# taz.de -- Kinder- und Jugendarbeit in Bremen: Die unerhörte Jugend
       
       > Die offene Kinder- und Jugendarbeit soll in Bremen neu aufgestellt
       > werden. Doch das Geld reicht nicht für alle.
       
 (IMG) Bild: Eher Hütte als Haus: Täglich kommen rund 30 Jugendliche in den Jugendclub „UPS“ in Bremen-Marßel
       
       Etwa 20 Menschen haben es nicht mehr hineingeschafft. Sie stehen am 11.
       Juni, einem Donnerstag, mit Transparenten vor dem Bremer Jugendausschuss.
       Hier soll die offene Kinder- und Jugendarbeit neu aufgestellt werden. Es
       wird kurz darüber diskutiert, ob die Tagesordnungspunkte neun und zehn, die
       die offene Kinder- und Jugendarbeit betreffen, nicht vorgezogen werden
       können. Schließlich seien viele Kinder und Jugendliche extra direkt von der
       Schule gekommen, um sich an der Diskussion zu beteiligen.
       
       Für den Einwand sei es zu spät, die Tagesordnung könne aus logistischen
       Gründen nicht umstrukturiert werden. Ob man denn wenigstens die Kinder und
       Jugendlichen hereinlassen könne, die vor der Tür stehen? Eigentlich nicht,
       heißt es, wegen des Brandschutzes. Aber na gut. Mehrere Kinder setzen sich
       auf den Boden. Sie haben keinen Sitzplatz bekommen und keiner der
       Erwachsenen bietet seinen Stuhl an. Vor ihnen liegen Schulranzen und
       selbstgebastelte Schilder mit der Aufschrift: „Freizi Neustadt soll offen
       bleiben! Es ist unser zweites Zuhause, checkst du?“
       
       „Freizi“ ist die Abkürzung für „Jugendfreizeiteinrichtung“. Das sind offene
       Häuser, in die Jugendliche kostenlos und ohne Anmeldung kommen können. Es
       gibt diese außerschulischen Bildungsorte in allen Stadtteilen, vor allem
       aber in sozialen Brennpunkten. Es wurden Qualitätsstandards entwickelt, um
       längere Öffnungszeiten und [1][eine verlässliche Finanzierung] der Freizis
       zu sichern. „Es ist wichtig und gut, dass Standards eingeführt werden“,
       sagt Janna Voss, die Hauptamtliche eines Freizis in der Vahr. „Das Problem
       ist nur, dass Bremen nicht genug Geld investiert, um diese Standards
       überall einzuführen. Deshalb müssen jetzt gegebenenfalls mehrere Häuser
       schließen.“
       
       ## Die Senatorin wird ausgelacht
       
       Mehrere Freizis fallen nämlich nun aus der institutionellen Förderung
       heraus und werden stattdessen über Projektmittel finanziert. Sie
       befürchten, dass ihnen dadurch langfristig eine Schließung droht. Immer
       wieder wird der Vergleich mit einer zu kurzen Decke gezogen, an der alle
       ziehen. Die AG Offene Kinder- und Jugendarbeit Bremen hat im Vorfeld
       mobilisiert, es gab eine Demonstration und eine Petition. [2][In einem
       offenen Brief der AG] heißt es: „Qualitätsstandards ohne ausreichende
       Finanzierung werden zur Kürzung durch die Hintertür.“ Die AG fordert
       mindestens acht Millionen Euro mehr.
       
       „Es ist schwierig, von Kürzungen zu sprechen“, sagt Claudia Schilling
       (SPD). [3][Die Bremer Senatorin für Arbeit, Soziales, Jugend und
       Integration] nimmt am Donnerstag zum ersten Mal an der Sitzung des offenen
       Jugendausschusses teil. Sie betont, wie wichtig ihr das Thema sei. Sie wird
       ausgelacht. „2027 investieren wir 1,5 Millionen zusätzlich“, und das „trotz
       enger finanzieller Rahmenbedingungen“. Ein Vater meldet sich zu Wort: „Sie
       sagen immer, ihnen seien die Hände gebunden. Aber man kann in der Politik
       auch mutig sein. Man kann auch umverteilen.“
       
       Der Prozess um die Neuaufstellung der offenen Kinder- und Jugendarbeit ist
       vor knapp zwei Jahren mit breiter Beteiligung gestartet. Es sei harte,
       herausfordernde und sehr emotionale Arbeit gewesen, so das Fazit. „Das
       Arbeitsfeld steht unter enormem Druck“, sagt Selin Arpaz von der SPD.
       Zunächst habe man eine Finanzierungssystematik entwickeln und herausfinden
       müssen, wie der Sozialindex in den jeweiligen Gebieten sei und wie viele
       Jugendliche es dort gebe. Anhand dessen habe man mit einer Formel den
       finanziellen Bedarf ermittelt. „Und diese Formel hat – so sind Formeln nun
       mal – eine Summe ausgespuckt“, so Arpaz.
       
       Um diese Summe wird nun gestritten. Arpaz sagt, dass die Kinder- und
       Jugendarbeit in Bremen aufgestockt worden sei, während in jedem anderen
       Bundesland gekürzt worden sei. Dariush Hassanpour, Landessprecher der
       Linksjugend, sagt hingegen, dass Bremen anteilig am Haushalt am wenigsten
       für die offene Kinder- und Jugendarbeit ausgebe. Gerade diese Arbeit sei
       jedoch sehr wichtig, denn „hier geht es teilweise um Menschenleben“.
       
