# taz.de -- Teil 4 der Reihe zum 100. Geburtstag: Foucault und das „kälteste aller kalten Ungeheuer“
       
       > Staatliche Institutionen gelten Foucault einseitig als Orte
       > disziplinarischer Macht. Angesichts der neoliberalen Globalisierung ist
       > das problematisch.
       
 (IMG) Bild: Ist die Vermeidung, dermaßen regiert zu werden, schon die Lösung? Michel Foucault
       
       Im [1][zweiten Beitrag dieser Reihe] hat Philipp Sarasin die Frage
       aufgeworfen, ob Michel Foucault als Denker der politischen Linken gelten
       kann. Die Antwort darauf blieb uneindeutig: Als vermeintlicher Repräsentant
       einer „Neuen Linken“ bewege er sich nicht mehr in den vertrauten
       Koordinaten von Klasse, Partei und Revolution. Vielleicht muss die Frage
       nach der Beurteilung Foucaults aber anders gestellt werden. Anstatt sich
       auf die Gretchenfrage der politischen Einordnung zu fokussieren, sollten
       stärker die Implikationen und politischen Folgen seiner Machttheorie in den
       Blick treten.
       
       In dieser Perspektive wird die Frage, ob Foucault ein Linker gewesen sei,
       selbst historisch: Bedeutsam ist dann weniger seine politische
       Zugehörigkeit als vielmehr die Frage, welche Verschiebungen sein Denken
       innerhalb der politischen Linken ausgelöst hat, welche Konsequenzen sich
       daraus ergeben und welchen Einfluss Foucault heute auf den progressiven
       Denkkosmos ausübt. Die tiefen politischen Verschiebungen, deren Spuren
       Foucaults Werk durchziehen, werden an einem Punkt besonders deutlich:
       seiner Infragestellung des modernen Staates, den er mit Friedrich Nietzsche
       auch als das „kälteste aller kalten Ungeheuer“ bezeichnete.
       
       Die politische Katerstimmung nach dem Mai 1968 verstärkte bei vielen
       Intellektuellen seinerzeit das Gefühl der Ablehnung aller Formen zentral
       organisierter politischer Autorität, egal ob in Form der sozialistischen
       Partei oder des modernen demokratischen Staates. Die Krise des Marxismus,
       die Aufarbeitung des Stalinismus sowie die wachsende Skepsis gegenüber
       politischen Institutionen führten in ein Denkmuster, das man als
       „staatskritische Konstellation“ bezeichnen kann.
       
       [2][Pierre Bourdieu] hat diese Positionierung später als die „libertäre
       Tradition der Linken“ beschrieben. Mit seiner Genealogie des modernen
       Staates fügt sich Foucaults Arbeit in dieses Muster ein: Sie verfährt nicht
       einfach antiautoritär, sondern richtet sich besonders gegen jene
       Institutionen, in denen Macht im Namen der Vorsorge, in Form von Sozial-
       und Sicherheitsprogrammen auftritt. Im Laufe weniger Jahre entwickelt sich
       Foucault auf diese Weise von einem Intellektuellen der radikalen Linken zu
       einem entschiedenen Kritiker des Sozialismus, der in den revolutionären
       Bestrebungen der Linken eine bedrohliche Fetischisierung des Staates
       erblickte. Wie lässt sich diese Entwicklung erklären?
       
       ## Prozesse der Normierung
       
       Eine erste Antwort darauf gibt Foucault selbst: In einem Interview aus dem
       Jahre 1971 gestand er einem Journalisten die innere Zerrissenheit gegenüber
       seiner neuen Aufgabe als Professor am Collège de France. Auf die Frage nach
       der mit großer Spannung erwarteten Antrittsvorlesung verrät er
       nachdenklich: „Diese Frage bringt mich […] in große Verlegenheit,
       vielleicht weil ich jeder Institution feindlich gegenüberstehe.“
       Institutionen wie das Sozial- und Bildungswesen, „die Gerichte, die
       Krankenhäuser, die Schulen, die Presse“ und letztendlich „der Staat“ galten
       ihm als die zentralen Orte disziplinarischer Macht, in denen Prozesse der
       Kontrolle, Normierung und Subjektivierung in radikaler Weise wirken können.
       
