# taz.de -- Spielfilm „Verflucht normal“: Ein Held, der schimpfend um sich schlägt
       
       > Das Biopic „Verflucht normal“ erzählt die Geschichte des Aktivisten John
       > Davidson. Darin erfährt man mehr übers Tourette-Syndrom, als man je
       > gefragt hätte.
       
 (IMG) Bild: Mittagspause: John (Robert Aramayo) und Dotty (Maxine Peake) in „Verflucht normal“
       
       Das Leben müsse rückwärts verstanden werden, schrieb einst der Philosoph
       Søren Kierkegaard. Das dürfte der Grund sein dafür, dass so viele Biopics
       mit einer Szene beginnen, die gen Ende der Lebensgeschichte steht, die sie
       im Anschluss retrospektiv aufrollen. Im Fall von „Verflucht normal“ ist es
       die Ehrung als „Member of the Order of the British Empire“, die dem
       Aktivisten John Davidson (Robert Aramayo) zuteilwird.
       
       Einen Orden von der Queen entgegenzunehmen, würde wohl jeden in Aufregung
       versetzen. Davidson aber hat ein sehr spezielles Problem. [1][Er hat das
       Tourette-Syndrom] und fürchtet, dass ihm angesichts Ihrer Majestät die
       Zunge durchgehen könnte, er also zur Unzeit so was wie „Fuck the queen!“
       ruft.
       
       Von Davidsons realer Begegnung mit Queen Elizabeth II. aus dem Jahr 2019
       gibt es Archivaufnahmen, die Regisseur Kirk Jones (dessen Debütfilm „Lang
       lebe Ned Devine!“ 1998 ein Arthouse-Hit war) zu den Schlusscredits zeigt.
       Es sieht danach aus, als sei damals alles noch mal gut gegangen.
       
       Im Gegensatz zum neuesten höchst feierlichen, aber auch höchst öffentlichen
       Moment, den Davidson erleben durfte. Und der, sollte Davidsons Leben noch
       einmal neu verfilmt werden, die noch bessere Auftaktszene für seine
       Biografie geben würde: Bei den britischen Filmpreisen, den Baftas, war
       „Verflucht normal“ als einer der besten Filme des vergangenen Jahres in
       fünf Kategorien nominiert.
       
       ## Der Bafta-Skandal
       
       Zur Verleihung Ende Februar dieses Jahres war Davidson selbst als Ehrengast
       eingeladen. Die Anwesenden, so hieß es später, seien darüber aufgeklärt
       worden, dass es mit Davidson zu gewissen Vorfällen kommen könnte. Niemand
       solle sich beleidigt fühlen, wenn dem Tourette-Mann ein Schimpfwort oder
       eine Obszönität entfahre.
       
       Aber dann brach ausgerechnet das N-Wort aus ihm heraus, als auf der Bühne
       die afroamerikanischen Schauspieler Michael B. Jordan und Delroy Lindo
       einen Preis übergaben. Das war sowohl bei der Liveübertragung als auch noch
       bei der BBC-Aufzeichnung zu hören. Der Shitstorm nahm für Tage kein Ende.
       
       Im Nachhinein hätten mal wieder alle es besser gemacht: Davidson hätte
       weiter weg vom Mikrophon sitzen sollen. Die BBC hätte seinen Ruf zumindest
       bei der Aufzeichnung rausschneiden können. Oder wäre es gar falsch
       verstandene Inklusion gewesen, Davidson – der den Saal kurz darauf verließ
       und sich „zutiefst beschämt“ entschuldigte – einzuladen?
       
       Zusätzlich stand der nur hier und da laut ausgesprochene Verdacht im Raum,
       dass Davidson doch vielleicht-gewissermaßen-irgendwie unbewusst genau das
       gesagt habe, was er als weißer schottischer Mann nun mal denke. Denn die
       meisten begreifen Tourette-Syndrom so: dass den Menschen, die es haben,
       einfach der Filter fehlt, der die zivilisierten anderen davon abhält,
       fröhlich vor uns hin zu fluchen und damit [2][unsere tiefen innersten
       Wahrheiten offenzulegen].
       
       Allen, die sich im Umfeld des Skandals irgendeine Meinung gebildet haben,
       besonders aber denjenigen, [3][die an die „Innere-Wahrheits-Hypothese“
       glauben,] sei dringend empfohlen, den Film zu gucken. Denn obwohl
       „Verflucht normal“ auf eine Weise als stinknormales, konventionell
       erzähltes Biopic daherkommt, das die übliche Klaviatur der Gefühle von tief
       betrübt bis zu himmelhoch jauchzend bedient, besitzt der Film etwas, was
       ihn weit aus diesem Genre herausragen lässt. Kurz gesagt: Man erfährt mehr
       über Tourette als einem je zu fragen einfiel. Und damit überraschend viel
       über das Menschsein an sich.
       
