# taz.de -- Film „Enrico Berlinguer“: Er muss auf die Partei Rücksicht nehmen
       
       > Im Spielfilm „Enrico Berlinguer – La grande ambizione“ zeigt Regisseur
       > Andrea Segre, wie sich Italiens Kommunisten von der Sowjetunion
       > abnabelten.
       
 (IMG) Bild: Seinerzeit der hotteste Politiker Italiens: Elio Germano spielt Enrico Berlinguer, den Chef der Kommunistischen Partei
       
       Enrico Berlinguer, 1922 geboren, war ein Mann aus der Zeit, als zur
       gesunden Lebensführung noch Dinge wie Gymnastik und ein Glas Milch am Tag
       gehörten. Über die Schäden des Ketterauchens machte man sich dagegen kaum
       Gedanken. Zumindest lässt der italienische Regisseur Andrea Segre seinen
       Hauptdarsteller Elio Germano das so spielen.
       
       Immer wieder, in den raren Momenten, wo der Führer der Kommunistischen
       Partei Italiens sich allein und unter keiner Beobachtung wiederfindet,
       stellt er sich vor einen Stuhl und macht ein paar Kniebeugen. Oder reckt
       die Arme nach oben und zur Seite.
       
       Für unsere heutigen Fitness-verwöhnten Augen sieht es alles andere als
       sportlich aus. [1][Und das Glas Milch, das er sich immer wieder einschenkt]
       – das würde ihn in den Augen der Hafermilch trinkenden Wählerjugend von
       heute hoffnungslos rückständig erscheinen lassen.
       
       In den 1970er Jahren aber war Berlinguer so ziemlich der „hotteste“
       Politiker Italiens, wenn nicht gar Europas. Bilder von damals zeigen einen
       Mann, dessen sympathisches Lächeln regelrecht entwaffnet. Wenn
       Schrifteinblendungen zu Beginn des Films erzählen, dass Italien damals die
       größte kommunistische Partei des Westens beheimatete, [2][mit anderthalb
       Millionen Mitgliedern und einem Anteil von regelmäßig über 25, in einzelnen
       Regionen oder Städten sogar über 40 Prozent der Wählerstimmen] – verfällt
       man als Zuschauer*in gleich schon in Nostalgie.
       
       ## Man kann ihn ohne Reue ins Herz schließen
       
       [3][Wie war das damals möglich?] Im zweigeteilten Europa, das die
       Einflusssphären der USA und der Sowjetunion streng trennte? Das
       Überraschende an Segres Film ist, dass er weniger ein menschelndes
       Biopic-Porträt des italienischen Eurokommunisten zeichnet, sondern
       versucht, die gesellschaftlichen und politischen Umstände dieser Zeit
       präzise in den Blick zu nehmen.
       
       Sicher, Berlinguer ist bei Segre eine Heldengestalt. Gerade, weil Germano
       ihn zwar als geschickten Redner und treusorgenden Familienvater spielt,
       aber zugleich seine Schüchternheit und sein körperliches Ungeschick
       sichtbar macht, erscheint er als Figur, den man ohne Reue ins Herz
       schließen kann. Bescheiden war er auch noch!
       
       Zwei wichtige politische Themen bestimmten die Dekade, in der Berlinguer in
       Nachfolge von Luigi Longo die Partei führte. Das eine war die Abnabelung
       von der Sowjetunion und das andere die unter dem Stichwort
       [4][„historischer Kompromiss“ bekannte Strategie einer Annäherung an die
       rechtskonservative Democrazia Cristiana].
       
       Segre inszeniert für beide Themen Schlüsselmomente. Dafür stellt er aber
       weniger Bilder aus den Nachrichten nach, sondern setzt eher die Gespräche
       auf den Fluren der Parteizentrale in Szene – oder hinter den Kulissen im
       Privaten. Kaum im Amt des Generalsekretärs besucht Berlinguer Bulgarien.
       Dort muss er sich [5][vom Genossen Todor Schiwkow die Welt erklären
       lassen].
       
       Er wird in einen schweren Autounfall verwickelt. Mit dem Leben gerade noch
       davon gekommen, gesteht er seiner Frau Letizia (Elena Radonicich) nach der
       Rückkehr in Rom, dass er der festen Überzeugung sei, man habe ihn töten
       wollen.
       
       „Du musst es den Genossen sagen!“, fordert sie. Das sei nicht möglich, er
       müsse auf die Partei Rücksicht nehmen, entgegnet Berlinguer. Beide
       flüstern, nicht nur weil sie die Kinder nicht aufwecken wollen.
       
       ## Ein vorsichtiger Taktiker
       
       Nein, mit den Genossen aus dem Osten war nicht zu spaßen. Als er 1977 zum
       60. Jahrestag der Oktoberrevolution in Moskau spricht, wird vermerkt, dass
       seine Rede nur an zwei Stellen von Applaus unterbrochen worden sei: als er
       erwähnte, das die KPI inzwischen 1,7 Millionen Mitglieder habe und am Ende,
       als er der Sowjetunion für ihre Opfer im Zweiten Weltkrieg dankte.
       
       Dass der Film Berlinguer in dieser Hinsicht [6][als vorsichtigen Taktiker
       zeigt], der durchaus zu Lippenbekenntnissen bereit war, schwächt seine
       Figur keineswegs. Berlinguer war kein Populist, dem es um den schnellen
       Wahlerfolg ging, scheint Segre erzählen zu wollen, er hatte eine
       längerfristige Perspektive im Blick. Vor allem [7][wollte er in der
       „Polykrise“, als die sich die 70er Jahre für Italien und den ganzen Westen
       darstellte,] seinem Land helfen.
       
       Während seine Mitstreiter angesichts der Wahlergebnisse (7 Prozent mehr in
       Neapel!) in einen regelrechten Rausch geraten, sieht man Berlinguer den
       Ernst der Verantwortung an: Solche Mandate verpflichten dazu, sich nicht
       nur mit Opposition zufriedenzugeben.
       
       Aber der „historische Kompromiss“ führt zu Radikalisierungen, die
       ihrerseits in der [8][Entführung und Ermordung Aldo Moros] münden.
       Erschütternde Momente, die der Film aus der Perspektive Berlinguers zeigt.
       
       ## Auf dem Balkon steht Gorbatschow
       
       Immer wieder unterbricht Segre seinen Spielfilm durch Archivaufnahmen. Sie
       zeigen Demonstrationen und vor allem, wie wichtig die Straße als Raum der
       Politik damals noch war. [9][Zu Berlinguers Beerdigung 1984] ist es ein
       Meer von Menschen, es sollen anderthalb Millionen gewesen sein.
       
       Vor allem Männer erheben die Faust beim Passieren seines Sargs. Federico
       Fellini und Marcello Mastroianni halten Ehrenwache. Und irgendwo auf einem
       Hotelbalkon steht Michail Gorbatschow, zehn Monate vor seiner Wahl zum
       Generalsekretär der KPdSU.
       
       20 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Schweizerhof
       
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