# taz.de -- +++ Entwicklungen zum Hantavirus +++: WHO-Chef: „Kein zweites Corona“
       
       > Das Kreuzfahrtschiff „Hondius“ hat Teneriffa erreicht. Die Passagiere
       > sollen unter Sicherheitsvorkehrungen von dort abreisen. Die Entwicklungen
       > im Überblick.
       
 (IMG) Bild: Das Kreuzfahrtschiff, auf dem sich mehrere Menschen befinden, die sich mit dem Hantavirus infiziert haben sollen, vor Teneriffa
       
       ## Schiff hat Teneriffa erreicht
       
       Das von einem Ausbruch des Hantavirus betroffene Kreuzfahrtschiff „Hondius“
       ist [1][in den Hafen von Granadilla im Süden der spanischen Urlaubsinsel
       Teneriffa eingefahren.] Live-Aufnahmen des staatlichen Fernsehsenders RTVE
       zeigten die Ankunft des Schiffes am frühen Morgen.
       
       Von Granadilla aus sollen die Menschen an Bord der „Hondius“, darunter
       mehrere Deutsche, unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zu einem
       nahegelegenen Flughafen gebracht und sofort in ihre Heimatländer geflogen
       werden. (dpa)
       
       ## Kreuzfahrtpassagiere fürchten Stigmatisierung
       
       In den Tagen seit dem Ausbruch des Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff im
       Atlantik hat sich unter einigen der spanischen Passagiere Besorgnis
       breitgemacht. Sie fürchten jedoch weniger eine Ansteckung, sondern
       vielmehr, wie sie nach ihrer Rückkehr an Land empfangen werden. Auslöser
       sind reißerische Medienberichte und hämische Memes, die Passagiere an Bord
       der „Hondius“ an den Pranger stellen.
       
       „Wenn man in die sozialen Medien schaut – da wollen sie das Schiff in die
       Luft jagen“, sagt ein Passagier aus Spanien telefonisch der
       Nachrichtenagentur AP. „Sie wollen es versenken.“ Er sorge sich, als
       Virenträger stigmatisiert zu werden, den man besser meiden sollte – oder
       Schlimmeres. Wegen dieser Bedenken wollte der Mann lieber anonym bleiben,
       genau wie eine ebenfalls spanische Mitreisende.
       
       „Man sieht, was draußen vor sich geht, und erkennt, dass man direkt ins
       Auge eines Hurrikans steuert“, erklärt sie. „Viele Menschen vergessen, dass
       sich hier drinnen mehr als 140 Passagiere befinden. In Wirklichkeit sind es
       140 Menschen.“ (ap)
       
       ## WHO-Chef versichert: „Kein neues Covid“
       
       Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García, Innenminister Fernando
       Grande-Marlaska und der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO waren
       eigens auf die Insel gekommen, um die komplizierte Aktion zu überwachen.
       [2][WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus] versicherte, dass es sich beim
       Hantavirus nicht um einen mit dem Coronavirus vergleichbaren Erreger
       handele. In einer Botschaft direkt an die Bevölkerung von Teneriffa betonte
       er: „Das ist nicht ein neues Covid.“ [3][Das Risiko für die Menschen auf
       der Insel sei gering] – zumal auf dem Kreuzfahrtschiff kein neuer
       Verdachtsfall aufgetreten sei.
       
       Zunächst hatte es geheißen, das Schiff werde aus Sicherheitsgründen vor dem
       Hafen vor Anker gehen. Die spanische Handelsmarine erteilte in der Nacht
       dann aber doch die Genehmigung zur Einfahrt in den Hafen. (dpa)
       
       ## Wie hoch ist die Gefahr einer Ausbreitung in Europa?
       
       Selbst wenn es zu einer Übertragung des Andesvirus durch Passagiere käme,
       die vom Schiff evakuiert wurden, sei das Virus nicht leicht weiter
       übertragbar, „sodass es unwahrscheinlich ist, dass es zu vielen
       Infektionsfällen oder einem großflächigen Ausbruch in der Bevölkerung
       käme“, berichtete auch die EU-Gesundheitsbehörde ECDC. Das Risiko für die
       Allgemeinbevölkerung in der EU durch eine Ausbreitung des Andesvirus
       infolge des Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff „ist sehr gering“.
       
