# taz.de -- Film „La Grazia“ von Paolo Sorrentino: Die posthume Eifersucht des Witwers
> In „La Grazia“ gleitet der italienische Filmregisseur Paolo Sorrentino
> opulent um einen amtsmüden Präsidenten zwischen Schuld, Gnade und
> Vergebung.
(IMG) Bild: Der Präsident Mariano De Santis (Toni Servillo) steht in „La Grazia“ neben sich
Das Fazit ausnahmsweise mal vorneweg: Paolo Sorrentino dreht wunderschön
anzusehende Filme über Menschen, die nicht lieben können. Oder die
zumindest nicht auf eine Weise lieben können, die sie und die von ihnen
irgendwann dann halt doch so gut es geht geliebten Menschen glücklich
machen würde. Einige von Sorrentinos Filmen spielen im Feld der Politik und
erzählen damit zwangsläufig von der Macht und den verschiedenen
Kapitalformen, die in ihm zirkulieren. Sie untersuchen, in welchem
Verhältnis die Macht zu diesem Nichtliebenkönnen ihrer meist eher traurigen
Figuren steht.
In dem neuen Film, „La Grazia“, hat Sorrentinos Stammschauspieler Toni
Servillo zum vierten Mal die Hauptrolle und spielt erneut einen Politiker.
Mariano De Santis, gelernter Jurist, ist der Präsident der italienischen
Republik in einem Paralleluniversum, das unserem in Deutschland sehr
ähnelt. De Santis steht sechs Monate vor dem Ruhestand und könnte
eigentlich zufrieden auf sein Schaffen und Wirken zurückblicken.
Sechs Staatskrisen hat er mitsamt seiner Republik durchgemacht, erfolgreich
bewältigt, heißt es, und Servillo spielt die Figur wie die Fleischwerdung
der Redewendung „mit ruhiger Hand“. Was latent das Erstarrte touchiert.
Seinen Spitznamen „Cemento armato“, Stahlbeton, trägt der Staatspräsident
nicht ohne Grund.
Auf den letzten Metern muss Mariano De Santis aber doch noch mal aus der
Deckung kommen. Es gilt, über einen Gesetzesentwurf zur teilweisen
Legalisierung von Sterbehilfe und außerdem über zwei Gnadengesuche zu
entscheiden. Was ihn aber eigentlich quält, wie viele der auf verschiedene
Weisen zerquälten Männer in den Filmen Sorrentinos, ist eine Frau. Seine
verstorbene Ehefrau hat ihn vor vierzig Jahren betrogen und den Namen ihres
Liebhabers mit ins Grab genommen.
In seinen brütend-obsessiven Versuchen herauszubekommen, wer es gewesen
ist, fällt De Santis immer wieder aus der Rolle. Er verdächtigt einen
seiner ältesten Freunde und führt sich auf einer Beerdigung seltsam auf.
Seine einzige langjährige Freundin weiß Bescheid, verschweigt es aber und
gibt ihm, ganz richtig, zu verstehen, dass es an der Zeit wäre, mit dem
Quatsch jetzt mal aufzuhören.
## Menschen, die in und durch die Macht leben
In diesem Getriebensein schließen Toni Servillo und Paolo Sorrentino an
ihre ersten beiden gemeinsamen Ministerpräsidentenfilme an, „Il Divo“ und
[1][„Loro – Die Verführten“]. Der Ministerpräsident Giulio Andreotti in „Il
Divo“ ist ein machiavellischer Teufel, der Film eine „komische Politoper
über Italien und seine Macht-Stronzos“, schrieb Birgit Glombitza damals in
der taz. „Loro“ ist ein gleichfalls unvorteilhaftes Porträt von Silvio
Berlusconi, gespielt von Servillo. Damit bildet „La Grazia“ den Abschluss
einer impliziten Trilogie über Menschen, die in und durch die Macht leben,
und das alles in allem auf eine eher traurige Weise.
Von seinen zwei Vorgängern hebt „La Grazia“, der Titel deutet es bereits
an, sich ab. Es geht nicht mehr um das faszinierte Vorführen der Macht und
ihrer Bilder und des Begehrens, das sie befriedigen soll (aber irgendwie
nie kann, alle bleiben unbefriedigt und ungeliebt). Mariano De Santis’
Problem heißt nicht Soziopathie oder pathologischer Narzissmus, überhaupt
ist er eine eher asexuelle Figur. Und die Szene, in der eine Redakteurin
der Vogue sehr direkt anfängt, mit dem Staatsoberhaupt zu flirten, ist das
schauspielerisch virtuose Minidrama einer Vermeidung.
