# taz.de -- Antifeminismus in Kommunen: „Ich bin Einzelkämpferin“
       
       > Gleichstellungsbeauftragte stehen oft alleine da und bekommen den
       > steigenden Antifeminismus zu spüren. Auf einem Kongress diskutieren sie
       > Gegenstrategien.
       
 (IMG) Bild: Eine orange Parkbank mit der Botschaft: Kein Platz für Gewalt an Frauen
       
       Die knallorangen Sitzbänke stehen mittlerweile an vielen Orten. Sie sollen
       ein Zeichen setzen – gegen Gewalt an Frauen, als Teil der UN-Kampagne
       „Orange the World“. Doch oft klappt das nicht lange. Stattdessen häufen
       sich Berichte über beschädigte Bänke. In Osnabrück wurde vor Kurzem eine
       beschmiert, in Wiesbaden ist sie ganz verschwunden, in Annweiler in
       Rheinland-Pfalz wurde aus „Kein Platz für Gewalt gegen Frauen“ durch
       Vandalierende „Ein Platz für Gewalt gegen Frauen“.
       
       Gleichstellungsbeauftragte sehen darin ein treffendes Beispiel für das, was
       ihnen in den letzten Jahren immer häufiger begegnet: Attacken auf ihre
       Arbeit, auf Gleichstellung – und auch auf ihre Person. „Es geht von
       fehlender Unterstützung und Ressourcenbeschneidungen, dem Entzug von
       Mitwirkungsrechten, offenen Anfeindungen und Angriffen bis hin zu
       Vandalismus“, sagt Maja Loeffler, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft
       kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen (BAG).
       
       ## Altbekannte Erzählmuster
       
       Für diese Art von [1][Anfeindungen gegen die Gleichstellung] von Frauen und
       queeren Menschen gibt es einen Begriff: Antifeminimus. Darunter wird mehr
       als „nur“ Sexismus und Frauenhass verstanden. Antifeminismus gilt als
       organisierte politische Bewegung, deren Akteur:innen sexuelle
       Selbstbestimmung und Vielfalt grundlegend ablehnen. Dafür wird auf
       [2][altbekannte antifeministische Erzählmuster] zurückgegriffen: dem
       „Schutz der traditionellen Familie“ vor dem Feminismus etwa oder der
       Verurteilung von Schwangerschaftsabbrüchen.
       
       Die rund 500 hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten, zu denen Loeffler
       gehört und die vergangenen Montag zu ihrem Bundeskongress nach Lübeck
       gekommen sind, kennen diese Erzählmuster. In den Kommunen und Behörden, in
       denen sie arbeiten, müssen sie immer häufiger dagegen ankämpfen.
       
       Ihr Job ist es nämlich Artikel 3 des Grundgesetzes umzusetzen, insbesondere
       Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die
       tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und
       wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Während sie sich für
       Geschlechtergleichstellung in ihren kommunalen Gremien einsetzen, Frauen
       und queere Personen vernetzen oder Kampagnen zu Gewalt gegen Frauen
       entwickeln, beobachten sie auch aus erster Hand, wie antifeministische
       Tendenzen zunehmen.
       
       ## Zehn Fälle pro Woche
       
       558 antifeministische Vorfälle dokumentierte die [3][Meldestelle
       Antifeminismus] für das Jahr 2024, das sind 10 Fälle pro Woche. Eine im
       April 2026 veröffentlichte Befragung von 350 Gleichstellungsbeauftragten
       liefert darüber hinaus alarmierende Zahlen aus deren Alltag. Rund 63
       Prozent der Befragten geben an, antifeministisch motivierte Angriffe auf
       ihre Tätigkeit erlebt zu haben, 40 Prozent sogar mehrere Angriffe in den
       letzten zwei Jahren. Dazu gehören direkte verbale Attacken, Sabotage,
       Diffamierung, digitale Gewalt und für 5 Prozent der Befragten sogar
       Drohszenarien bis hin zu Morddrohungen.
       
       „Wenn ich mich für ein Thema einsetze, dann stehen die Rechten auf meinem
       Hof. Das ist nicht mehr nur irgendwie so eine theoretische Bedrohung,
       sondern die ist für mich praktisch“, erzählt beispielsweise eine
       Gleichstellungsbeauftragte aus Baden-Württemberg in der Befragung. Und
       schiebt nach: „Wie viele Kolleg*innen wollen das eigentlich noch machen,
       wenn das eigene Leben bedroht ist?“
       
       Was helfen kann: Gegenstrategien entwickeln. „Kurs halten in
       antifeministischen Gewässern“, war deshalb zentrales Motto des
       Bundeskongresses der BAG. Insbesondere in Zeiten, in denen
       Gleichstellungsarbeit akut von Haushaltskürzungen in den Kommunen bedroht
       ist.
       
