# taz.de -- Wellenkraftwerk aus Kiel: Endlos rauscht das Meer und macht dabei Strom
> Ein Team der HAW Kiel hat ein Wellenkraftwerk in Form einer riesigen Boje
> entwickelt. Der Prototyp soll demnächst auf die Nordsee geschleppt
> werden.
(IMG) Bild: Hier steckt gewaltige Energie drin: Nordsee
Noch liegt die „Aurelia Wino“ auf der Seite in einer Halle der Werft German
Naval Yards in Kiel. Demnächst soll das 12 Meter hohe Wellenkraftwerk, das
wie eine Riesenboje aussieht, durch den Nord-Ostsee-Kanal in die Nordsee
gezogen werden. Dort, rund 80 Kilometer westlich von Sylt, soll „Aurelia“
von drei Ankern gehalten aufrecht im Wasser stehen.
Jede Welle hebt und senkt das Kraftwerk. Die Energie, die dabei entsteht,
wird in Strom verwandelt – jedenfalls, wenn alles klappt, wie es sich
Christian Keindorf, [1][Professor an der Kieler Hochschule für Angewandte
Wissenschaften Kiel (HAW) und wissenschaftlicher Leiter des Projekts
„Aurelia“] und sein Team vorstellen.
Der Prototyp des Wellenkraftwerks ist fertig, aber der Praxistest steht
noch aus. Damit er möglich ist, überbrachten gleich zwei
Landesminister:innen Fördergelder. Forschungsministerin Dorit Stenke
(CDU) und Energiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne) lobten das
Projekt als gelungenes Beispiel für das Zusammenspiel von Wissenschaft und
Wirtschaft und als innovativen Ansatz für die Energiewende, die
Schleswig-Holstein noch schneller schaffen will als der Bund.
Auch für die EU sind Projekte wie „Aurelia Wino“ wichtig. Damit die
europäische Staatengemeinschaft ihre Klimaziele erreicht, sollen die Meere
zur Stromtankstelle werden. [2][Bis 2050 will die EU allein aus
„Meeresenergie“ 40 Gigawatt Leistung gewinnen], weitere 300 Gigawatt aus
Offshore-Windrädern.
## Idee aus der Zeit der ersten Ölkrise
Neu ist die Idee von Wellenkraftwerken nicht. Bereits in den 1970er Jahren
hätten sich Forschende – damals getrieben durch die Ölkrise – mit solchen
Konzepten befasst, berichtet Christian Keindorf. Auch heute gebe es
weltweit zahlreiche Versuche und Prototypen.
Dennoch sei die „Aurelia Wino“ für die deutschen Küsten ein neues Konzept.
Das bojenförmige Kraftwerk nutzt nicht die Wogen, die ans Ufer schlagen,
sondern den normalen Wellengang auf See. Für Inseln oder schwimmende
Stationen sei das Kraftwerk damit ideal geeignet. So soll der Prototyp in
seinem sechsmonatigen Probelauf vor Sylt die dort liegende
Forschungsplattform „Fino 3“ mit Energie versorgen.
Die werde bisher nämlich noch mit Diesel betrieben, sagt Keindorf. „Wir
wollen zeigen, dass Aurelia im Echtbetrieb funktioniert.“ Außerdem geht es
um die Frage, wie sich das Minikraftwerk mit der Meeresumwelt verträgt.
Daran erinnert bereits ihr Name: „Aurelia“ ist die lateinische Bezeichnung
einer Quallenart, „Wino“ steht für „Wellenkraftwerke in Nord- und Ostsee“.
Nach einem sechsmonatigen erfolgreichen Test wäre der Prototyp reif, in die
Massenproduktion zu gehen. Die Nachfolgekraftwerke könnten deutlich größer
werden: rund 40 statt 12 Meter hoch und mit einem Umfang von 20 Metern. Es
werde möglich sein, mehrere Kraftwerke zu einer schwimmenden Energiefarm
zusammenzuschließen und den erzeugten Strom per Kabel an Land zu bringen,
sagt Keindorf.
Die Forschenden der Kieler HAW können diesen Schritt nicht allein gehen,
sondern brauchen für die Produktion Betriebe aus der Industrie. „Wir können
weltweit ausschreiben, wünschen uns aber Partner aus Europa“, betont
Keindorf. Zurzeit sind mehrere regionale Firmen beteiligt, darunter die
O.S. Energy, eine Reederei mit Sitz in Glücksstadt, die das Kraftwerk in
die Nordsee bringen und aufstellen wird, die F&E, eine Tochtergesellschaft
der HAW, und die Werft German Naval Yards, deren Azubis den Prototyp
bauten.
Ein „Wahnsinnserlebnis“ sei diese Arbeit gewesen, sagte Bosse Krause als
Sprecher der Azubis. „Zu sehen, wie aus Theorie und Skizzen so etwas
entsteht und dann demnächst vor Sylt steht, ist beeindruckend.“
Allein diese Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs lasse „das Herz einer
Wissenschafts- und Bildungsministerin strahlen“, sagte Stenke, die
gemeinsam mit ihrem Kabinettskollegen Goldschmidt einen Förderscheck von
rund 922.000 Euro überreichte, um dem Projekt beim nächsten Schritt zu
helfen. Das Geld sei auch als Signal an andere Firmen gemeint: „Wir in
Schleswig-Holstein gehen voran und probieren mutig etwas aus.“
Aus dem Bund kämen zurzeit Signale, die mehr auf fossile Energien setzten,
bedauert die CDU-Politikerin. „Aber die Forschung will neue Wege finden.“
Das gelte für Wellenkraftwerke ebenso wie für Fusionstechniken: „Wir
könnten damit scheitern. Aber wenn wir es nicht probieren, erfahren wir das
nie“, sagte Stenke.
Tobias Goldschmidt erinnerte daran, dass die Zeit dränge: „Die
Bundesregierung hat für ihre Klimapolitik gerade einen dunkelblauen Brief
erhalten“, sagte er [3][mit Bezug auf den „Expertenrat für Klimafragen“,
deren Vorsitzende der Regierung eine „Zielverfehlung“] bescheinigte.
Die Runde der Energieminister:innen der Länder habe kürzlich ein
weiteres klares Signal für eine schnellere Energiewende nach Berlin
gesandt, sagte Goldschmidt. Mit „Aurelia“ ließen sich Hoffnungen
verknüpfen: „Es braucht neue Technologien – und hier haben wir eine.“
27 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.haw-kiel.de/news/haw-kiel-plant-probebetrieb-des-wellenkraftwerks-prototypen-auf-hoher-see/
(DIR) [2] https://www.eca.europa.eu/de/publications?ref=SR-2023-22
(DIR) [3] /Expertenrat-fuer-Klimafragen/!6179642
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
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