       Ganz im Sinne dieser Diagnose findet sich in Foucaults bekannter Studie
       „Überwachen und Strafen“ eine eigentümliche Beschreibung des Sozialstaates.
       Moderne (demokratische) Gesellschaften werden hier nicht auf Basis ihrer
       politischen Strukturen, sozialen Differenzen oder ökonomischen
       Implikationen untersucht, sondern über die Funktionsweise ihrer
       Disziplinarmechanismen beschrieben: In Anlehnung an den „Archipel Gulag“,
       Alexander Solschenizyns Roman über das [3][stalinistische Straf- und
       Vernichtungssystem,] gleichen für Foucault die Vollzugsweisen aller
       modernen Staaten einem „Kerkerarchipel“, einer Gesellschaft nach dem
       Vorbild eines allumfassenden Gefängnisses.
       
       Mit dem Begriff des „Archipels“ verknüpft Foucault nicht nur auf
       semantischer Ebene die Disziplinarmechanismen moderner Sozialstaatlichkeit
       mit jenen des sowjetischen Gulagsystems. Er legt vielmehr nahe, dass
       zwischen dem demokratischen Sozialstaat und den repressiven Apparaten
       totalitärer Systeme keine kategoriale Differenz besteht, sondern eine
       Kontinuität sichtbar wird: In der institutionellen Struktur zeige sowohl
       der Sozialstaat als auch der totalitäre Sozialismus Gemeinsamkeiten, in
       denen die gesamte Machtstruktur moderner Staatlichkeit strukturell
       kontaminiert ist.
       
       Foucault wird später von einer „Modernitätsschwelle“ sprechen, die alle
       Staaten bei der bio-politischen Lenkung und Kontrolle ihrer Bevölkerung
       gleichermaßen erreichen. Institutionelle Fortschritte im Bereich der
       Demokratisierung oder die Zunahme an sozialer Sicherheit haben in seiner
       Perspektive keinerlei Einfluss auf den disziplinarischen Grundcharakter der
       Machtordnung. Dort, wo der Sozialstaat Schutz verspricht, zeigen sich die
       „perversen Effekte der Sozialversicherung“ und die „Disziplin [bildet] die
       Kehrseite der Demokratie“. Die Errungenschaften moderner Sozialsysteme
       gelten ihm ausschließlich als eine historische Verdichtung von
       Machtbeziehungen.
       
       ## Analytiker moderner Machtverhältnisse
       
       Zu dieser Diagnose bieten sich zwei konträre Deutungen an: Entweder lässt
       sich Foucault als scharfsinniger Analytiker moderner Machtverhältnisse
       beschreiben. Diese Interpretation dominiert weite Teile der
       Rezeptionsgeschichte und lässt ihn auch heute noch als kritischen, linken
       Geist erscheinen. Andersherum lässt sich hinterfragen, wie eine solche
       Fundamentalkritik des Sozialstaates heute zu bewerten ist. Wohin führt der
       radikale Abgesang auf die von unten erkämpfte Sozialstaatsordnung, die
       historisch eng mit den Hoffnungen der Arbeiterbewegung und ihrem Projekt
       einer gerechten und solidarischen Gesellschaft verbunden war?
       
       In der internationalen Debatte haben diese Fragen längst dazu geführt, dass
       man Foucault mancherorts in die Nähe neoliberaler Theorieansätze rückt. Die
       Ablehnung von Staatlichkeit und Sozialpolitik, die emphatische Fokussierung
       auf individuelle Autonomie wie auch die unzweifelhafte Bewunderung, die
       Foucault der neoliberalen Kritik des Staates in seinen
       Gouvernementalitätsvorlesungen entgegenbrachte, liefern hierfür deutliche
       Anzeichen.
       
