# taz.de -- Gewalt am Jerusalem-Tag: Spucken, schubsen, provozieren
> Nationalreligiöse Israelis ziehen zum Jahrestag der Eroberung
> Ostjerusalems durch die Altstadt. Aktivisten stellen sich schützend vor
> palästinensische Bewohner.
(IMG) Bild: Sie fordern den Bau des dritten Tempels: Nationalreligiöse Israelis bei dem von Gewalt geprägten Flaggenmarsch
„Das erste, was man sieht, wenn man in Jerusalem ankommt, ist wie leer die
Straßen von Palästinensern sind“, sagt Itamar Avneri. [1][Mit der
Graswurzelbewegung Standing Together] ist er an diesem Donnerstag und
Freitag in Jerusalem unterwegs. Der Anlass: Der jährlich begangene
Jerusalem-Tag, bei dem Zehntausende, vor allem junge nationalreligiöse
Israelis im Rahmen eines Flaggenmarsches durch die Altstadt ziehen. Dieser
Marsch geht mit Ausschreitungen und Gewalt einher, [2][vor allem gegenüber
den palästinensischen Bewohnern der Stadt.] Die Mission also: Protective
Presence. Das bedeutet: Aktivisten schützen eine gefährdete
Bevölkerungsgruppe – in diesem Fall Palästinenser in Jerusalem – vor einer
anderen Gruppe – den durch die Straßen ziehenden Rechten – durch ihre bloße
Anwesenheit.
Der Jerusalem-Tag beginnt nach dem jüdischen Kalender in diesem Jahr am
Donnerstagabend und dauert bis zum Freitagabend an. Dabei erinnern Israelis
an den 7. Juni 1967, als das israelische Militär Ostjerusalem und damit
auch die Altstadt von der jordanischen Armee einnahm. Später annektierte
Israel das Gebiet. In der Altstadt befindet sich unter anderem einer der
heiligsten Orte des Judentums, die Klagemauer. Aber auch der
Al-Aqsa-Komplex, die drittheiligste Stätte im Islam, der auf einem Plateau,
dem für Juden heiligen Tempelberg, oberhalb der Klagemauer thront. Und die
für Christen wichtige Grabeskirche.
Viele palästinensische Geschäfte in Jerusalem, vor allem in der Altstadt,
bleiben an diesem Donnerstag gleich ganz geschlossen, andere sperren früher
als sonst ihre Türen zu. [3][Der Flaggenmarsch beginnt am späten
Nachmittag]. Nach Angabe der Times of Israel hatten Geschäftsleute im
muslimischen Viertel der Altstadt ihre Geschäfte auf Geheiß der
israelischen Behörden geschlossen.
Der Jerusalem-Tag, sagt Aktivist Avneri, „ist ein Tag der Gewalt, des
Rassismus und der Pogrome“. Jugendliche Siedler liefen bereits am
Donnerstagmorgen durch die Altstadt und provozierten die Bewohner. „Sie
verfluchen Araber und linke Aktivisten und singen Lieder gegen sie“, sagt
er. [4][Videos in den sozialen Medien] zeigen die Gesänge und Rufe:
„[5][Möge euer Dorf brennen“], „Tod den Arabern“ und „Mohammad ist tot“,
mit Referenz auf den muslimischen Propheten. Sie kleben Sticker, in denen
die Besiedelung Gazas gefordert oder die Todesstrafe für Palästinenser
zelebriert wird.
## „Der Tempelberg ist in unserer Hand“
Ebenfalls noch vor dem offiziellen Beginn des Jerusalem-Tags zog an diesem
Donnerstag der rechtsextreme Minister für Innere Sicherheit, Itamar
Ben-Gvir, auf den Tempelberg, auf das Gelände der Al-Aqsa-Moschee. Dort
posierte er mit einer israelischen Fahne direkt vor dem Felsendom. Dieser
ist auch wegen seiner Optik – den blau-weiß-gelben Fliesen und der goldenen
Kuppel – berühmt. Die Times of Israel zitiert Ben-Gvir: Man habe „die
Kontrolle“ über den Ort „dank Entschlossenheit und Abschreckung“ wieder
hergestellt. Und: „Der Tempelberg ist in unserer Hand“.
