# taz.de -- Die Wahrheit: Drohnen gegen Temposünder
       
       > In der Benzinpreiskrise gehen die Behörden neue Wege, Tempolimits auf
       > deutschen Straßen durchzusetzen.
       
 (IMG) Bild: Achtung, Achtung, hier kontrollieren Sie Drohnen! Foto: dpa
       
       Sein „Gefechtsstand“ liegt im Keller des Kreishauses von Winsen an der
       Luhe. Kein Fenster, kein Tageslicht, nur das mattblaue Leuchten eines
       Bildschirms. Vassili sitzt davor wie vor einem Aquarium. Doch es sind keine
       Fische, die sich darin bewegen. Es sind Fahrzeuge auf der L 213. Eine der
       meistbefahrenen Straßen im niedersächsischen Landkreis Harburg.
       
       Auf einer digitalen Karte kann man ihren Verlauf sehen. Vorbei an Feldern,
       Äckern, einem Golfplatz zieht sie sich wie eine hässliche Narbe durch die
       Landschaft. Vassili beugt sich vor. Das Kinn des 42-Jährigen sticht kantig
       vor, seine Augen sind hellwach. „Da“, sagt er leise. Ein blinkender Cursor.
       Ein Punkt, deutlich schneller als die anderen. Das System markiert ihn mit
       92 Stundenkilometern. Erlaubt sind 70. Vassili drückt eine Taste.
       
       Irgendwo draußen, von einem der geheimen Startplätze entlang der L 213,
       erhebt sich jetzt ein leises Summen. Eine der vier
       Verkehrsüberwachungsdrohnen (VÜD) des Landkreises Harburg. Auf einem
       zweiten Monitor baut sich ihr Kamerabild auf. Zunächst sieht man nur
       wackeliges Terrain, eine schräge Baumreihe, dann der Zoom auf die Straße:
       Ein Mercedes-Van, schwarz, glänzend. „Viel zu schnell“, murmelt Vassili.
       
       Er setzt die VÜD über das Fahrzeug, bleibt zunächst hoch, beobachtend. Eine
       Software misst derweil alles, was gemessen werden muss: die Strecke, die
       Zeit. Jeder Meter, jede Beschleunigung wird registriert. Ein dichtes
       Datennetz legt sich um das Auto.
       
       ## Tempoverstöße erkennen
       
       Vor wenigen Monaten noch, im Osten der Ukraine, hat Vassili auf ähnliche
       Bilder gestarrt. Da waren es Panzer, die sich durch ausgebrannte
       Landstriche schoben. Auf staubigen buckeligen Pisten eher als auf glattem
       Asphalt wie jetzt hier der Van. Aber die Logik ist dieselbe: Bewegung
       erkennen, Muster lesen, den Moment abpassen. Nur dass es keine russischen
       Militärfahrzeuge mehr sind, die Vassili zerstört. Es sind deutsche Kfzler,
       deren Tempoverstöße er im Auftrag der Ordnungsbehörden ermittelt.
       
       Bisher ist es nur ein befristeter Modellversuch und der erfahrene
       Drohnenpilot aus der Ukraine sein Projektleiter – engagiert für zunächst
       drei Monate. Doch alles an Vassilis Bilanz riecht nach Verlängerung. Es ist
       der Geruch von Geld. Über 72.000 Euro hat der Landkreis bereits durch ihn
       kassiert. In nur zwei Wochen.
       
       Der Tempo-Van passiert jetzt ein Ortseingangsschild – mit 71,0023 km/h.
       Vassili lässt die Drohne sinken, zieht sie nach vorne, dann wieder zurück.
       Ein Spiel aus Distanz und Nähe, Beobachten und Abwarten. Der Fahrer unten
       merkt nichts. Für ihn ist es eine normale Autofahrt. Vielleicht hat er
       einen Termin, Zeitdruck. Vielleicht aber auch einfach nur „schwer einen an
       der Waffel“, so Vassili mit hartem Akzent. Häuser rauschen vorbei, das
       Schild „Achtung Wildwechsel“, ein Poster mit der Bitte: „Freiwillig 30!
       Mach mit!“ Ein Kind hinter einem Zaun. Tempo 50? Von wegen. Die Anzeige auf
       dem Screen steht bei 77,6544 km/h.
       
       Mit einer leichten Mausbewegung lässt Vassili die Drohne nach vorne kippen.
       Das Bild auf dem Monitor fliegt näher, überholt das Auto. Der Van kommt nun
       von vorn. Man sieht die Windschutzscheibe, das Gesicht: Ein Mann, Mitte
       vierzig. Kurzes Haar, angespannter Kiefer. Sein Blick wandert nach oben –
       und bleibt dort hängen. Der Moment, in dem er versteht. Die Augen vor
       Schreck weit aufgerissen.
       
       ## Messfehler ausschließen
       
       Vassili betätigt den Auslöser. Jede Gesichtsfalte ist zu erkennen. Noch ein
       Klick. Das Nummernschild des Vans. Am Rand des Bildschirms laufen die Daten
       zusammen: Position, Zeitstempel, Foto. Und das Tempo natürlich. Auf vier
       Stellen exakt hinter dem Komma. „Exakter geht nicht“, sagt Vassili. „Null
       Messfehler, null Toleranz“. Längst liegt der Datensatz zwei Etagen höher
       auf einem Rechner der Kreisverkehrsbehörde, wo aus den Zahlen ein Bescheid
       wird. Der Mann im Van wird ihn schon bald in der Post haben.
       
       Der Effekt ist spürbar, sagen sie im Haus. Weniger Verstöße, weniger
       Unfälle. Aber längst nicht alle halten sich an die Regeln: Da, ein neuer
       Punkt. Ein SUV, tonnenschwer, 88,9934 km/h. Vassili reagiert sofort. Doch
       diesmal läuft es anders. Noch bevor er die VÜD in Position hat, bremst der
       Wagen abrupt ab. Der Blinker flackert nur kurz, dann biegt das Auto in ein
       Waldstück. „Ah“, macht Vassili. Er lässt die Drohne tiefer tauchen, aber
       die Baumkronen sind zu dicht. Äste schneiden ins Bild.
       
       „Der hat Erfahrung“, sagt er leise. „Es dauert keine fünf Sekunden.“ Mehr
       braucht er nicht, um „das Geschwindigkeitsgesindel abzuschießen“. Vassili
       knurrt. Manche Fahrer wissen das. Verstecken sich lieber, statt ein Ticket
       zu riskieren. Wenns sein muss, stundenlang. Bis es dunkel wird. Oder Nebel
       aufzieht. Dieser dichte, norddeutsche Nebel, der die Welt verschluckt. Dann
       blickt auch die Drohne nicht mehr durch. Vassili hebt bedauernd die
       Schultern. Die Technik dafür existiert. Aber sie ist zu teuer für einen
       deutschen Landkreis. Noch.
       
       8 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fritz Tietz
       
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