# taz.de -- „Arisierung“ und Zwangsarbeit: Salamander tiefer in NS-Unrecht verstrickt als bekannt
       
       > Ein Gutachten hat die Tätigkeit des Schuhherstellers während des
       > Nazi-Regimes untersucht. Der Heimatort des früheren Bosses diskutiert
       > dessen Ehrenbürgerwürde.
       
 (IMG) Bild: Die Salamander-Schuhfabrik in Kornwestheim etwa um 1935
       
       Lurchi ist ein Feuersalamander, befreundet ist das gelb-schwarze Kerlchen
       mit dem Frosch Hopps, einem Mäuserich und einer Gelbbauchunke. Lurchi ist
       das sympathische Werbegesicht der Kinderschuhe von Salamander, dem einst
       größten deutschen Schuhhersteller. Doch der, [1][so zeigt es eine
       historische Studie jetzt], hat eine äußerst unsympathische
       Firmengeschichte.
       
       Salamander habe sich schon früh an das NS-Regime angepasst, schreibt die
       Historikerin Anne Sudrow und habe von Zwangsarbeit und Menschenversuchen
       profitiert – in größerem Maße als bereits bekannt. Jüdische Personen seien
       aus der Firmenleitung gedrängt worden, die Nachfahren der Mitgründer Max
       Levi und Isidor Rothschild hätten ihre Anteile „unter den Bedingungen
       nationalsozialistischer Verfolgung zu für sie nachteiligen Konditionen
       veräußern“ müssen.
       
       Finanzielle Gewinner dieses Prozesses seien vor allem der
       baden-württembergische Unternehmer Ernst Sigle und seine Angehörigen
       gewesen. Zwischen 1933 und 1945 hätten sie ihr Vermögen durch die
       „Arisierung“ eigener und fremder Firmen in bedeutendem Maß gesteigert. Nach
       dem Zweiten Weltkrieg seien die Aktienanteile überwiegend im Besitz der
       Sigles geblieben. „Die vertriebenen Besitzer der Salamander AG“, schreibt
       Anne Sudrow in ihrem Gutachten, „mussten um eine Wiedergutmachung für jede
       einzelne Transaktion und für jede einzelne verlorene Stelle jahrelang
       Gerichtsprozesse führen und erhielten am Ende nur geringe Entschädigungen.“
       
       Die Unternehmenshistorikerin Anne Sudrow hat 2010 schon eine Studie unter
       dem Titel „Der Schuh im Nationalsozialismus“ vorgelegt und die
       Unternehmensgeschichte von Adidas erforscht (Unternehmen Sport, Siedler
       2018). Im vergangenen Jahr hat ihre Untersuchung zur Rolle der
       Kosmetikfirma Weleda im Nationalsozialismus Schlagzeilen gemacht (Heil
       Kräuter Kulturen, V&R 2025). Die aktuelle Salamander-Studie entstand im
       Auftrag der baden-württembergischen Stadt Kornwestheim, dem einstigen
       Produktionsstandort der Salamander-Schuhe und der Heimat Ernst Sigles.
       
       ## Bleibt Sigle Ehrenbürger von seinem Heimatort?
       
       Sudrow empfiehlt in ihrem Gutachten der Stadt Kornwestheim die Umbenennung
       des örtlichen Ernst-Sigle-Gymnasiums und die Aberkennung der
       Ehrenbürgerwürde Sigles. Von CDU-Oberbürgermeister Nico Lauxmann hieß es
       dazu am Mittwoch, die Studie schaffe „eine belastbare Grundlage für die
       weitere öffentliche, politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung
       mit einer Person, die das Bild unserer Stadt über Jahrzehnte mitgeprägt
       hat“. Er empfehle, der Historikerin in ihrem Urteil zu folgen.
       
       Von den Grünen im Stadtrat hieß es: „Wir sehen es als ethische
       Verpflichtung, das beschönigte Bild der Stadtgeschichte zu korrigieren und
       klare Haltung für Menschenwürde zu zeigen.“ Umbenennung und Aberkennung
       wären das Ergebnis einer 15-jährigen Debatte um Sigles Erbe in
       Kornwestheim. Und ein Erfolg für die beiden Söhne von Vera Friedländer,
       einer Salamander-Zwangsarbeiterin aus Berlin. Die taz hatte schon 1999 über
       Friedländers Erfahrungen [2][und die mangelnde Aufarbeitungsbereitschaft
       von Salamander] berichtet.
       
       Den Namen Salamander und das Logo mit dem Feuersalamander hatte sich der
       Berliner Lederhändler Rudolf Moos, ein Verwandter Albert Einsteins, 1899
       als Warenzeichen eintragen lassen. 1903 hatte Moos erstmals in Kornwestheim
       hergestellte Herrenschuhe im „Salamander-Schuhgeschäft“ in der Berliner
       Friedrichstraße 221 präsentiert.
       
       Während des Zweiten Weltkriegs betrieb Salamander in Berlin-Kreuzberg ein
       Reparaturwerk, das, wie Sudrow schreibt, „mehrere Hundert Zwangsarbeiter
       beider Geschlechter und vieler Nationen einsetzte“. Auch Tote seien
       dokumentiert. Der Hobby-Historiker und Jurist der Firma Salamander
       Hanspeter Sturm [3][soll noch 1999 auf eine Anfrage der taz nach dem
       Reparaturwerk lachend geantwortet haben: „Salamander-Schuhe müssen nicht
       repariert werden“].
       
       Salamander, schreibt Anne Sudrow, habe außerdem zu den ersten, häufigsten
       und längsten Nutzern [4][der „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen]
       gehört. „Für die zahlreichen Todesfälle unter den Häftlingen, die dort mit
       Foltermethoden der SS gequält und gegen ihren Willen als ‚Schuhläufer‘
       missbraucht wurden, war die Unternehmensleitung der Salamander AG mit
       verantwortlich.“
       
       2004 hat Salamander Insolvenz angemeldet, nach mehreren Wechseln wurde die
       Marke 2024 vom Schweizer Schuhhersteller Astormueller übernommen. Die
       Kinderschuhmarke Lurchi wird seit 2024 von dem rheinland-pfälzischen
       Unternehmen Supremo Shoes & Boots vertrieben.
       
       13 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.kornwestheim.de/site/Kornwestheim_Internet/get/params_E-1508749690/16427749/16791710/25205469/25205396/25205397/25205425/25205426/Sudrow_Gutachten_10_04_26_6_geschuetzt.pdf
 (DIR) [2] /Brauchen-wir-Salamander-Schuhe/!1257557/
 (DIR) [3] /Brauchen-wir-Salamander-Schuhe/!1257557/
 (DIR) [4] https://de.wikipedia.org/wiki/Schuhl%C3%A4ufer-Kommando
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stefan Hunglinger
       
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