       Ein Sprecher des seit 50 Jahren autonom verwalteten Sielwallhauses, das
       ebenfalls nicht mehr institutionell gefördert werden soll, sagt: „Wenn man
       Inflation und Lohnerhöhungen einrechnet, dann stehen heute etwa zehn
       Millionen Euro weniger zur Verfügung als 2020. Das trifft ganz konkret
       junge Menschen in einer Stadt mit extrem hoher Kinder- und Jugendarmut.“
       Auf dieser sozialen Ungerechtigkeit kochten die Rechten „ihr faschistisches
       Süppchen“. Er bekommt viel Applaus.
       
       Eines der Freizis, um die es geht, ist das UPS-Haus in Marßel. Von der
       Konferenz aus müsste man erst eine Stunde lang Straßenbahn, dann Zug und
       schließlich Bus fahren, um dorthin zu gelangen. Marßel liegt in
       Bremen-Nord, hinter der Autobahn und den Zuggleisen, in einer der
       prekärsten Gegenden Bremens.
       
       ## Viele kommen hungrig
       
       Das UPS ist eigentlich eher eine Hütte als ein Haus. Daneben gibt es einen
       kleinen Spielplatz, eine Tischtennisplatte, mehrere Bänke und einen
       Fußballplatz. Das Gelände ist häufig vermüllt, doch das Team sowie die
       Familien und Jugendlichen sorgen regelmäßig dafür, dass der Ort wieder
       nutzbar wird.
       
       Täglich kommen etwa 30 Kinder und Jugendliche hierher. Die meisten von
       ihnen sind 16 Jahre alt, ihre Familien kommen aus Somalia, der Türkei, der
       Ukraine. Sie drehen die Musik – türkische Hochzeitslieder, Deutschrap,
       Charts – so richtig auf, dass man sich gar nicht mehr unterhalten kann. Sie
       liefern sich Wettrennen mit E-Scootern, tanzen und chillen. Es ist ihr
       Haus. Wenn sie Hunger haben, bekommen sie Geld, kaufen selbst ein, kochen
       gemeinsam und übernehmen anschließend die Verantwortung für das Aufräumen.
       Im UPS wird fast täglich gekocht, da viele der Jugendlichen hungrig kommen.
       
       Alen Lilic vom UPS arbeitet seit knapp zehn Jahren in der offenen Kinder-
       und Jugendarbeit. Er kennt die Jugendlichen und ihren familiären sowie
       sozialräumlichen Kontext. „Kontinuität ist wichtig, weil Vertrauen in der
       offenen Kinder- und Jugendarbeit nicht kurzfristig entsteht.“
       
       ## Auf Ferienfahrt, ohne dass die Eltern davon wissen
       
       Ein Großteil des Teams ist seit vielen Jahren im UPS beschäftigt. „Beim
       ersten Mal wird vielleicht nur Darts gespielt. Beim neunten Mal erzählen
       sie, was zu Hause los ist. Und genau da setzen wir an.“
       
       Viele der Jugendlichen hätten über ihr direktes Umfeld, ihre Eltern,
       Geschwister oder den Freundeskreis, Berührungspunkte mit Drogen. „Viele
       Themen, die Jugendliche zu Hause nicht ansprechen können oder wollen,
       besprechen sie bei uns.“ Das Team arbeite eng mit Streetworker*innen, der
       Kontaktpolizei und dem Quartiersmanager zusammen.
       
       Lilic hat regelmäßig erlebt, dass Kinder nicht die notwendige Unterstützung
       ihrer Eltern erfahren. So sei ihm bei einer früheren Ferienfahrt
       beispielsweise aufgefallen, dass einzelne Kinder die Unterschriften ihrer
       Eltern gefälscht hatten. Die Kinder waren mehrere Tage lang auf der
       Ausfahrt, ohne dass ihre Eltern davon wussten. „Erschreckend war dabei,
       dass das zu Hause teilweise kaum aufgefallen ist.“
       
       Das UPS kostet 105.000 Euro im Jahr. Ende des Jahres wird es aus der
       institutionellen Förderung herausfallen und in Zukunft nur noch über
       Projektgelder finanziert werden.
       
       ## Alibikonferenzen ohne Jugendliche
       
       Auch das Freizi in der Bispinger Straße in der Vahr ist davon betroffen. Im
       Vergleich zum UPS-Haus ist es riesig, es gibt unter anderem eine Turnhalle
       und ein Tonstudio, man kann boxen, tanzen, Basketball spielen.
       
       Lilli Kubon ist Nutzerin des Freizis. Als Sprecherin des Jugendforums ist
       sie an den Planungsprozessen des Jugendausschusses beteiligt. Die
       19-Jährige bezeichnet die Planungskonferenzen als „Alibikonferenzen“. Denn
       obwohl Jugendliche explizit eingeladen würden, würde ihnen nicht ernsthaft
       zugehört. Außerdem hätten die Konferenzen zu einer Uhrzeit stattgefunden,
       zu der die meisten noch in der Schule gewesen seien.
       
       Die Kinder, die an der Konferenz teilnehmen, sind fast ausnahmslos weiß.
       Das liegt vermutlich daran, dass man mindestens fließend Deutsch sprechen
       muss, um überhaupt etwas zu verstehen. „Das war wie ein Eminem-Konzert, wie
       die die Zahlen runtergerattert haben. Wir mussten uns sehr durchkämpfen“,
       sagt Lilli. „Wenn man wirklich will, dass sich Jugendliche beteiligen,
       hätte man das anders machen müssen.“
       
       „Bitte verwendet eine Sprache, die die Jugendlichen verstehen“, sagt eine
       Frau aus dem Publikum. Doch für den Hinweis ist es zu spät. Die Konferenz
       ist fast vorbei, ein Großteil der Jugendlichen ist bereits gegangen.
       
       21 Jun 2026
       
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