Begleitet wurde Ben-Gvir von seinem Parteikollegen Yitzhak Kroizer. Der
sprach auf dem Gelände der Al-Aqsa-Moschee auch ein Gebet. Das ist Juden
eigentlich verboten, gilt doch ein historischer Status quo, nach dem nur
Muslime dort beten dürfen. Dieser wird aber immer mehr aufgeweicht, die auf
dem Tempelberg stationierte Polizei lässt vermehrt jüdische Gebete zu.
Kroizer schrieb später auf Facebook: „Es ist an der Zeit, alle Moscheen
abzureißen und mit dem Bau des Tempels zu beginnen.“ Auch viele der
Protestierenden tragen Fahnen bei sich, auf denen der Bau des dritten
Tempels gefordert wird. Wo einst der zweite Tempel stand, steht aber nun
der Al-Aqsa-Komplex.
Seit drei Jahren komme Standing Together am Jerusalem-Tag in die Stadt,
erzählt Itamar Avneri. Insgesamt über 300 seien es in diesem Jahr. In den
vergangenen Jahren habe die Organisation an Protesten und Demonstrationen
gegen den Flaggenmarsch teilgenommen, dann aber erkannt, dass es am
wichtigsten sei, die Bewohner selbst zu schützen.
## Spucken, schubsen, provozieren
Denn: Jedes Jahr werde es schlimmer am Jerusalem-Tag, sagt Kegham Balian.
Der armenische Schriftsteller aus Jerusalem setzt sich für sein Viertel und
dessen Bewohner ein. Das armenische Viertel ist neben dem jüdischen, dem
christlichen und dem muslimischen eines von vier Vierteln in der Altstadt.
Neben den rassistischen, anti-palästinensischen Gesängen kommt es auch
immer wieder [6][zu tätlichen Angriffen]. „Das dauernde Spucken“, nennt
etwa Balian. Mehr als ein Dutzend solcher Fälle habe man beobachtet, die
Dunkelziffer sei höher. „Sie durchqueren das armenische Viertel, betrachten
die Schriftzeichen und Symbole und spucken“, sagt er, etwa auch auf
armenische Priester, Gemeindemitglieder, Kirchen. „Ich frage: Wie viele
Armenier bespucken Juden? An ihren höchsten Feiertagen ziehen
Hunderttausende von ihnen durch das armenische Viertel zur Klagemauer. Wie
viele von uns spucken? Niemand.“
[7][Schon vor Beginn des Flaggenmarsches] wurden Journalisten in der
Altstadt angegriffen, ein Reporter wurde angespuckt, die Täter versuchten,
ihm sein Handy zu stehlen. Im christlichen Viertel randalierte eine Gruppe
junger Protestierender, es flogen Stühle.
Auch Itamar sagt: Nach vielen Stunden des Beschimpft-, Bespuckt- und
Geschubstwerdens bräuchten die Aktivsten von Standing Together eine Pause.
„Die Gefahr für uns ist aber geringer als für die Bewohnerinnen und
Bewohner, deswegen entscheiden wir uns, dort zu sein“. Dreizehn Menschen
wurden am Donnerstag im Rahmen des Jerusalem-Tags festgenommen, berichtet
die Times of Israel.
Und der armenische Schriftsteller Balian sagt: „Der Hass, der in die Köpfe
dieser jungen, beeinflussbaren, unschuldigen Kinder gesät wird, wird
jahrelang schwelen und [8][schließlich mit einer Kugel in einem Menschen
enden.] Das ist das eigentliche Verbrechen“.
15 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Lisa Schneider
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