       Hinzu kommt: Das natürliche Reservoir der Andesviren, die Reisratte
       Oligoryzomys longicaudatus, sei in Europa nicht vorhanden. „Deshalb ist
       nicht davon auszugehen, dass das Virus in die Nagetierpopulation
       eingeschleppt wird und es in Europa zu einer Übertragung von Nagetieren auf
       Menschen kommt“, sagte ECDC-Experte Thomas Hofmann.
       
       „Die Kombination aus Isolation, Kontaktverfolgung und medizinischer
       Überwachung dürfte das Geschehen vergleichsweise gut kontrollierbar
       machen“, sagte Mikrobiologe Roman Wölfel von der Universität der Bundeswehr
       in München. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums befindet sich an
       Bord des Schiffs eine mittlere einstellige Zahl von Menschen mit deutscher
       Staatsangehörigkeit. (dpa)
       
       ## Alle Passagiere als Risikokontakte eingestuft
       
       Nach einem ‌tödlichen Hantavirus-Ausbruch auf einem Kreuzfahrtschiff werden
       alle Passagiere vorsorglich als Kontaktpersonen mit hohem Risiko
       eingestuft. Dies teilte das Europäische Zentrum für die Prävention und die
       Kontrolle von Krankheiten (ECDC) am Samstag mit. Das Schiff ‌wird am
       Sonntag vor der spanischen Insel Teneriffa erwartet. Passagiere ohne
       Symptome sollen mit speziell organisierten Transporten in ihre Heimatländer
       zurückgebracht werden, wo sie sich in häusliche Quarantäne begeben müssen.
       Reguläre Linienflüge seien für die Heimreise nicht vorgesehen. (rtr)
       
       ## Was ist das Besondere am Andesvirus?
       
       Die verschiedenen Typen von Hantaviren in Deutschland werden meist durch
       Staub übertragen, der mit Ausscheidungen von Nagetieren kontaminiert ist.
       Ein großer Teil der Infektionen verläuft laut Robert Koch-Institut (RKI)
       symptomlos oder mit unspezifischen Symptomen. Die Viren können aber auch
       mit Blutungen einhergehendes Fieber und Nierenschäden auslösen. Bei dem am
       häufigsten auftretenden Virustyp in Deutschland sterben laut RKI deutlich
       unter 0,1 Prozent der Erkrankten, bei einer selteneren Variante seien es
       0,3 bis 0,9 Prozent. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gebe es bei diesen
       Virentypen nicht.
       
       Die Zahl der bundesweit übermittelten Hantavirus-Erkrankungen variiert laut
       RKI von Jahr zu Jahr sehr stark. Die durchschnittliche jährliche Zahl der
       Neuerkrankungen lag demnach zwischen 2010 und 2019 bei 1,3 Fällen pro
       100.000 Einwohner.
       
       Auf dem Kreuzfahrtschiff „Hondius“ ist ein anderer Hantavirus-Typ
       aufgetreten: das südamerikanische Andesvirus. „Es ist das einzige
       Hantavirus, bei dem begrenzte Mensch-zu-Mensch-Übertragungen überzeugend
       beschrieben wurden“, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom
       Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. Dabei scheint
       enger und längerer Kontakt zu Erkrankten entscheidend zu sein,
       „insbesondere im häuslichen Umfeld, bei Paaren, Familienangehörigen oder
       bei pflegerischer beziehungsweise medizinischer Versorgung“.
       
