen des Mordes an einen linken HipHop-Musiker in
       Griechenland ins Gefängnis kam. Unterdessen gibt sich Elam zwar etwas
       moderater und konnte sogar Politiker aus dem Disy-Lager für sich gewinnen.
       Die Partei beharrt indes auf einem harten Kurs in der Migrationspolitik und
       gegenüber der Türkei.
       
       Die zentristische Diko, der letzte im Parlament verbliebene Unterstützer
       von Präsident Christodoulidis, folgt mit 10 Prozent der Stimmen (-1,3
       Prozentpunkte) und acht statt bisher neun Mandaten. Die neu gegründete
       Anti-Korruptionspartei Alma mit 5,8 Prozent der Stimmen sowie die Partei
       „Direkte Demokratie“ des Youtubers und Europaabgeordneten Fidias Panagiotou
       mit 5,4 Prozent schafften auf Anhieb den Sprung über die 3,6-Prozent-Hürde.
       
       Zwei bisherige Unterstützer von Staatspräsident Christodoulidis büßten
       hingegen massiv an Zustimmung ein. Die sozialdemokratische Edek scheiterte
       mit jetzt 3,3 Prozent der Stimmen an der Sperrklausel, ebenso wie die
       liberale Dipa mit 3,1 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 66,91 Prozent.
       
       Christodoulidis bedauerte ihr Scheitern. Mit Blick auf seine beiden
       Verbündeten sagte er, sie hätten es „verdient gehabt“, im neuen Parlament
       vertreten zu sein. Zugleich erklärte Christodoulidis, er respektiere das
       Ergebnis und werde sich „um eine Zusammenarbeit mit dem Parlament bemühen“.
       
       Das muss er auch. Der Präsident des EU-Landes Zypern ist zwar faktisch ein
       Alleinherrscher auf Zeit. Er ist Staatsoberhaupt und Regierungschef in
       einer Person und bestimmt die Minister. Dennoch hat er in der Ausübung
       seines Amtes auf die Machtverhältnisse im Parlament Rücksicht zu nehmen.
       
       ## Alleinherrscher auf Zeit
       
       Das ist kein leichtes Unterfangen: Der 52-jährige Christodoulidis gehörte
       früher zur Disy, gewann die Präsidentenwahl 2023 aber als Unabhängiger. Für
       die Parteiführung der konservativen Disy gilt er seither als Abtrünniger,
       [2][viele Disy-Anhänger sind über den „Verräter“ Christodoulidis
       verärgert].
       
       Nach dem Urnengang am Sonntag ist die Wiederwahl von Christodoulidis im
       Februar 2028 jedenfalls in weite Ferne gerückt. Für sein erklärtes Ziel,
       den bisher fruchtlosen, jedoch nach der Wahl des gemäßigten Tufan Erhürman
       im Oktober 2025 im Inselnorden abermals in Bewegung gekommenen
       Verhandlungen zur Lösung der Zypernfrage neuen Auftrieb zu verleihen,
       bleibt jedenfalls bis zum Ende seiner Amtszeit nicht mehr viel Zeit.
       
       Fest steht: Zyperns geostrategische Bedeutung hat nach dem 7. Oktober 2023
       sowie dem Beginn des Irankriegs am 28. Februar wegen seiner Nähe zur
       Konfliktregion im Nahen Osten zuletzt stark zugenommen.
       
       25 May 2026
       
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