# taz.de -- Repressionen gegen Umweltschützer: Hohe Geldstrafe wegen falscher Buchungsspalte
> Ecuador kriminalisiert die Initiator:innen des erfolgreichen
> Volksbegehrens gegen Ölförderung im Regenwald. Doch die organisieren
> Widerstand.
(IMG) Bild: Yosunidos und andere Aktivist:innen vor dem Verfassungsgericht: Sie wollen, dass sich die Regierung an das Referendum hält
Es war ein [1][historisches Referendum] im August 2023, als die
ecuadorianische Bevölkerung abstimmte, dass kein weiteres Erdöl im
Nationalpark Yasuní gefördert werden dürfe – und die Bohrlöcher
zurückgebaut werden müssen. Seitdem tut die Regierung alles daran, sich
nicht an das Votum zu halten – und die Aktivist:innen zu
kriminalisieren.
Hauptinitiator des Referendums, das Umweltschutzkollektiv Yasunidos, aber
organisiert weiter Widerstand gegen die Repressionen. Um eine dubiose
Strafzahlung gegen zwei ihrer Mitglieder zu begleichen, haben sie [2][durch
Crowdfundings], Tombolas, Partys und Spenden rechtzeitig mehr als 18.000
Dollar zusammenbekommen.
Das Verwaltungsgericht für Wahlangelegenheiten hatte eine Strafe von
jeweils 9000 Dollar gegen Sofia Torres, Verantwortliche für Finanzen bei
der Yasuní-Kampagne, und Pedro Bermeo, der die Kampagne gemanagt hat,
angeordnet. Die 34-jährige Torres hatte damals 10,39 Dollar aus eigener
Tasche bezahlt, um die Kampagne ins Steuerregister einzutragen. 10 Dollar
für den Eintrag, 39 Cent für die Überweisung der Gebühr, sagt sie der taz
telefonisch. Angeblich hätten die 39 Cent in eine andere Spalte bei der
Buchhaltung gehört – so die Begründung für die Strafzahlung. Angst habe sie
nicht, sagt Torres, „Empörung“ spüre sie.
Das Kollektiv dankt auf der Spendenseite von GoFundMe der breiten Bewegung:
„Aus tiefer demokratischer Überzeugung haben wir uns entschlossen, diese
Zahlung zu übernehmen, um eine weitere Eskalation der Schikanen gegen
unsere Gruppe zu verhindern und so unsere Arbeit zum Schutz der Natur
fortsetzen zu können, bis der Volkswille, den Yasuní zu schützen, umgesetzt
wird“.
## Yasunidos-Kollektiv zieht vors Verfassungsgericht
Yasunidos betont: „Diese Geldstrafe ist verfassungswidrig und ungerecht und
Teil einer Kampagne der Verfolgung und des Drucks gegen diejenigen, die
sich für Rechte, Territorien und eine echte Demokratie einsetzen.“ Das
Kollektiv habe beim Verfassungsgericht eine außerordentliche Schutzklage
eingereicht – um einen Präzedenzfall zu schaffen und zu verhindern, dass
dieses Urteil zu einer institutionellen Praxis werde, die die Ausübung der
direkten Demokratie behindert.
Die ganze Klage war hoch dubios: Die Präsidentin des Nationalen Wahlrats,
Diana Atamaint, hatte fast zwei Jahre gebraucht, um die falsche
Buchhaltungsspalte zu bemängeln. Am 5. November 2025 reichte sie die Klage
ein. Der Vorwurf: Yasunidos habe die wirtschaftlichen Unterlagen für die
Kampagne zur Volksbefragung von 2023 nicht vollständig vorgelegt. Wäre es
nach Atamaint gegangen, hätten Torres und Bermeo auch noch vier Jahre lang
ihr aktives und passives Wahlrecht verloren.
Der Richter in erster Instanz lehnte die Klage Ende Februar ab – doch
Atamaint legte Berufung ein. Das Plenum des Verwaltungsgerichts für
Wahlangelegenheiten gab dieser statt, obwohl das Kollektiv angeblich
fehlende Unterlagen zu den Kampagnenfinanzen nachträglich eingereicht
hatte.
Auffallend ist auch der Kontext. Atamaint reichte die Klage just einen
Monat nach den schweren Protesten gegen die Regierung unter Präsident
Daniel Noboa ein, bei denen indigenen Aktivist:innen wie damals bei dem
Yasuni-Referendum Bankkonten gesperrt wurden – und zehn Tage vor der von
Noboa angestrebten Volksbefragung, die unter anderem eine neue, ihm genehme
Verfassung erwirken sollte. Die Ecuadorianer:innen erteilten der
Regierung eine Absage. Dieses Timing lesen nicht nur Mitglieder von
Yasunidos als Beleg dafür, dass politische Gründe hinter der Klage stecken.