       „Das Hantavirus ist primär eine Umweltinfektion, und selbst in seltenen
       Fällen der Übertragung von Mensch zu Mensch verhält es sich nicht wie ein
       hoch ansteckendes Atemwegsvirus“, betonte Scott Weaver von der University
       of Texas Medical Branch (USA). Das Andesvirus gehört zu einer Gruppe von
       Hantaviren, deren Infektion etwa zu Übelkeit, Erbrechen, Husten, einer
       Lungenerkrankung und zum Tod führen kann. Nach RKI-Angaben gibt es weder
       einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie gegen
       Hantaviren. Es können aber Symptome behandelt werden. (dpa)
       
       ## Widerstand aus der Politik in Spanien
       
       Wie schon während der Coronazeit schenken manche Menschen den
       Einschätzungen der medizinischen Experten keinen Glauben. Die spanische
       Gruppe „Iustitia Europa“, die durch ihren Widerstand gegen Beschränkungen
       während der Pandemie Bekanntheit erlangte, forderte, der „Hondius“ das
       Anlaufen spanischer Häfen zu untersagen. „Die Kanarischen Inseln dürfen
       nicht zu Europas Gesundheitslabor werden“, schrieb die Gruppe auf der
       Plattform X. „Wir fordern Transparenz, Verantwortung und Schutz für die
       Spanier, um eine Wiederholung der Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.“
       
       Andere gehen eher in die Defensive. Der Regionalpräsident der Kanarischen
       Inseln, Fernando Clavijo, sagte der spanischen Zeitung El País, er werde
       erst dann wieder ruhig schlafen können, wenn das Schiff Spanien verlassen
       habe und sich alle Passagiere auf dem Weg zu ihren jeweiligen
       Quarantäneorten befänden. Die Regionalpräsidentin von Madrid, Isabel Díaz
       Ayuso, widersprach der Entscheidung, die 14 spanischen Passagiere des
       Schiffes in ein Militärkrankenhaus in der spanischen Hauptstadt zu
       verlegen. Dort sollen sie nach Angaben der Behörden unter Quarantäne
       gestellt werden. (ap)
       
       ## Wie die Rückreise der Passagiere ablaufen soll
       
       Medizinisches Personal soll die Menschen an Bord zunächst auf akute
       Krankheitssymptome untersuchen, wie die spanischen Behörden mitteilten.
       Liegen keine vor, werden die Passagiere in Gruppen von maximal fünf
       Personen ausgeschifft. Nach Angaben Garcías müssen sie FFP2-Schutzmasken
       tragen und dürfen nur leichtes Handgepäck mitnehmen.
       
       Per Bus geht es dann zum wenige Autominuten entfernten Flughafen. Dort
       sollen die streng abgeschotteten Menschen mit ihren jeweiligen Landsleuten
       ohne weitere Abfertigung sofort die für sie bereitgestellten Flugzeuge
       besteigen und in ihre Heimatländer zurückgebracht werden. Nach Angaben der
       Weltgesundheitsbehörde WHO sollen alle Flüge am Sonntag und Montag starten,
       da später eine Schlechtwetterfront aufzieht. Nach der Ankunft dürften alle
       Ausgeflogenen in Quarantäne müssen, da eine Entwarnung wegen der langen
       Inkubationszeit erst nach Wochen möglich ist.
       
       Sobald die Menschen von Bord sind, soll die „Hondius“ ihre Fahrt sofort
       fortsetzen und Richtung Niederlande steuern, unter deren Flagge sie fährt.
       Erst dort soll der Leichnam einer an Bord gestorbenen Deutschen vom Schiff
       gebracht werden. Auch die Desinfektion des Schiffes wird in den
       Niederlanden vorgenommen. (dpa)
       
       ## Virusausbruch löst international Besorgnis aus
       
       Das Hantavirus wird in der Regel von Nagetieren übertragen, kann bei engem
       Kontakt aber auch von Mensch zu Mensch überspringen. Der Ausbruch der
       südamerikanischen Andes-Variante des Virus auf dem kleinen Kreuzfahrtschiff
       löste weltweit Besorgnis aus – auch und gerade wegen der Erinnerung an die
       Coronapandemie. Vor allem auf den Kanaren äußerten Menschen Angst wegen
       einer möglichen Infektion mit dem potenziell tödlichen Virus.
       
