# taz.de -- Trotz Boykott und Protesten beim ESC: Warum Israel in Wien so erfolgreich war
> Unerwartet viele Zuschauer stimmten für Noam Bettan. Der Erfolg verdankt
> sich dem Votingsystem, gezielter Werbung – und seinem Song „Michelle“.
(IMG) Bild: Sammelte mit „Michelle“ sehr viele Zuschauerstimmen: Israels ESC-Kandidat Noam Bettan
KNA/taz | Es war [1][das beherrschende Thema des diesjährigen Eurovision
Song Contest: die Proteste gegen die Teilnahme Israels]. Gleich fünf Länder
boykottierten den Musikwettbewerb, schon im Halbfinale erntete Israels
Auftritt einige Buhrufe, und am Samstag vor dem Finale demonstrierten
Hunderte Menschen vor der Wiener Stadthalle. Doch am Ende stand Israel mit
„Michelle“ von Noam Bettan kurz vor dem Sieg, weil es sehr viele
Zuschauerstimmen sammelte – was ebenfalls mit Buhrufen quittiert wurde.
Erst im letzten Moment landete Israel nur auf dem zweiten Platz. Wie passt
das zusammen?
Eine maßgebliche Ursache für Israels Erfolg dürfte wohl im
Abstimmungsverfahren des ESC liegen. Die Punktevergabe speist sich neben
den Wertungen von Fachjurys eines jeden Landes (Juryvoting) zudem aus den
Stimmen der Zuschauer (Televoting). Diese werden durch Anrufe gemessen –
und hier setzt eine der Erklärungen an: Es ist wesentlich einfacher, für
ein Land abzustimmen, als explizit gegen ein Land.
Während die Befürworter des israelischen Beitrags – sei es aus politischen
oder rein musikalischen Gründen – gezielt und relativ einfach bis zu
zehnmal pro Gerät für Israel anrufen konnten, hätten sich die Protestler
untereinander abstimmen müssen, wen sie stattdessen unterstützen. Die
Stimmen einfach nur auf beliebige andere Länder zu verteilen, das hätte
keinen nennenswerten Effekt gehabt. Die Israel-Supporter waren gegenüber
den Gegnern also im klaren Vorteil.
## Wenige Anrufer reichen für zwölf Punkte
Auch deshalb sicherte sich das Land beim reinen Televoting mit 220 Punkten
den dritten Platz, hinter Rumänien (232) und dem Siegertitel aus Bulgarien
(312). In sechs Ländern, darunter auch Deutschland, gab es für Israel mit
zwölf Punkten die Höchstwertung vom Publikum.
Schon im vergangenen Jahr schnitt Israel beim ESC im Televoting stark ab,
sicherte sich mit 297 Punkten sogar die meisten Stimmen der Zuschauer.
Damals konnte man noch zwanzigmal pro Gerät anrufen. Weil das zu einer
hitzigen Debatte und Manipulationsvorwürfen führte, wurden [2][die
ESC-Regeln in diesem Jahr geändert].
Die detaillierten Abstimmungszahlen von 2025 zeigen, [3][wie schon
verhältnismäßig wenige Anrufer einzelnen Ländern zu vielen Punkten
verhelfen können]. Wie die New York Times berichtete, warb Israels
Regierung damals mit einer massiven Kampagne unter anderem in sozialen
Netzwerken für seine damalige Teilnehmerin, die Sängerin Yuval Raphael.
Die Israelin erhielt mit ihrem Song „New Day Will Rise“ im vergangenen Jahr
etwa 33,3 Prozent aller Stimmen aus dem spanischen Televoting. Die Ukraine
landete im spanischen Televoting auf Platz zwei – mit nur 6,7 Prozent der
Stimmen. Für dieses klare Ergebnis hätten rechnerisch schon etwa 2.400
Spanier gereicht, die alle ihre 20 Stimmen für Israel verwendeten. Auch
deshalb wurde für den diesjährigen ESC die Zahl der möglichen Anrufe auf
zehn reduziert.
## Werbekampagnen für Israels Beiträge
Ein weiterer Grund für das gute Abschneiden im Televoting dieses und
vergangenes Jahr könnte an der Werbung für Israels Beiträge gelegen haben.
