# taz.de -- Ecosia nimmt es mit Big Tech auf: Nur noch kurz die Welt retten
> Mit seiner Suchmaschine will Ecosia-Gründer Christian Kroll durch
> Umweltschutz die Welt verbessern. Nun geht es ihm immer mehr um echte
> Unabhängigkeit von Big Tech.
(IMG) Bild: Ecosia-Gründer und Geschäftsführer Christian Kroll
Sechs Männer stehen in einer Reihe auf der Reichstagswiese und posieren mit
Schaufeln für die Kameras. „Jetzt noch mal alle zusammen!“ Fast
gleichzeitig beugen sie sich etwas nach vorne, strecken ihre knallroten
Schaufeln gerade von sich und setzen ein Lächeln auf. Unter ihnen sind der
Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD), Mittes Bezirksstadtrat für
Umwelt Christopher Schriner (Grüne) und der Ecosia-Gründer und
Geschäftsführer Christian Kroll. „Und hopp!“ Sie schütten ihre Häufchen
Erde um den frisch in eine Kule gehobenen Feldahorn herum.
Es ist nicht irgendein Baum, es ist der 250-Millionste Baum von Ecosia, der
an diesem Tag im Frühjahr feierlich gepflanzt wird. „Ich hatte immer mal
den Traum, einen Baum vorm Reichstag zu pflanzen“, sagt Kroll, und es wird
ein bisschen gelacht, weil es nicht ganz ernst gemeint scheint, bevor er
fortführt: „Ich dachte, das wäre absurd, aber jetzt machen wir das
tatsächlich.“
Mit Ecosia, „der Suchmaschine, die Bäume pflanzt“, surft man nicht nur im
Internet, man rettet gleichzeitig ein bisschen die Welt, so die Idee. Das
funktioniert so: Wie alle Suchmaschinen verdient Ecosia Geld durch die
Werbeeinnahmen, die jeden Besuch im World Wide Web begleiten. Anders als
bei anderen Suchmaschinen fließen diese Gewinne bei Ecosia nicht als
Dividendenzahlungen auf die Konten von Aktionär*innen, sondern in
Umweltprojekte.
Vor allem in neue Bäume, wobei es eigentlich sogar mehr als 250 Millionen
seien, erklärt Kroll: „Wir zählen einen Baum erst, wenn er seit mindestens
drei Jahren wächst.“ Um das zu überprüfen, klicken sich im Ecosia-Büro im
Wedding Angestellte durch Satellitenaufnahmen aus der ganzen Welt, aus
Brasilien, dem Senegal oder Madagaskar, um einen Überblick über die
gepflanzten Bäume zu behalten.
Reihte man all diese Bäume mit einem Abstand von zwei Metern aneinander,
würde die Baumlinie den Planeten zwölfmal umrunden. Das habe er neulich mal
ausgerechnet, erklärt Kroll, schränkt aber ein: „Krasse Zahl, aber das ist
halt im Endeffekt ein Bruchteil von dem, was wir an Bäumen brauchen.“ Viel
mehr bräuchte es, um CO₂ zu bündeln und dem Klimawandel Einhalt zu
gebieten. Und um die Lebensbedingungen für die Menschen dort zu verbessern,
wo Wälder und Landschaften auch durch die Erderwärmung bereits vertrocknet
sind.
## Inspiration auf Reisen
Die Welt verbessern, das war von Beginn an die Kernidee von Ecosia. Sie
kommt Christian Kroll Mitte zwanzig im Jahr 2007, als er nach seinem
BWL-Studium eineinhalb Jahre durch Nepal und Südamerika reist. Er erlebt
dort das, was man eine klassische Gap-Year-Erkenntnis eines Europäers auf
Reisen nennen könnte: „In mir ist ein globales Verständnis dafür gewachsen,
wie unfair eigentlich unser System ist“, erinnert er sich. Die Zufälligkeit
eines Geburtsorts, die wirtschaftliche Abhängigkeiten vieler Länder von
wenigen reichen Ländern, Armut. Und er bekommt mit, wie in Argentinien und
Brasilien Regenwaldflächen so groß wie Bundesländer für den Soja-Anbau
abgeholzt werden. Er will etwas Sinnvolles tun, abgeleitet aus seinem
Privileg, in Wittenberg in Deutschland aufgewachsen zu sein.
