# taz.de -- Rückbau von Radwegen: Kulturkampf auf 600 Metern
> Die Verkehrssenatsverwaltung will eine Rad- und Busspur in Steglitz
> zurückbauen. Damit droht die CDU die Verkehrswende endgültig zurückdrehen
(IMG) Bild: In Berlin wird das Rad zurückgedreht
Wer wissen will, wie es um die Verkehrswende in Berlin bestellt ist, muss
einmal auf ein 620 Meter langes Stück Radweg in Steglitz gucken. Seit 2022
dürfen sich Fahrradfahrende auf der Straße Unter den Eichen auf einer
eigenen Spur breitmachen und müssen sich nicht mehr auf den schmalen und
holprigen Gehwegstreifen zwängen. Doch anstatt das Ministück weiter
auszubauen, will die Verkehrssenatsverwaltung die Radspur wieder für den
Autoverkehr umwidmen.
Im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf sorgt die Ankündigung für Entsetzen: „Das
ist [1][nicht nur ein Radwegestopp], sondern eine Stufe weiter, ein
Rückbau“, sagt Bezirksstadtrat für Straßen und Grünflächen Urban Aykal
(Grüne) der taz. Ende April hatte die Senatsverwaltung den Bezirk um eine
Stellungnahme zu dem Rückbau gebeten.
„Mich hat das überrascht“, sagt Aykal. Denn es war die Senatsverwaltung,
[2][die 2022 die Freigabe der Fahrbahn aufgrund der schlechten Qualität des
geteilten Fuß- und Radweges angeregt hat.] Der gepflasterte Weg, der am
Botanischen Garten entlangführt, ist viel zu schmal und völlig
durchwurzelt. Auch handelt es sich bei dem neuen Radweg um eine kombinierte
Rad- und Busspur, dessen Wegfall auch den Busverkehr behindern würde.
Dem Ankündigungsschreiben fehlten außerdem sämtliche Unterlagen, um den
Schritt zu begründen, berichtet Aykal. Auch deswegen habe sich der Bezirk
gegen die Umwidmung ausgesprochen.
## Ist Stau das Problem?
Gegenüber der taz gibt sich die Senatsverwaltung auskunftsfreudiger: An
oben beschriebener Stelle komme es täglich zu einem Rückstau, der auch zu
Schwierigkeiten an der Kreuzung mit der Autobahnauffahrt A 103 führt, teilt
Pressesprecherin Petra Nelken mit. Mit der zusätzlichen Fahrspur wolle man
„Stauentwicklung reduzieren“. Die Entscheidung sei nach „intensiver
Überprüfung der Lage vor Ort“ entstanden.
Besonders bemerkenswert ist ein Argument des Pressereferenten Frank Preiss
gegenüber dem Tagesspiegel am Montag. Demnach sei die Frequenz des Fuß- und
Radverkehrs als „überschaubar“ zu bewerten.
Die Begründung ist kurios. Nach d[3][en letzten verfügbaren Verkehrsdaten]
für die Straße aus dem Jahr 2023 gehört der Abschnitt zwar nicht zu den
meistgenutzten Routen, ist aber mit durchschnittlich 1.440 Radfahrenden in
12 Stunden kein verwaister Fahrstreifen.
Besonders dramatisch sei es, dass der alte geteilte Fuß- und Radweg an
einem der Haupteingänge des Botanischen Gartens vorbeiführte, sagt Oda
Hassepass, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen. Dort seien häufig
Schulklassen und Kitagruppen unterwegs, „150 Radfahrende pro Stunde sind da
nicht wenig. Die Zahlen werden aber komplett ignoriert“, kritisiert
Hassepass.
