# taz.de -- Umstrittener Suizid-Aktivismus: Dr. Tod ist gestürzt
       
       > Der Hamburger Sterbehilfeaktivist Roger Kusch ist als Vorstand seines
       > Vereins abgewählt worden. Ein Rückblick auf eine schillernde Karriere.
       
 (IMG) Bild: Setzt sich seit Jahren für gewerbsmäßigen assistierten Suizid ein: Roger Kusch bei einer Pressekonferenz 2008 in Hamburg
       
       Eigentlich war die Generalversammlung des Vereins Sterbehilfe am Samstag in
       Hamburg ein Heimspiel für Roger Kusch, zu Beginn noch Präsident des
       Vorstands. Am Ende ist er mit deutlicher Mehrheit abgewählt, und das in der
       Stadt, in der er seine schillernde Karriere als Sterbehilfe-Aktivist
       begonnen hat.
       
       2008 stellte er dort einen selbst gebauten Injektionsautomaten zur
       Selbsttötung vor und erntete [1][von der Presse den Spitznamen Dr. Tod] und
       bei der Ärzt:innenschaft [2][erbitterten Widerstand]. „Wir brauchen
       keine Tötungsmaschine, sondern eine Sterbebegleitung und
       palliativmedizinische Betreuung, die den Menschen am Ende ihres Lebens
       Schmerzen und Ängste nimmt“, sagte Frank Montgomery, der damals Präsident
       der Hamburger Ärztekammer war.
       
       18 Jahre später ist assistierter Suizid zwar nicht Normalität, aber
       geschäftsmäßige Suizidassistenz grundsätzlich legal. Das liegt auch am
       Engagement des 71-jährigen Kusch, dessen Motive sonderbar unklar sind. Als
       er die Selbsttötungsmaschine vorstellte, sagte er zu seinen Beweggründen:
       „Als Ehrenamtlicher will ich meine Fähigkeiten anderen zur Verfügung
       stellen“. Worin diese Fähigkeiten bestehen? Eines lässt sich sicher sagen:
       in einer gewissen Zähigkeit.
       
       Roger Kusch hat seine Karriere als Sterbehelfer vorerst im Saal eines
       Hamburger Cinemaxx beendet. Das passt zu einer Laufbahn, die filmreif wie
       gelegentlich geschmacklos und politisch gesehen rechtspopulistisch war. Von
       2001 bis 2006 war er Justizsenator unter Bürgermeister und Parteifreund Ole
       von Beust (CDU) in einer Koalition mit dem Rechtspopulisten Ronald Schill.
       Behördenintern erwarb er einen Ruf als „lächelnde Guillotine“, forderte die
       Legalisierung der aktiven Sterbehilfe und eine Abschaffung des
       Jugendstrafrechts.
       
       ## Makaberes Katz-und-Maus-Spiel mit der Justiz
       
       Doch [3][2006 endete Kuschs Laufbahn als Senator], nachdem bekannt geworden
       war, dass seine Behörde unerlaubt vertrauliche Unterlagen erhalten und
       weitergegeben hatte. Die von Kusch im Anschluss gegründete
       Law-and-Order-Partei Heimat.Hamburg blieb erfolglos. Seitdem verfolgte der
       Jurist vor allem ein Thema: den assistierten Suizid.
       
       Was er seit 2008 betreibt, ist neutral gesagt eine Grenzauslotung dessen,
       was im Rahmen oder auch in der Grauzone geltenden Rechts machbar ist. 2009
       assistierte er beim Suizid einer 79-Jährigen, die in einer Videobotschaft
       erklärte: „Ich kann nicht sagen, dass ich leide, aber ich kann mich so
       schlecht bewegen.“ Ihr Leben sei anstrengend und unbefriedigend. 2009
       verbot das Hamburger Verwaltungsgericht Kuschs Verein, der Suizidassistenz
       für 8.000 Euro anbot, mit der Begründung, dies sei „sozial unwertige
       Kommerzialisierung des Sterbens durch Beihilfe zum Suizid gegen Entgelt“.
       
