# taz.de -- Die Wahrheit: Alles cremig
> Im Gegensatz zu den knallharten Ansagen des Kanzlers lieben die
> Verbraucher nicht nur auf dem Feld der Genüsse die geschmeidig lockere
> Konsistenz.
Die Zeiten sind hart wie Granit, unsere Sehnsüchte als empfindende Wesen
bleiben dagegen weich und fluffig. Sie gleichen dem Schaumzucker, dem
Rahmjoghurt oder der frisch aufgeschlagenen Sahne, deren jeweils
liebenswerteste Eigenschaft ihre Cremigkeit ist. Cremig sollen deshalb
nicht nur Pastagerichte sein, wie inzwischen jede bessere Rezeptsammlung im
Netz rät, nicht nur schmackhafte Lauchpfannen oder würzige
Thai-Kokos-Suppen, sondern auch Käsekuchen, Tiramisu und
Bratwurstfüllungen.
Im Gegensatz zu Songs von Slayer oder Ansagen des Kanzlers, die weiterhin
aggressiv reinknüppeln wie nichts Gutes, darf es auf dem Feld der
kulinarischen Genüsse einigermaßen gefällig, slick und soft zugehen – wie
auf einer durchschnittlichen Boomer-Playlist. An Zungen und Gaumen nämlich
wollen wir das Brettharte, Knochige und Verhornte lieber nicht spüren.
Trocken Brot macht vielleicht Wangen rot, doch es strengt beim Kauen allzu
sehr an; an der alten Hartwurst aus der Vorratskammer ist oft stundenlang
und lustlos herumzuknapsen.
Solch schweißtreibende Mühsal darf Menschen zwar bei der täglichen Fron
begleiten. Nach Feierabend dürstet es uns indes nach anderen, bequemer zu
konsumierenden Konsistenzen. Wenn der Camembert zerfließt wie Uhren von
Dalí und uns die von Fernsehköchen gerühmte „Schlotzigkeit“ des Risottos
vollends hinreißt, befinden wir uns im Reich der Vollmundigkeit. Dort sind
wir eventuell seit seligen Muttermilchzeiten zu Hause und kehren am
Esstisch gern dahin zurück. Glätte und Reichhaltigkeit des Verzehrgutes
schmeicheln den Geschmacksknospen, das Sämige und Sahnige geht darüber
hinaus „gut den Rachen runter“.
## Reichtum an Kalorien
Zugleich signalisiert die köstliche Viskosität einen üppigen
Kalorienreichtum: Hier wird man richtig satt. Wer zur Crème de la Crème der
Küchenprofis gehören möchte, muss deshalb auf einen ausreichenden
Fettgehalt der Speisen achten, die Einbindung von Flüssigkeit durch
Emulgatoren wie Eigelb betreiben und mithilfe eines Rührquirls
gegebenenfalls einen kräftigen Einschlag von Luft und Liebe vornehmen. Mit
anderen Worten: Die Mousse au chocolat darf nicht zu staubig sein. Die
hausgemachte Hollandaise sollte weder krümeln noch klumpen. Das Hummus
verträgt obendrauf noch einen kräftigen Schuss Olivenöl. Ja, ruhig noch
einen.
Wer es allerdings gern etwas preiswerter hätte, ersetze sämtliche
hochwertige Zutaten durch billige Surrogate – das merkt schon niemand.
Bester Beweis ist die industrielle Speiseeisherstellung, bei der schlichtes
Pflanzenfett, viel Rübenzucker sowie Mono- und Diglyceride von
Speisefettsäuren im Wert von wenigen Cent die Samtigkeit eines ganzen
teuren Bechers Schlagsahne zu imitieren imstande sind.
Wichtig ist halt nur, dass es im Munde des Verbrauchers am Ende cremig ist.
Denn geschmeidig wie die Aale wären wir am liebsten, geschmeidig wie
Buttercreme soll wenigstens unser Essen sein.
19 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Mark-Stefan Tietze
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