       Davidson wuchs in einer kleinen Stadt in Schottland auf, und Kirk Jones
       zeichnet im Film die provinzielle Atmosphäre mit Präzision nach. Erste
       Symptome zeigt John als junger Teenager: konvulsive Zuckungen lassen ihn
       ausschlagen, und er verliert besonders in angespannten Momenten die
       Kontrolle über das, was er sagt. Für keines der Symptome gibt es irgendwo
       Verständnis, statt dessen wird er sowohl in der Schule als auch zu Hause
       immer nur sanktioniert und bestraft.
       
       Jede Szene zeigt eine schmerzhafte Spirale der Gewalt: Man will den Jungen
       zur Ordnung rufen, verlangt Stillhalten oder Ruhe, aber genau das kann er
       nicht befolgen, woraufhin die Strafen drakonischer werden. Und alle denken
       immer, der kleine Junge meine genau das, was er so sagt.
       
       ## Eine vorwurfsvolle Mutter
       
       Dazu noch zieht sein Leiden Kreise. Für seinen Vater (David Carlyle) bricht
       eine Welt zusammen, weil der bis dahin erfolgreiche Fußballer nicht mehr
       mit anderen in einer Mannschaft spielen kann. Die Mutter (Shirley
       Henderson) verbannt ihn weg vom Familientisch; sein Essen muss er wie ein
       Haustier abseits in einer Ecke zu sich nehmen. Die Eltern trennen sich und
       der kleine John fühlt sehr genau, dass man ihm die Schuld dafür gibt.
       
       Als nächstes begegnet man John als jungem Erwachsenen, nun von Robert
       Aramayo mit tief berührendem Naturalismus gespielt. Er lebt allein bei der
       Mutter. Deren Miene prägt der Dauervorwurf, dass sie sich in das
       beschämende Schicksal fügen muss, ein Monster als Sohn zu haben, mit dem
       selbst der Einkauf im Supermarkt zur Prüfung wird. John selbst hat
       resigniert, nimmt Beruhigungsmedikamente, die ihm nicht wirklich helfen und
       schleppt sich depressiv durch einen aussichtslos scheinenden Alltag.
       
       Eine erste Rettung kommt in denkbar unscheinbarer Gestalt. John läuft einem
       alten Fußballkameraden über den Weg, dessen Mutter Dottie (Maxine Peake)
       als ehemalige Pflegekraft einer psychiatrischen Klinik endlich Verständnis
       für ihn aufbringt. In Dotties Haushalt muss er sich nicht mehr
       entschuldigen, wenn ihm eine Obszönität rausrutscht. Selbst dann nicht,
       wenn er der krebskranken Frau ein „Du bist bald tot!“ ins Gesicht blökt.
       
       ## Zum Vorbild werden
       
       Dottie ermutigt John dazu, sich einen Job zu suchen. Viel
       Auswahlmöglichkeiten gibt es nicht, aber im Kirchengemeindezentrum bekommt
       er beim Hausmeister Tommy (Peter Mullen) eine Chance. Es ist die zweite
       Begegnung, mit der sich Johns Leben zum Positiven wendet.
       
       Denn obwohl Tommy sich von John so manchen Schlag mitten in die Magengrube
       gefallen lassen muss – das unfreiwillige Ausschlagen [4][gehört zu seinen
       Tics] genauso wie das Fluchen –, wird er zum väterlichen Freund und
       unverbrüchlichen Verbündeten. Und er hat die richtige Idee: Wenn niemand
       etwas über diese geheimnisvolle „Krankheit“ – ist es überhaupt eine
       Krankheit? – weiß, dann müsse eben John alles darüber lernen, was es zu
       lernen gibt, um die Welt aufzuklären.
       
       Wo der junge John ein Opfer im zweifachen Sinn war, seiner eigenen Gewalt
       in Form von Tics und der Gewalt der anderen, die ihn dafür bestraften, wird
       der ältere John ein Mentor und Vorbild. Von großartiger Komik ist eine
       Szene, in der ratlose Eltern ihre jugendliche Tochter zu John bringen und
       die beiden sich erstmal minutenlang gegenseitig mit übelsten Flüchen
       übergießen, bevor sie ins normale Gespräch finden.
       
       Im letzten Drittel wird „Verflucht normal“ zum Feelgoodmovie. Aber selten
       hat man das Happy End einer Figur so sehr gegönnt wie John Davidson. Denn
       die Wahrheit, die in Johns Obszönitäten und Tics zum Ausdruck kommt, ist
       nicht die eines versteckten Rassismus oder ähnliches, sondern folgende: Wir
       alle sind nur einen kleinen Schritt weit entfernt davon, die Kontrolle zu
       verlieren – über unsere Körperfunktionen genauso wie über unsere Sprache.
       Und wir alle brauchen das Verständnis der anderen dafür, dass wir auch dann
       noch Menschen sind.
       
       26 May 2026
       
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