       Doch der jetzige Fall ist anders gelagert als der Beginn der Coronapandemie
       vor mehr als sechs Jahren. Selbst wenn es zu einer Übertragung des
       Andesvirus durch evakuierte Schiffspassagiere käme, wäre das Virus laut der
       EU-Gesundheitsbehörde ECDC nicht leicht weiter übertragbar, „sodass es
       unwahrscheinlich ist, dass es zu vielen Infektionsfällen oder einem
       großflächigen Ausbruch in der Bevölkerung käme“. Das Risiko für die
       Allgemeinbevölkerung in der EU durch eine Ausbreitung des Andesvirus sei
       „sehr gering“.
       
       Im Fall der „Hondius“ spricht die WHO von sechs bestätigten
       Hantavirus-Fällen und zwei Verdachtsfällen. Drei dieser acht Personen sind
       gestorben. Bei den Toten handelt es sich um ein älteres Ehepaar aus den
       Niederlanden und die Frau aus Deutschland. Da bei Zwischenstopps des
       Schiffes insgesamt mehr als 30 Passagiere und Besatzungsmitglieder
       ausgestiegen sind, wird nun weltweit nach potenziellen Verdachtsfällen
       gesucht. (dpa)
       
       ## Spanisches Gesundheitssystem gab den Ausschlag
       
       Die WHO hatte Spanien gebeten, die Menschen auf den Kanaren vor der
       Westküste Afrikas an Land gehen zu lassen, weil die Inselgruppe das erste
       potenzielle Ziel auf der Route des Schiffes mit einer erstklassigen
       Gesundheitsversorgung war. Kap Verde, wo die „Hondius“ zuletzt vor Anker
       gelegen hatte, wollte die Passagiere mit Verweis auf die unzureichenden
       Versorgungsmöglichkeiten dort nicht aufnehmen.
       
       Die „Hondius“ hatte ihre Fahrt durch den Südatlantik am 1. April in Ushuaia
       im Süden Argentiniens begonnen. Zehn Tage später starb ein Niederländer,
       seine Frau verließ das Schiff bei einem Zwischenstopp auf St. Helena und
       flog am 24. April nach Südafrika, wo sie kurz darauf in einem Krankenhaus
       starb. Nach Angaben des Schiffsbetreibers Oceanwide starb die Deutsche dann
       am 3. Mai. Die WHO vermutet, dass die Infektionskette von dem verstorbenen
       niederländischen Ehepaar ausging, das sich vor der Einschiffung in
       Argentinien noch an Land angesteckt haben könnte. (dpa)
       
       ## Argentinien: Ansteckung nicht in Feuerland
       
       Wo sich die Menschen mit dem Virus infiziert haben, ist noch immer unklar.
       Nach Einschätzung der örtlichen Behörden in Argentinien liegt der Ursprung
       des Hantavirus-Ausbruchs auf dem Kreuzfahrtschiff nicht in der
       argentinischen Provinz Tierra del Fuego (Feuerland). „Die
       Wahrscheinlichkeit, dass die Ansteckung hier erfolgte, liegt praktisch bei
       null“, sagte der Direktor für Epidemiologie im Gesundheitsministerium der
       Provinz im äußersten Süden des Landes, Juan Petrina.
       
       Das niederländische Paar, das an der Infektion starb, war nach Angaben des
       Gesundheitsministeriums von Tierra del Fuego nach einer monatelangen Reise
       durch ganz Argentinien, Chile und Uruguay am 29. März in der
       Provinzhauptstadt Ushuaia eingetroffen und hatte sich am 1. April auf der
       „Hondius“ eingeschifft. Bereits am 6. April hätten die beiden erste
       Symptome gezeigt, die Inkubationszeit des Hantavirus betrage allerdings
       mindestens zwei bis drei Wochen. „Diese Zeiten passen nicht zu einer
       Ansteckung in Tierra del Fuego“, sagte Petrina. (dpa)
       
       10 May 2026
       
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