# taz.de -- Die Wahrheit: Im Strudel der Fälschungen
       
       > Deep-Fake-Skandal bei der SPD in Niedersachsen: Das Örtchen Uechte steht
       > kopf.
       
 (IMG) Bild: Die Deep-Fake-Bilder von Uechter-SPD-Granden schlagen hohe Wellen
       
       Das niedersächsische Uechte, unweit der Nordheide-Metropole Buchholz, wirkt
       nicht so, als würde hier jemals etwas geschehen. Reetgedeckte Häuser, ein
       Friseurschild mit schiefem Ö, ein Bäcker, der um elf keine Franzbrötchen
       mehr hat. Und doch ist hier kürzlich etwas passiert.
       
       „Ich dachte erst, das System spinnt“, erinnert sich Claus Neumann, 53,
       Vizechef der lokalen SPD. Der Steuerberater, zuständig für die „Pfuinanzen“
       der Ortsgruppe und das alljährliche „Dinner in Red“, verliert so schnell
       nicht die Fassung. Doch dann kamen die Anträge. Zunächst einer. Dann drei.
       Dann zehn. Schließlich täglich zig Mails. „Ich hab aufgehört, mich zu
       wundern“, sagt Neumann, „nur noch gezählt.“
       
       Am Ende sind es 115 Personen. Und alle haben diesen Wunsch: Aufnahme in die
       Uechter SPD. So etwas gab es in den besten Jahren nicht. Doch gerade jetzt,
       wo die SPD bundesweit so dramatisch verliert, wirkte es wie ein Fehler.
       Zumal die Antragsteller mehrheitlich gar nicht aus der Gegend, sondern aus
       Bayern, Brandenburg und sonst woher stammten. Selbst aus Australien meldete
       sich einer.
       
       „Wir sind doch kein Leuchtturmprojekt“, wunderte sich auch Arne Haag, 43.
       Als Parteichef berief er sofort eine Krisensitzung ein. Außer ihm und
       Neumann erschien noch Zahnärztin Karin Remberger, 69, in der erlesen
       renovierten Bauerntenne, die mit ihren wattierten Teppichböden und
       parfümierten Tapeten den aktuell 23 Uechter SPD-Mitgliedern als Parteibüro
       dient. Doch auch zu dritt konnte sich der Vorstand keinen Reim auf die
       Antragsflut machen.
       
       ## Link klärt alles
       
       Die Auflösung brachte ein Anruf aus Haags Verwandtschaft. Ob er den Job
       gewechselt habe, wollte sein Cousin wissen. Und was das für ein Outfit sei.
       „Ich verstand nur Bahnhof“, lacht Haag. „Welches Outfit?“ Dann schickte der
       Cousin den Link.
       
       Auf Haags Laptop erschien ein Deep Fake der Uechter SPD. Auf den ersten
       Blick stimmte alles: das Logo, die Termine. Doch dann klickte Haag auf
       „Vorstand“ und erkannte sich auf dem Foto – aber irgendwie auch nicht. Denn
       das Bild zeigte ihn in einem Tanktop, die nackten Arme mit teils obszönen
       Tattoos bedeckt. Darunter der Name, sein Alter, alles korrekt. Nicht aber
       die Berufsangabe: Gerüstbauer. „Ich bin seit 22 Jahren in leitender
       Funktion im Finance-Bereich“, sagt Haag trocken. „Und hasse Tätowierungen.“
       
       Außerdem leide er unter Höhenangst, wollte niemals auf ein Gerüst. Auch den
       anderen Vorständen waren Jobs angedichtet, die sie – „schon der
       unmenschlichen Arbeitszeiten wegen“ (Haag) – im Traum nicht ausüben
       wollten: „Maschinenführer im Schichtbetrieb“ (Neumann) und „Wäschefahrerin“
       (Remberger). Verstörender noch waren ihre ebenfalls stark gefakten Fotos:
       Glatzenträger Neumann mit Vokuhilafrisur, Nichtraucherin Remberger mit
       Fluppe im Gesicht und Schiebermütze.
       
       Für weitere Irritationen sorgten die Berichte aus dem angeblichen
       Parteileben. Das monatliche Golfturnier der Uechter SPD war zur
       Minigolfsause geschrumpft, der wöchentliche Gedankenaustausch über das
       Börsengeschehen zum geselligen Skatabend. Fotos zeigten Feiern, die es so
       nie gegeben hat: Männer in derben Manchesterhosen und Frauen mit klobigen
       Arbeitsschuhen stehen um einen grob geschmiedeten Grill. Alle lachen,
       halten braune Bierknollen in den Fäusten. Die Szenen wirken ausgelassen,
       fast proletarisch. Auf einem anderen Bild sieht man Männer mit Schutzhelmen
       an Biertischgarnituren, senfverschmierte Pappen vor sich mit verbrannten
       Bratwürsten drauf.
       
       ## Feiern wie bei Brandt
       
       „So haben sie vielleicht in den Siebzigern gefeiert, unter Brandt und
       Wehner“, murmelt Arne Haag, während er – „nur mal zum Vergleich“ – die
       Originalseite der Uechter SPD aufruft. Da wirkt alles eher gediegen, wird
       auf Stehpartys Crémant gereicht oder Aperol, dazu fresh belegte Schnittchen
       mit zart gedämpftem Geflügel auf sämigen Tunken. „Edelzwicker, wie noch zu
       Schröders Zeiten, trinken wir hier schon lange nicht mehr. Und wenn
       ausnahmsweise mal ein Bier auf den Tisch kommt, dann nur das in den
       schlanken grünen Gebinden.“
       
       Klarer Fall: Die 115 Antragsteller haben nicht auf den echten, sie haben
       auf den gefakten Parteiauftritt reagiert: diese zugespitzte, idealisierte,
       aber wohl überzeugendere Variante der SPD. Doch was versprechen sich die
       unbekannten Deep Faker davon? Wo doch die aktuelle Realität der SPD eine
       völlig andere ist als die einer, auch von der Berliner Parteiführung immer
       wieder gern beschworenen Einheit der fleißigen Arbeiter und tapferen
       Frühaufsteherinnen, der Wenig- und Normalverdiener, die das Land am Laufen
       halten.
       
       Ein heikler Verdacht: Handelte es sich vielleicht um einen Versuch der
       SPD-Spitze selbst, um auf diese schräge Weise das Image der Arbeiterpartei
       neu zu beleben? Anruf im Willy-Brandt-Haus: Sorry, Frau Bas ist beim
       Friseur. Und der Genosse Klingbeil? Lässt sich gerade den Dackelblick
       richten. Sonst sei leider niemand erreichbar. So bleibt es beim vagen
       Verdacht. Die falsche Website indes ist längst aus dem Netz verschwunden.
       
       5 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fritz Tietz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Satire
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) SPD
 (DIR) SPD Niedersachsen
 (DIR) Deepfake
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Benzinpreise
 (DIR) Benzinpreise
 (DIR) Einkaufen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Tränen an Tankpistolen
       
       Die ersten Opfer des anhaltend hohen Spritpreises werden nun therapeutisch
       betreut. Ein berührender Wahrheit-Report von der Tankstelle.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Drohnen gegen Temposünder
       
       In der Benzinpreiskrise gehen die Behörden neue Wege, Tempolimits auf
       deutschen Straßen durchzusetzen.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Psychologie der Einkaufswagen
       
       Endlich gibt es eine Antwort auf die Frage aller Fragen für Konsumenten im
       Supermarkt: Warum bringe ich mein rollendes Metallvehikel nicht zurück?