       „Die aktuellen Angriffe auf Gleichstellung zeigen nicht ihre Schwäche,
       sondern ihre gesellschaftliche Bedeutung“, ermutigte Judith Rahner,
       Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates, die Delegierten am
       Montagvormittag. Gleichzeitig warnte sie aber vor der großen
       Anschlussfähigkeit des Antifeminismus in der demokratischen Mitte: „Das ist
       wirklich ein Problem, um das wir uns kümmern müssen.“
       
       ## Besser zusammen
       
       Konkrete Antworten suchen die 70 Gleichstellungsbeauftragten, die dann am
       Nachmittag in Seminarraum 5 der Kongresshalle drängen. Von draußen tönt
       gelegentlich ein Schiffshorn hinein. Drinnen ist es eng, diejenigen, die
       keinen Stuhl ergattert haben, lehnen an der Wand oder sitzen auf dem Boden.
       Vorne stehen die BAG-Sprecherinnen Maja Loeffler und Marie-Luise Löffler
       und stellen ihre Handreichung vor, in der sie Strategien gegen
       Antifeminismus zusammengetragen haben.
       
       „Ich finde es total wichtig, dass man nicht als Einzige im Gemeinderat
       dagegen argumentiert, sondern dass es andere politische Stimmen gibt, die
       sich auch äußern“, sagt eine Beauftragte. Die anderen nicken zustimmend.
       Die Stimmung ist ermutigend, konstruktiv, mehrere Leute machen sich
       Notizen. Wichtig sei, sich mit anderen auszutauschen und zu vernetzen. Das
       Stichwort „Banden bilden“ fällt immer wieder. Gleichzeitig gelte es, die
       eigenen Themen zu kennen. „Sattelfest müsse man sein“, „sachlich und
       fachlich“. Doch das geht nicht immer.
       
       „Ich bin eine Einzelkämpferin“, sagt eine Gleichstellungsbeauftragte aus
       Niedersachsen, hebt dabei fast entschuldigend die Arme. Wegen der
       Kommunalwahlen im Herbst sei dort derzeit besonders viel los, 50 Anfragen
       bekäme sie manchmal von einer Fraktion. „Das sind diese subtilen Angriffe,
       weil gar keine Zeit bleibt, so viele Anfragen zu beantworten oder sich
       vernünftig vorzubereiten“, sagt sie. Rund zwei Drittel der Beauftragten
       arbeiten allein in ihren Verwaltungen.
       
       ## Fürsorge durch Vernetzung
       
       Gegen strategische Zermürbungstaktiken sei der Rückhalt aus der eigenen
       Verwaltung wichtig, meint Löffler. Sie selbst arbeitet bei der
       Gleichstellungsstelle der Stadt Stuttgart und hat zu Intersektionalität
       promoviert. Eine Dezernentin, die auf derselben Seite stehe, könne schon
       viel verändern. Wenn es den Rückhalt aber nicht gibt? Dann sei es wichtig,
       sagt Löffler, „auf eine gute Selbstfürsorge zu achten und frühzeitig auch
       klare Grenzen zu setzen, um in der Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte
       weitermachen zu können.“
       
       Fürsorge sehen die Gleichstellungsbeauftragten auch in der Vernetzung in
       Lübeck. „Wir arbeiten viel allein. Es ist gut zu sehen, wie viele wir
       eigentlich sind“, sagt eine Gleichstellungsbeauftragte aus NRW während der
       Abschlusskundgebung. Dort geht es um die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen
       und Mädchen und um Unterstützung von Alleinerziehenden. Auch ein nationaler
       Aktionsplan gegen Antifeminismus wird gefordert.
       
       Mit viel politischer Rückendeckung können die Gleichstellungsbeauftragten
       dabei jedoch nicht rechnen. Bundesfrauenministerin Karin Prien (CDU), die
       den Kongress eröffnen sollte, hatte ihre Teilnahme abgesagt. Gleichzeitig
       könnten durch die von Prien geplante Neuausrichtung des Bundesprogramms
       „Demokratie leben“ viele Gleichstellungsprojekte ihre Förderung verlieren.
       Unter anderem: die erst 2023 gestartete Meldestelle Antifeminismus.
       
       22 May 2026
       
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