Noch aus seiner Zeit als BWL-Student weiß er, wie viel Geld Google über
Werbung und über die Vermittlung von Besucher*innen auf Websites
verdient, und fragt sich: „Was wäre denn, wenn es ein Google gäbe, das sich
genau für die Dinge einsetzt, die mir wichtig sind?“ Noch in Südamerika
arbeitet er mit seiner Schwester und einem Schulfreund an den Anfängen von
Ecosia, das zu Beginn noch Forestle heißt.
Zwanzig Jahre später ist Ecosia die größte Suchmaschine Europas mit um die
hundert Angestellten. Und mit circa 20 Millionen Nutzer*innen, die durch
ihre täglichen Internetsuchen den Umweltschutz ermöglichten, so Kroll. Auf
der Website, dem Ecosia-Blog, kann man durch die Projekte scrollen und alle
wichtigen Informationen einsehen: „Eure Bäume in Thailand“, „Eure Bäume in
Indien“, und auch in Europa pflanzt Ecosia mit Partnerorganisationen Bäume.
In Spanien hat der Projektpartner AlVelAl die dort heimischen Baumarten
Aleppo-Kiefer und Stech-Wacholder ausgesät. Herausfordernd seien dort vor
allem die Massentierhaltung und die industrielle Landwirtschaft.
Dass Ecosia bei vielen Projekten hervorhebe, mit lokalen
Partnerorganisationen, standortgerechten Arten und mit Agroforst zu
arbeiten, sei ein gutes Zeichen, sagt Daniel Johnson, Professor für
Wertebasierte Waldökonomie an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung
Eberswalde. Und auch, dass neben dem ökologischen, auch der soziale Nutzen
betont werde: „Baumpflanzung ist nicht automatisch gut, aber sehr oft
sinnvoll, wenn sie langfristig und gemeinsam mit den Menschen vor Ort
umgesetzt wird.“
Damit das so bleibt, hat Christian Kroll 2018 mit dem damaligen Mitinhaber
Tim Schumacher 99,9 Prozent der Ecosia-Anteile an die Purpose Foundation
übergeben und ihnen ein Vetorecht erteilt. Seitdem sei garantiert, dass
Ecosia nicht mehr mit Gewinn verkauft oder Geld aus dem Unternehmen
entnommen werden könne, erklärt er: „Die Stiftung hat die Verantwortung,
die Anteile zu halten, ohne Hintertürchen.“ Dieser Schritt sei „tatsächlich
irreversibel und nicht wie OpenAI, die irgendwie gesagt haben, sie sind
Non-Profit, und jetzt aber ihren Börsengang planen“, regt er sich auf.
## Ohne Bing und Google läuft nichts
Sobald es um Big Tech geht, verdüstert sich Krolls Miene. Die großen
Unternehmen haben Ecosia in der Hand: „Den Großteil unserer Suchergebnisse
beziehen wir von Microsoft, das heißt von ihrer Suchmaschine Bing, und von
Google. Und auch die Werbeanzeigen, die wir anzeigen, kommen von Microsoft
und Google“, erklärt er. Ecosia bekommt die Suchergebnisse und
Werbeanzeigen weitergeleitet und muss im Gegenzug dafür bezahlen. Wie viel,
darf er nicht sagen, aber: „Der wesentliche Teil bleibt bei uns … aber ein
nicht unwesentlicher Teil landet bei Microsoft und Google.“
Durch diese Abhängigkeit hat Ecosias Umwelt- und Datenschutz Grenzen, die
auch die Nutzer*innen ahnen. Das zeigen die Top-3-Suchvorschläge: „Ist
Ecosia wirklich nachhaltig?“, „Ist Ecosia sicher?“, „Ist Ecosia seriös?“
Strenggenommen ist die Antwort: Jein.