Laut Medienberichten hatte die israelische Regierung 2025 viele
Online-Anzeigen in mehreren Sprachen geschaltet, in denen dazu aufgerufen
wurde, alle 20 Stimmen für Israel abzugeben.
In diesem Jahr waren Aufrufe, die explizit für ein wiederholtes Anrufen für
nur ein Land warben, untersagt. Doch Anfang Mai wurde vielen Nutzern der
Videoplattform Youtube ein Werbevideo angezeigt, in dem [4][der israelische
Sänger Noam Bettan] selbst dafür warb, alle zehn Stimmen für Israel zu
nutzen. Die Europäische Rundfunkunion (EBU), die den ESC organisiert, hat
den israelischen Sender KAN dafür verwarnt. Die Videos wurden gelöscht.
Dafür warb etwa die Deutsch-Israelische Gesellschaft bei ihren bundesweit
10.000 Mitgliedern aktiv darum, bis zu zehnmal für den israelischen Beitrag
zu votieren.
## Guter Gesang, großes Bühnenbild
Doch nicht zuletzt erklärt auch der israelische Song selbst sein
erfolgreiches Abschneiden – der Beitrag war schlicht gut geeignet für den
ESC. Über Geschmäcker mag man streiten, doch Bettan konnte gesanglich
überzeugen und auch das Bühnenbild mit einem riesigen Diamanten war
stimmig. Das zeigten auch die Ergebnisse der Jurys: Aus vielen Ländern
erhielt Israel vereinzelt Punkte, aus Deutschland etwa kamen drei.
Insgesamt landete Israel im Juryvoting mit 123 Punkten auf einem soliden
achten Platz.
Generell gab es in diesem Jahr viele technisch gute Beiträge, was sich im
Juryvoting niederschlug. Bis auf Bulgarien, das mit 204 Punkten dieses
Voting anführte, liegen die Ergebnisse relativ nah beieinander. Australien
und Dänemark auf den Plätzen zwei und drei bekamen beide 165 Jurypunkte,
gefolgt von Frankreich (144), Finnland (141), Italien (134) und Polen (133)
vor Israel (123).
Diese Verteilung begünstigte dann auch Israels gute Gesamtplatzierung.
Denn: Sind die Unterschiede bei den Punkten des Juryvotings klein,
profitieren die Länder, die beim Televoting sehr gut abschneiden – Israel
musste nur wenige Punkte aufholen. So kam das Land nach den 123 Jurypunkten
und den hinzugerechneten 220 Punkten aus dem Televoting auf 343
Gesamtpunkte und holte den zweiten Platz in der Endabrechnung.
## Aufatmen bei der EBU?
Der Umgang mit diesem Ergebnis ist dabei ein zweischneidiges Schwert. Die
Europäische Rundfunkunion dürfte durchaus erleichtert sein, dass Israel
nicht als Sieger aus dem ESC hervorgegangen ist. Bei einem Sieg hätten sich
mehrere Fragen gestellt: Kann der ESC 2027 überhaupt in Israel stattfinden?
Gibt es nach einem Erfolg des Landes weitere Proteste? Würden [5][noch
weitere Länder den Musikwettbewerb boykottieren?]
Andererseits will Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen
Gesellschaft, einen Sieg Israels nicht als mögliche Gefahr für den ESC
sehen. „Nicht ein israelischer Erfolg beschädigt den Eurovision Song
Contest, sondern die Vorstellung, ein demokratisches Abstimmungsergebnis
sei nur dann akzeptabel, wenn Israel nicht gewinnt“, teilte er am Montag
mit. Und: „Versuche, Israel über Kulturboykotte aus internationalen
Wettbewerben und Bühnen zu drängen, dürfen gar nicht erst salonfähig
werden.“
Tatsächlich brachte ESC-Direktor Martin Green am Samstag sogar eine
mögliche Rückkehr Russlands zum Wettbewerb ins Spiel. Russland war nach dem
Beginn seines Angriffskriegs in der Ukraine vom ESC ausgeschlossen worden –
aber auch, weil die russischen TV-Sender ihre Unabhängigkeit vom russischen
Staat eingebüßt haben, womit sie gegen die geltenden Richtlinien
verstießen. Der Präsident des spanischen öffentlich-rechtlichen Senders
RTEV, José Pablo López, reagierte scharf und bezeichnete Greens Äußerungen
als „eklatante Beleidigung europäischer Werte“.
18 May 2026
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