       Die neoliberalen Regierungspraktiken, mit denen er sich Ende der 1970er
       Jahre intensiv beschäftige, faszinierten ihn nicht zuletzt deswegen, weil
       sie seiner eigenen Definition von „Kritik“ erstaunlich nahekamen: Kritik
       bestimmte Foucault als die „Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“, und
       der staatskritische Neoliberalismus erfüllte genau diese Anforderungen,
       indem er sich um die Frage drehte, „wie man es anstellt, nicht zu viel zu
       regieren“. Kritik war für Foucault also zuvorderst die Vermeidung
       übermäßiger Regierung, und der Neoliberalismus machte die Infragestellung
       des fordistischen Disziplinarstaates und seines sozialökonomischen
       Interventionismus zu seinem Programm.
       
       ## Erosion sozialer Staatlichkeit
       
       „Linker“ oder „Neoliberaler“? Wie man auch immer dazu steht, so werden
       heute gleichermaßen die problematischen Folgen dieser „libertären“ Kritik
       des Staates sichtbar. Denn aus der Perspektive unserer Gegenwart können wir
       inzwischen anders auf Foucaults Werk blicken: Heute sind wir weniger mit
       einem Übermaß an sozialer Staatlichkeit als mit dessen vollständiger
       Erosion konfrontiert. Bei uns Zeitgenossen dominiert daher das diffuse
       Gefühl, vor einem Trümmerhaufen zu stehen: Was in den Sozialwissenschaften
       als „Polykrise“ umschrieben wird und Phänomene wie soziale Ungleichheit,
       Oligarchisierung, marode Infrastrukturen, Klimakrise, und Infragestellung
       demokratischer Standards bis hin zum Aufstieg des Rechtspopulismus
       einschließt, trägt deutliche Spuren mangelnder staatlicher
       Steuerungsfähigkeit.
       
       Im Angesicht dieser [4][ungelösten Strukturprobleme] büßt Foucaults
       einseitig düsteres Bild des steuernden, sozialen Staates seine
       Überzeugungskraft ein. Der Verlust staatlicher Handlungsfähigkeit in
       modernen Demokratien hat vielerorts diejenigen Prozesse verstärkt oder gar
       ausgelöst, die uns heute als Krisen gegenübertreten. Foucaults Kritik des
       Staates wirkt im Angesicht dieser Entwicklungen aus der Zeit gefallen.
       
       Zum 100. Geburtstag des Machttheoretikers stellt sich die Frage nach seinem
       politischen Erbe daher anders. Vieles spricht dafür, dass Foucaults
       radikale Skepsis gegenüber dem modernen Staat einer historischen
       Konstellation entspringt, der die „Krise des Marxismus“ (Althusser) wie
       auch die damalige Verfassung der Fünften Französischen Republik ihre
       Plausibilität verlieh, sich heute jedoch als verfehlt erweist.
       
       Die „staatskritische Konstellation“, zu deren einflussreichsten
       Repräsentanten Foucault zählt, hat so zu einer Wehrlosigkeit der
       politischen Linken gegenüber einer neoliberalen Globalisierung beigetragen.
       Darin wird der Sozialstaat nicht nur als Ort kollektiver Emanzipation
       disqualifiziert, sondern zur Barriere für eine weitere Ausweitung
       gesellschaftlicher Emanzipation erklärt. Was zurückbleibt, ist eine Linke,
       die in ihren zentralen Entwürfen über weite Strecken unfähig bleibt,
       Handlungsfähigkeit im sozialstaatlich-institutionellen Rahmen zu denken.
       Stattdessen hat sie sich auf das kritische Beobachten des Staates
       zurückgezogen, ohne selbst tragfähige Konzeptionen für eine kollektive
       Gestaltung der Gesellschaft anzubieten.
       
       Mit Foucaults Denken geht auf diese Weise eine Deflation von politischen
       Gestaltungsmöglichkeiten einher, indem der Staat und die politischen
       Institutionen als durch Machtpraktiken kontaminiert gelten und einer Linken
       folglich nicht mehr zur Verfügung stehen.
       
       15 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Teil-2-der-Reihe-zum-100-Geburtstag/!6163332
 (DIR) [2] /Pierre-Bourdieus-90-Geburtstag/!5697549
 (DIR) [3] /Russischer-Dissident-Warlam-Schalamow/!5917259
 (DIR) [4] /Buch-des-Soziologen-Philipp-Staab/!6111276
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Julian Nicolai Hofmann
       
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