       Das weitere Agieren Kuschs kann man ein makabres Katz-und-Maus-Spiel mit
       der Justiz nennen. Wohlwollende sehen darin den Spiegel eines
       gesellschaftlichen Mentalitätswandels, der Assistenz beim Suizid als
       verfügbare Möglichkeit einfordert. 2012 gründete Kusch den Verein
       Sterbehilfe in Zürich und nutzte damit die Möglichkeiten der
       schweizerischen Gesetzgebung. Seit der Aufhebung des Verbots des
       kommerziellen assistierten Suizids in Deutschland weitete der Verein seine
       Aktivitäten aus: deutsche Staatsangehörige können die Dienste des Vereins
       nutzen, es gibt ein Büro in Hamburg.
       
       Laut Hannoverscher Allgemeiner Zeitung (HAZ) sind Roger Kusch indirekt die
       Verbindungen nach Hamburg zum Verhängnis geworden. Nachdem die Konflikte
       zwischen ihm und dem übrigen Vereinsvorstand eskaliert waren, habe er
       ausgewählte Hamburger Vereinsmitglieder – mutmaßlich auf seiner Seite
       stehend – auf Vereinskosten nach Zürich zur Generalversammlung bringen
       lassen: Die Kosten für Bus und Hotel sollen sich auf 15.000 Euro belaufen.
       Ein Vereinsmitglied soll deshalb Strafanzeige gegen Kusch gestellt haben.
       
       Eine andere Quelle des Konflikts soll ein Streit um den Umgang mit einer
       Suizid-Interessentin mit fortgeschrittener Demenz sein. Kusch soll dem
       Geschäftsführer vorwerfen, fahrlässig grünes Licht für die Aufnahme der
       Frau gegeben zu haben. Doch möglicherweise ist er nicht nur aus
       altruistischen Gründen besorgt: Im Bericht der HAZ wird eine Quelle
       zitiert, die sagt, Kusch habe Angst aufgrund mehrerer Prozesse in
       Deutschland gegen Sterbehelfer, die Menschen mit psychischer Erkrankung
       beim Suizid assistiert haben.
       
       Eine Stellungnahme des Vereins Sterbehilfe gibt es bis Redaktionsschluss
       nicht. Eugen Brysch, Vorstand der [4][Deutschen Stiftung Patientenschutz],
       schreibt auf Anfrage eine Einschätzung zur Arbeit des Vereins: „Ohne
       Zweifel hat Sterbehilfe Deutschland einen deutlichen Beitrag zu der enormen
       Zunahme an Selbsttötungsangeboten geleistet. Neben Sterbehilfe-Anbietern
       steigen auch immer mehr Bestatter, Ärzte sowie Einzelunternehmer in das
       Geschäftsmodell der organisierten, bezahlten Selbsttötung ein. Mit diesem
       unternehmerischen Konzept werden schon jetzt jährlich mehr als sechs
       Millionen Euro umgesetzt. Der Bundestag ist dringend aufgefordert, den
       Profit mit der Selbsttötungsassistenz endlich zu verbieten“.
       
       Nach dem assistierten Suizid der Kessler-Zwillinge im letzten Jahr wurde
       Roger Kusch in Welt-TV befragt: Ihr Tod zeige, dass man inzwischen „auch in
       Deutschland sterben kann“, sagte er dazu.
       
       Haben Sie suizidale Gedanken? Dann sollten Sie sich unverzüglich ärztliche
       und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wenden Sie sich an die nächste
       psychiatrische Klinik oder rufen Sie in akuten Fällen den Notruf an unter
       112. Eine Liste mit weiteren Angeboten finden Sie unter
       [5][taz.de/suizidgedanken].
       
       18 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Dr-Tod-in-der-Grauzone/!5261918&s=roger+kusch/
 (DIR) [2] /Gegen-staatlich-assistierten-Suizid/!5385973&s=montgomery+sterbehilfe/
 (DIR) [3] /In-Hamburg-wird-nicht-mehr-geKuscht/!455207&s=roger+kusch+entlassung/
 (DIR) [4] https://www.stiftung-patientenschutz.de/
 (DIR) [5] /Hilfsangebote-bei-suizidalen-Gedanken/!6009869
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
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