# taz.de -- Debatte um Sterbehilfe: Das Gegenteil von Freiheit?
> Sterbehilfe wird als fortschrittlich und liberal wahrgenommen. Dass
> gerade vulnerable Gruppen das Angebot annehmen, deutet auf einen
> Missstand hin.
(IMG) Bild: Die Kessler-Zwillinge: Ihr Leben war ein Roman. Über die Freitode der Marginalisierten hört man weniger
Je stärker Sterbehilfe und assistierter Suizid liberalisiert werden, desto
stärker werden die Rufe nach weiteren Liberalisierungen. Das galt auch im
November 2025, als sich die Zwillinge Alice und Ellen Kessler, ein aus den
50ern und 60ern bekanntes Künstlerinnenduo, das Leben nahmen, die
Anteilnahme war allgegenwärtig. Die Zurückhaltung, die sich viele Medien
bei der Berichterstattung über Suizide auferlegt haben, galt in diesem Fall
nicht; sie scheint überhaupt von nachgeordneter Bedeutung, wenn es um
Fragen des assistierten Suizids und der Sterbehilfe geht.
In der Berichterstattung scheint die Hoffnung nach Selbstbestimmung
zumindest im Tode auf: Das Ideal des freien Menschen, der eine Wahl hat und
sich selbst gehört, wird an dieser existenziellen Frage, wie zu sterben
ist, ständig eingeübt. Sie starben „aus freien Stücken und so, wie sie es
voller Hingabe gelebt hatten: gemeinsam“ (Spiegel Online), [1][„entschieden
sie sich, nun ihr Leben mit einem Punkt zu versehen“ (taz)] und sie gingen
„selbstbestimmt und gemeinsam“ (FAZ) – die Perspektiven ähneln sich.
Eine Eigenart des öffentlichen Gesprächs über Sterbehilfe und assistierten
Suizid liegt darin, dass er häufig auf einzelne Schicksale zurückgeht:
Dadurch geht viel soziale Komplexität verloren. Andere Tode würden andere
Fragen aufwerfen und sind vielleicht auch eher geeignet, das große Dilemma
dieser Debatte aufzuzeigen.
Beispielsweise der Tod Normand Meuniers, 66 Jahre alt, ein ehemaliger
Lastwagenfahrer. Er war nach einem Unfall querschnittsgelähmt. Während
eines Krankenhausaufenthaltes verbrachte er vier Tage in einer Notaufnahme
auf einer Liege ohne die notwendige Dekubitusprophylaxe. Ein Dekubitus ist
ein durch Druck entstehendes Geschwür, das bei Normand Meunier bis an die
Knochen reichte. Seine Frau sagte im Gerichtsverfahren, von seinem Gesäß
sei nichts mehr übrig gewesen. Eine Heilung hätte mindestens Monate
gedauert – Monate, die Meunier ausschließlich liegend verbracht hätte.
Statt dieser Tortur wählte er den assistierten Suizid.
## Besonders Marginalisierte betroffen?
Normand Meuniers Schicksal zeigt das ganze Dilemma der Diskussion.
Einerseits: Wäre es nicht unmenschlich, Meunier zu zwingen, sich heilen zu
lassen und über Monate, wenn nicht Jahre, Qualen und massive
Einschränkungen hinzunehmen? Andererseits: Wird Sterbehilfe sukzessive zu
einer Behandlungsalternative in einem unterfinanzierten System etabliert?
Und wird diese Alternative – wie es in Kanada der Fall ist – in einem
besonderen Maße Marginalisierte betreffen?
An zwei Achsen bricht die Debatte um Sterbehilfe und assistierten Suizid.
Die eine verläuft zwischen den Polen Vulnerabilität und Autonomie, die
andere zwischen den Polen Würde und Menschenrechte. Während
Befürworter*innen einer weiteren Liberalisierung das Individuum in den
Blick nehmen, dem die Freiheit einer Entscheidung gleichermaßen obliegt und
zusteht, sind Gegner*innen darum bemüht, [2][die sozialen Auswirkungen
sichtbar zu machen und systemische Aspekte miteinzubeziehen].