Zwar verdient Ecosia mit jeder Internetsuche Geld, das es zu großen Teilen
für Umweltprojekte ausgibt. Und für die Verarbeitung der Suchanfragen nutzt
Ecosia Energie aus erneuerbaren Ressourcen. Das ist die eine Seite: seriös,
nachhaltig, sicher. Die andere Seite ist, dass mit jeder Internetsuche bei
Ecosia auch Google und Microsoft bezahlt werden, für die das nicht gilt.
Der gleiche Widerspruch besteht beim Datenschutz: Zwar anonymisiert Ecosia
Daten wie die IP-Adresse von Nutzer*innen nach sieben Tagen, ihre
Suchpartner Microsoft und Google hingegen erst nach sechs beziehungsweise
neun Monaten.
Diese Informationen stehen auf dem Ecosia Blog. Sie sind kein Geheimnis,
werden aber auch nicht so offen nach außen getragen, wie das
Nachhaltigkeitsversprechen. Im Endeffekt ist es als Ecosia-Nutzer*in bisher
so: Statt nur zu googeln, kann man googeln und dabei Bäume pflanzen. Und
das ist wahrscheinlich besser, als keine Bäume zu pflanzen.
## Von der Abhängigkeit lösen
Kroll reicht das nicht. Er will raus aus dieser Abhängigkeit von Google und
Microsoft. Seit 2024 entwickelt Ecosia gemeinsam mit der französischen
alternativen Suchmaschine Qwant unter dem Namen European Search Perspective
einen eigenen Suchindex. Das ist eine Art digitale Bibliothek, auf der
Suchmaschinen beruhen. „In Frankreich machen wir schon die Hälfte unserer
Suchergebnisse selber. In Deutschland werden wir bis zum Ende des Jahres
mindestens auf die Hälfte kommen, denke ich.“
Bis vor Kurzem beruhte Ecosia noch ausschließlich auf den Suchindizes von
Google und Microsoft. Diesen jetzt selbst zu entwickeln, ist eine
Mammutaufgabe, die Matthias Schmelzer, Professor für sozial-ökologische
Transformationsforschung an der Universität Flensburg, so beschreibt: „Das
zentrale Problem ist kein betriebswirtschaftliches, sondern ein
politökonomisches: Wer mehr Suchanfragen prozessiert, hat bessere Daten,
verbessert seinen Algorithmus schneller und festigt seinen Vorsprung.“ Das
heißt mit anderen Worten: Google und Microsoft haben einen massiven
Vorsprung. Und für Kroll heißt das: „Wir sind eine digitale Kolonie.
Big-Tech-Konzerne haben uns Europäer, uns Deutsche im Würgegriff.“
Lösen kann sich Ecosia daraus, wenn überhaupt, weil es die Suchmaschine
schon lange gibt und sie viele Millionen Nutzer*innen hat, durch die der
Suchindex jetzt trainiert werden kann. Mit Ecosia könne Europa digital
souverän werden, was auch für die Demokratie unerlässlich sei, sagt Kroll
im Hinblick auf die aktuelle Politik. „Frau von der Leyen steht dann da und
versucht irgendwie, mit Herrn Trump zu verhandeln, und hat aber eigentlich
gar keine Verhandlungsmacht.“ Der US-Präsident [1][hatte Ende vergangenen
Jahres gedroht, die Zölle zu erhöhen,] sollten EU-Regeln US-amerikanische
Technologiekonzerne zu sehr einschränken. „Ich hoffe, dass wir schon in
ein, zwei Jahren vielleicht keine perfekte, aber wenigstens überhaupt eine
Alternative zu Big Tech bieten können.“
Eine Alternative, die auch politisch angenommen und gefördert werden
müsste. Bisher ist es so: Das Umweltministerium habe unter der ehemaligen
Ministerin Steffi Lemke (Grüne) auf Ecosia umgestellt, „Merz hat es im
Kanzleramt aber leider noch nicht geschafft“, beklagt sich Kroll. Und
Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) ist gar nicht erst anwesend, als
der Feldahorn auf der Reichstagswiese gepflanzt wird.
Kroll hält trotzdem daran fest: „Nehmen wir an, wir hätten Ecosia in der
gleichen Dimension wie Google – wir hätten eine ganz andere Welt, glaube
ich.“
6 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Marisa Haug
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