## Fragwürdige Begründung
Auch an der Darstellung, ein weiterer Fahrstreifen könnte das Stauproblem
lösen, gibt es Zweifel. Stadtrat Urban Aykal verweist auf ein Gutachten,
das die Senatsverwaltung 2023 selbst in Auftrag gegeben hat. Demnach seien
die Stauprobleme durch die Ampelschaltung an der nahegelegenen Kreuzung
bedingt. „Die andere Straßenseite ist zweistreifig, da haben wir auch
Stau“, sagt Aykal.
Die Begründung der Senatsverwaltung hält Verkehrspolitikerin Hassepass nur
für vorgeschoben. „Es ist eine ganz klare Ansage der CDU: Uns sind
Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, egal.“ Auch sei der
Schritt als Vorgeschmack auf die kommende Änderungen im Mobilitätsgesetz zu
verstehen.
Denn das sieht vor, an allen Hauptstraßen separate und ausreichende breite
Radwege zu errichten. Ob durch den Wegfall eines Fahrstreifens für den
Autoverkehr mehr Stau verursacht wird oder nicht, spielt nach dem Gesetz
keine Rolle.
Genau diesen Passus wollen CDU und SPD auf den letzten Metern der
Legislaturperiode streichen. Die Novelle soll am Donnerstag im
Hauptausschuss diskutiert werden „Es wird ein Herzstück des
Mobilitätsgesetzes angegriffen“, sagt Verkehrsexpertin Marlene Albers vom
Fahrradverein ADFC.
## Keine Sicherheit ohne Radnetz
Die Auswirkungen für die Verkehrswende seien gravierend, sagt auch Ragnhild
Sørensen vom Lobbyverein Changing Cities. Ein zentrales Ziel des
Mobilitätsgesetzes sei es, ein zusammenhängendes Netz aus sicheren Radwegen
zu schaffen. „Wenn man Ausnahmen macht, gibt es Lücken und dann ist es kein
Netz mehr“, sagt sie. Und eine einzige Lücke würde für viele schon
ausreichen, um sich unsicher auf dem Rad zu fühlen und das Verkehrsmittel
zu meiden, erklärt Sørensen.
Die Straße Unter den Eichen ist nicht nur eine Hauptstraße, sondern auch im
aktuellen Radverkehrsplan ein Teil des Ergänzungsnetzes. Somit sehe das
Mobilitätsgesetz gleich doppelt Fahrradinfrastruktur nach festgeschriebenen
Qualitätsstandards vor, erklärt Marlene Albers vom ADFC. „Es wäre
sinnvoller, diesen Radweg noch mehrere Kilometer auszuweiten.“ Der Rückbau
hingegen „passe in das aktuelle politische Klima“.
Aber das Mobilitätsgesetz ist nicht die einzige rechtliche Vorgabe, die den
Bau von Radwegen regelt. [4][Die Deutsche Umwelthilfe] merkt an, dass nach
Bundesrecht der alte Radweg gar nicht mehr den Vorgaben entspräche. Ein
Rückbau sei somit rechtlich angreifbar. „Die Abschaffung verstößt nach
Einschätzung der DUH gegen mehrere rechtliche Vorschriften und gefährdet
die Sicherheit von Radfahrenden sowie Fußgängerinnen und Rollstuhlfahrern,
die sich zukünftig den Gehweg mit dem Radverkehr teilen müssten“, teilte
die DUH am Montag in einer Pressemitteilung mit. Der Verband kündigte
rechtliche Schritte an.
Changing-Cities-Pressesprecherin Ragnhild Sørensen hat keinen Zweifel, dass
die Klage Erfolg hat. „Der Rückbau hat weder Hand noch Fuß. Das ist ein
Wahlkampfgeschenk für Autofahrer.“
5 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Stopp-fuer-Radwege-in-Berlin/!5942714
(DIR) [2] https://www.berlin.de/sen/uvk/mobilitaet-und-verkehr/infrastruktur/strassenbau/unter-den-eichen/
(DIR) [3] https://gdi.berlin.de/viewer/main/#
(DIR) [4] /Forderung-von-Bundesagrarminister-Rainer/!6176083
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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