Zweitere haben in der Regel einen schwereren Stand, mit ihren Bedenken
durchzudringen. Im Gegensatz zur juristischen Auseinandersetzung zum Thema
ist die öffentliche Diskussion von einer Tendenz, die man Romanisierung
nennen könnte: die Fixierung aufs ganze Leben und Sterben einzelner
Menschen. Dieses Muster herrscht seit Beginn der Debatte in den 70er-Jahren
vor, allerdings hat sich seither die Gewichtung der Positionen stark
verschoben.
Bis dahin war der Tenor, jede Form von Euthanasie abzulehnen, einhellig,
auch von ehemaligen Vertreter*innen der NS-Medizin. Erst der sogenannte
Postma-Fall in den Niederlanden 1973 löste in Deutschland Kontroversen aus:
Eine Ärztin aus Leeuwarden hatte ihre Mutter auf deren Wunsch hin mit einer
tödlichen Dosis Morphin versorgt. Sie wurde zu einer Woche Haft auf
Bewährung verurteilt, weil ein Freispruch juristisch nicht möglich war.
Ein ähnliches Ereignis versuchte 1984 der Chirurg und Autor Julius
Hackethal in Deutschland auszulösen. Er veröffentlichte eine
Videodokumentation, die den selbstgewählten Tod Hermine Eckerts zeigt;
Hackethal hatte ihr zu diesem Zweck Zyankali besorgt. Die Veröffentlichung
führte zu einer umfassenden Debatte, in der erstmals auch
Verfechter*innen einer Liberalisierung breit zu Wort kamen.
## Liberalisierung drängt auf mehr Liberalisierung
Es hat sich seither – auch ein Aspekt der Romanisierung – der Blick fast
ausschließlich auf Fälle im eigenen Land konzentriert; die Debatte um den
würdigen Tod ist (übrigens nicht nur in Deutschland) eine nationale. Dabei
gäbe es aus den Erfahrungen anderer Länder viel zu lernen: dass zum
Beispiel Liberalisierungen eine Eigendynamik entwickeln, die auf immer
weitere Liberalisierungen drängen.
In den Niederlanden entfallen aktuell 5,8 Prozent aller Tode auf
Sterbehilfe, in Kanada sind es 5,1 Prozent, in Belgien 3,3 Prozent. In
allen diesen Ländern steigen die Zahlen seit Jahren kontinuierlich,
besonders im Bereich der psychischen Erkrankungen.
Wenige Wochen nach dem Postma-Urteil veröffentlichte der niederländische
Gesundheitsrat seinen Euthanasiebericht, in dem es lapidar hieß: „Der
Wunsch nach Euthanasie kommt nur sehr selten vom Patienten selbst.“ Und
wenn der Wunsch doch von den Patient*innen selbst kommt – wie frei ist
er dann?
Ramona Coelho, Ärztin in Kanada, hat die beispiellos schnelle
Liberalisierung in ihrem Land direkt miterlebt (Medical Assistance in Dying
wurde 2016 eingeführt). Im [3][Interview mit der Jungle World] berichtet
sie, dass „viele Patient:innen von finanziellen Schwierigkeiten und
Mangel an sozialer Unterstützung betroffen“ seien. „Einige meiner
behinderten Patient:innen haben mir gesagt, dass sie sich als Belastung
für das Gesundheitssystem oder ihre Familien fühlen. Mehrere von ihnen
stellten sogar die Frage, ob die Entscheidung für MAiD Ressourcen für
andere sparen würde.“ Den Tod zu wählen aus einem Gefühl sozialer
Verantwortung: Das ist das Gegenteil von Freiheit.
Die Kessler-Zwillinge haben die Berichterstattung über ihren Tod explizit
erlaubt. Es ist freilich kein Zufall, dass man über die Tode der
Marginalisierten weniger hört als über die Tode jener, deren Leben
tatsächlich ein Roman war.
11 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nachruf-auf-die-Kessler-Zwillinge/!6130609
(DIR) [2] /Debatte-um-Sterbehilfe/!5942119
(DIR) [3] https://jungle.world/artikel/2025/10/sterbehilfe-kanada-der-tod-wird-als-antwort-auf-leiden-normalisiert
## AUTOREN
(DIR) Frédéric Valin
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