## Noboa-Regierung setzt auf Bergbau und Öl
Bei dem Gericht handelt es sich um dieselbe Instanz, die in der
Vergangenheit alle Klagen gegen Noboa abgeschmettert hatte, als der mit
öffentlichen Mitteln Wahlkampf betrieb oder als er Wahlkampf führte, ohne
als Präsident eine Beurlaubung zu beantragen.
Noboa hatte auch darauf beharrt, er brauche das Öl aus Yasuní, um den Krieg
gegen den Drogenhandel zu finanzieren. Bis heute hat er den Volkswillen
nicht umgesetzt. Laut dem Konzern Petroecuador produziert der Block 43-ITT
immer noch täglich über 41.000 Barrel Erdöl, betont Torres im Gespräch mit
der taz.
„Der Text ist voller Widersprüche und Behauptungen, die an Absurdität
grenzen“, kommentierte die Zeitung Primicias das Urteil. Laut dem Kollektiv
Yasunidos gilt das Gesetz, auf das sich das Verwaltungsgericht für
Wahlangelegenheiten beruft, für politische Parteien – nicht für
zivilgesellschaftliche Kollektive. Ganz abgesehen von der
Verhältnismäßigkeit.
Das Ganze stößt in Ecuador besonders auf, weil andere Mauscheleien im Zuge
der Wahlen und Wahlkämpfe gleichzeitig ungeahndet bleiben. Als eins der
Beispiele nennt die Zeitung Primicias die fast eine Million Dollar in bar,
die im Keller eines Gebäudes nahe der Hauptstadt Quito auftauchten. Die
Noboa-Politiker:innen ließen die Gerichte gewähren, die Zivilgesellschaft
würde verfolgt.
## Kritik von Menschenrechtsorganisationen
Die regionale Stiftung für Menschenrechtsberatung INREDH lehnt die
Kriminalisierung entschieden ab und verurteilt die politische Verfolgung
der Gruppe Yasunidos. „Dies ist ein beispielloser und skrupelloser Angriff
auf das Recht der Menschen auf demokratische Teilhabe“, sagte auch Caroline
Vernaillen, Leiterin für globale Politik und Interessenvertretung bei
Democracy International. „Die beabsichtigte Wirkung besteht eindeutig
darin, Bürger einzuschüchtern und davon abzuhalten, ihre demokratischen
Rechte wahrzunehmen.“
Internationale Organisationen warnen schon länger davor, dass die
Noboa-Regierung Menschenrechte immer mehr mit den Füßen tritt, Proteste
unterdrückt und Aktivist:innen kriminalisiert – [3][vor allem, wenn es
um Umweltschutz und] die Ausbeutung von Rohstoffen geht.
Auch manche der Ausnahmezustände, die die Regierung mit der
Sicherheitskrise begründet, dienen dafür. So würde er im Gebiet Las Naves
genutzt, um mit Gewalt die Proteste gegen Bergbau niederzuschlagen. An dem
Bergbauprojekt besitzt Noboas Familien-Holding Anteile.
Im Februar hat die Regierung mit einem neuen Gesetz den Bergbau gestärkt.
Umwelt- und Indigenenvereinigungen kritisieren unter anderem, dass es
Umweltprüfungen vereinfacht und Militarisierung erlaubt. Yasunidos, die
nationale Indigenenorganisation Conaie und andere Organisationen arbeiten
gemeinsam an einer Klage dagegen wegen Verfassungswidrigkeit. Dazu befindet
sich Ecuador schon wieder in einem Vorwahljahr, betont Torres. Denn der
Nationale Wahlrat hat die Regional- und Lokalwahlen von Februar 2027 auf
diesen November vorverlegt – weil der alte Termin angeblich mit El Niño
zusammenfallen würde.
Trotz alledem gibt es jedoch etwas, was Sofía Torres freut: die
Solidaritätsbekundungen, die Yasunidos erfuhr – sogar von der Vereinigung
der Arbeiter der Energie- und Ölindustrie.
17 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Referendum-in-Ecuador/!5950789
(DIR) [2] https://www.gofundme.com/f/YASunidos
(DIR) [3] /Kriminalisierte-NGOs-in-Ecuador/!6175134
## AUTOREN
(DIR) Katharina Wojczenko
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