# taz.de -- Nach dem Präsidentenmord in Haiti: Vieles bleibt im Dunkeln
       
       > Wegen des Komplotts zur Ermordung des früheren Präsidenten Haitis,
       > Jovenel Moïse, sind in den USA vier Angeklagte schuldig gesprochen
       > worden.
       
 (IMG) Bild: Moïse selbst ist zwar das Opfer in dieser Ranküne, aber eine höchst problematische Figur in der Historie Haitis
       
       Fast fünf Jahre nach der [1][Ermordung des haitianischen Präsidenten Moïse]
       am 7. Juli 2021 in seinem Privathaus, ist am vergangenen Freitag vor einem
       Geschworenengericht in Miami der erste und, wie manche fürchten,
       möglicherweise einzige Prozess in diesem weltweit Aufsehen erregenden Fall
       zu Ende gegangen.
       
       Die [2][vier Angeklagten] wurden von den Geschworenen für schuldig
       befunden, in Südflorida ein Komplott zum Sturz des haitianischen
       Präsidenten Moïse angezettelt und dafür Paramilitärs aus Kolumbien
       angeheuert zu haben. Ziel sei es gewesen, Moïse durch eine neue Figur zu
       ersetzen, die den Verschwörern attraktive Aufträge für private
       Sicherheitsdienste und Infrastruktur verschaffen sollte.
       
       Zwei der Angeklagten, Arcángel Pretel Ortiz und Antonio Intriago, besitzen
       eine „Föderale Antiterror-Akademie“ und dazu passend eine
       Antiterror-Sicherheits-Einheit (Counter Terror Unit – CTU). Ein dritter
       Angeklagter, James Solages, war bei ihnen angestellt. Er besitzt immerhin
       neben der US-Staatsbürgerschaft auch die haitianische. Vierter Angeklagter
       war Walter Veintemilla, ein Broker für Immobilienkredite. In Haiti sitzen
       weitere 50 Personen in Haft, darunter die wahrscheinlichen Mörder aus der
       kolumbianischen Todesschwadron.
       
       Neun Wochen hatte das Verfahren in Miami gedauert, mehr als 40 Zeugen
       wurden gehört. 800 Giga-Byte große Daten wurden vom FBI ausgewertet, die
       von 100 elektronischen Geräten in den USA, Haiti und Kolumbien stammten.
       Die Daten verraten die verzweigte Dimension des länderübergreifenden
       Komplotts, zu dessen Finanzierung der Angeklagte Veintemilla laut
       Staatsanwaltschaft 300.000 US-Dollar bereitgestellt haben soll.
       
       ## Der Hauptverdächtige sitzt in Haiti in Haft
       
       Mit dem Geld sollen die Kolumbianer, die schusssicheren Westen und die
       Waffen bezahlt worden sein. Aber auch die Bestechung des gesamten
       Sicherheitspersonals von Moïse, das in der Nacht des Mordes mindestens
       untätig blieb, wenn nicht beteiligt war.
       
       In Haiti stößt diese Zahl, die auf eine Zeugenaussage zurückgeht, auf
       erhebliche Zweifel. [3][Pierre Ésperance], Direktor des Nationalen
       Menschenrechtsnetzwerks (RNDDH) meint gegenüber der taz: „Da müssen
       Millionen geflossen sein.“ Die haitianischen Behörden hätten allerdings
       unter Berufung auf das Bankgeheimnis das Gericht daran gehindert, Einsicht
       in die entsprechenden Bankkonten zu nehmen.
       
       Der Hauptverdächtige wiederum sitzt in Haiti in Haft: Joseph Felix Badio.
       Er soll das alles koordiniert haben und besaß auch engste Kontakte zum
       damaligen Ministerpräsidenten Ariel Henry. Letzterer wurde mit
       Unterstützung der USA und der UNO nach dem Tod von Moïse zur zentralen
       politischen Figur. Nachweislich hatte er noch in der Nacht des Mordes
       telefonischen Kontakt zu Badio.
       
       Badio, der mit der politischen Elite bestens vernetzt war, wurde aber vom
       Gericht in Miami nicht verhört. Damit bleiben die wahren finanziellen und
       politischen Hintergründe des Mordes weiter im Dunkeln.
       
       ## Mordopfer Moïse ist mitschuldig an der Bandengewalt
       
       Moïse selbst ist zwar das Opfer in dieser Ranküne, aber eine höchst
       problematische Figur in der Historie Haitis. Er selbst regierte zum
       Zeitpunkt seiner Ermordung ohne Parlament und hätte längst
       Präsidentschaftswahlen ausrufen müssen. Die [4][explodierende Ganggewalt]
       hatte er mitzuverantworten, weil er mit den Gangs kooperierte, um die
       landesweite Antikorruptionsbewegung zu unterdrücken.
       
       Heute kontrollieren die Gangs 90 Prozent des Territoriums der Hauptstadt
       und große Teile des landwirtschaftlich wichtigen Departements Artibonite.
       Nun soll eine vom UN-Sicherheitsrat genehmigte Gang Suppression Force die
       Lage unter Kontrolle bringen.
       
       Laut einem im März veröffentlichten Bericht von Human Rights Watch (HRW)
       kamen bei Drohnen-Operationen privater Firmen, die im Auftrag des
       Ministerpräsidenten und der Polizei operieren, 1.243 Menschen ums Leben und
       738 wurden verletzt. Das ist Teil einer verschärften
       „Sicherheitsstrategie“, zu der auch die Gang Supression Force gehört. Laut
       HRW kamen dabei auch 40 Kinder ums Leben.
       
       Menschenrechtler Ésperance warnt gegenüber der taz vor der Illusion, man
       könne die haitianische Polykrise mit Gewalt lösen. Vor allen Dingen müsse
       die Straflosigkeit enden. Dafür immerhin war der Prozess in Miami ein
       Anfang.
       
       11 May 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katja Maurer
       
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