Das Problem des Helden in „La Grazia“ ist eher ein erkenntnistheoretisches:
Wie kann ich über Leben und Tod aus einer zwangsläufigen Ungewissheit
heraus entscheiden? Wie kann ich weiterleben in dem Wissen, dass ich über
das, was mich zermürbt und quält, niemals Klarheit werde haben können? Was,
wenn mir also nur die eigenen Fantasien von dem, was vielleicht war,
bleiben werden? Das Problem ist also unter anderem, dass die sozusagen
posthume Eifersucht des Witwers in diesem Sinne ausschließlich aus ihm
selbst kommt.
## Vergebung, Entscheidung und Ungewissheit
Paolo Sorrentinos wie immer wunderschön gleitende, opulente Inszenierung
entfaltet dieses ausnahmsweise stille Drama auch anhand von immer wieder
sehr bedeutsamen Metaphern. Ein Pferd liegt im Sterben, in der Frage
Gnadenschuss ja, Gnadenschuss nein spiegelt sich das Sterbehilfeproblem. De
Santis ist Katholik und lässt das Pferd erst einmal liegen. Immer wieder
kreisen die Dialoge und die Bildkompositionen, Zitate und Verweise um
Vergebung, Entscheidung und Ungewissheit.
Damit steht der ruhige Rhythmus von „La Grazia“ als Kontrapunkt zu den
ersten beiden Filmen der Machttrilogie Sorrentinos. Er wird immer wieder
mal durchbrochen von überdeterminierten, sehr bedeutsam wirkenden Momenten,
die dann aber ins Leere laufen. Der Papst, mit dem sich der Staatspräsident
zur Konsultation trifft, ist in der Welt dieses Films schwarz und fährt
Mofa.
An einigen Stellen pumpt der Soundtrack im Kontrast zum klassisch
anmutenden Geschehen auf der Leinwand Techno. Einzelsequenzen in Zeitlupe
wirken, als stünden sie entbehrlicherweise neben dem Handlungsverlauf. Auch
das trägt zum wieder einmal sehr präsenten Ästhetizismus des Ganzen bei.
Paolo Sorrentinos Filme wirken, als seien sie verliebt in die Schönheit
ihrer Bilder und damit gleichsam selbstverliebt.
## Die Gnade als Titelheldin
Zu ihren Figuren hingegen pflegt diese Filmsprache selbst noch dann, wenn
sie in seinem [2][semiautobiografischen Film „Die Hand Gottes“] vom frühen
Tod der Eltern erzählt, ein eher distanziertes Verhältnis. Und damit wäre
dann ja auch wieder alles stimmig: Es geht schließlich auch für Paolo
Sorrentinos Männerfiguren immer wieder darum, keinen Zugang zu anderen, zur
eigenen Geschichte und damit zu sich selbst zu finden.
In „Il Divo“, „Loro“ und nun auch „La Grazia“ schiebt sich die Macht – und
das heißt in diesem Fall schlicht die Fähigkeit oder Befugnis, über andere
zu entscheiden, ohne sie in diese Entscheidung mit einzubeziehen – zwischen
die Figuren und ihre Welt. Machtvoll sein steht hier immer in Bezug zum
Lieben- und Nichtliebenkönnen der entweder traurigen oder abstoßenden
Helden Sorrentinos.
Von all diesen vorangegangenen Filmen aber unterscheidet sich „La Grazia“
durch seine Titelheldin, die Gnade. Sie steht im Kern der Geschichte und
ihr Begriff wird in den zwei Stunden, die dieser Film dauert,
durchdekliniert in der Mehrdeutigkeit, die er in der italienischen Sprache
hat: als Verzeihen (sich selbst und anderen), als Begnadigung im
juristischen Sinn, in seiner religiösen Bedeutung, als göttliche Gnade, als
Anmut, Eleganz und eben Schönheit und als Dankbarkeit.
Dieser Entfaltung einer Idee in Form von durchkomponierten Bildern
zuzuschauen, ist ein ästhetischer Genuss, wie man so sagt. Aber egal, wie
traurig, kaputt und endgültig es ist, wovon hier erzählt wird: Durch das
selbstverliebte Kameraauge dieser Filme betrachtet, wirkt alles
wunderschön. Und die universelle und damit auch wahllos anmutende
Ästhetisierung von allem ist in ihrem Glorifizierungspotenzial schon auch
problematisch.
Macht ist das, wovon die Menschen zehren und was sie als Ausübende oder
Untertanen daran hindert, zu lernen zu lieben und geliebt zu werden. Aber
wo alles schön ist, kann nichts nur banal schrecklich oder böse sein.
17 Mar 2026
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(DIR) Benjamin Moldenhauer
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