# taz.de -- Editorial männertaz: Über Männer reden, mit Männern reden
> Was ist Männlichkeit heute? Warum folgt man rechten Manfluencern? Und
> warum ist Frauenhass so anschlussfähig? Der „männertaz“-Schwerpunkt
> widmet sich Fragen rund um den Mann.
(IMG) Bild: Männer, wir werden weiter über sie reden müssen
Der Wunsch, es solle irgendwann einmal eine männertaz geben, existierte
innerhalb der Redaktion schon lange. Als zum Frauenkampftag 2025 eine
fulminante frauentaz erschien, kam diese Idee wieder auf den Tisch.
Als Erstes fragte daraufhin ein Redakteur: „Wie sollen wir das denn toppen,
was die Frauen da auf die Beine gestellt haben?“ Einerseits eine
bezeichnende Reaktion: Mann sah sich also direkt im Wettstreit, in
Konkurrenz, in Rivalität. Andererseits auch männeruntypisch, den Frauen so
viel Gelingen zuzugestehen.
Dass es diese männertaz – in abgespeckter Form, aber immerhin – nun gibt,
hat auch mit der gesellschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre zu
tun. Es gab [1][MeToo, es gab die Fälle Weinstein, Epstein und Pelicot], es
gibt eine anhaltende Diskussion über virtuelle sexualisierte Gewalt im Zuge
des Fernandes-Ulmen-Komplexes.
Das Verhältnis Mann–Frau ist krisenbelastet wie lange nicht. Ein Kommentar
zu übergriffigen Männern in der taz war vor einigen Wochen [2][mit dem
Titel „Es gilt die Schuldvermutung“ überschrieben]. Eine Veranstaltung beim
taz lab trug den Titel „Männer: Abschießen oder erziehen?“ Wie einige
junge, links tickende Feministinnen gerade auf Männer blicken, bilden diese
beiden Titel ganz gut ab.
Für einen Mann, der die genannten Taten genauso widerwärtig findet wie
Frauen (und hoffentlich viele andere Männer), sind solche Zuspitzungen wenn
nicht verständlich, so doch nachvollziehbar. Denn es stimmt etwas nicht mit
vielen Männern heute. Auf den gesellschaftlichen Aufstieg der Frauen und
des Feminismus reagiert ein relevanter Teil von ihnen mit Misogynie,
Dominanzgebaren, Grausamkeit.
Einige Heteromänner scheinen die, die sie sexuell begehren, nur auf
krankhafte, nicht auf liebevolle Weise begehren zu können. Die alten
Männlichkeitsbilder funktionieren nicht mehr, wir leben in einer Zeit des
Übergangs. Deshalb werden die alten Zeiten allzu gern verklärt, als hätten
sie nicht auch Männer in ein unerträgliches Korsett gezwängt, als sei
irgendetwas an ihnen glanz- und glorreich gewesen.
Das alles hat auch eine politische Komponente. Rechtspopulisten buhlen um
die in ihrer Männlichkeit gekränkten Männer. „Wir müssen unsere
Männlichkeit wiederentdecken, denn nur wenn wir unsere Männlichkeit
wiederentdecken, werden wir mannhaft“, sagte Björn Höcke schon vor über
zehn Jahren, Maximilian Krah claimte auf Tiktok: „Echte Männer sind
rechts.“
Die Strategie der Parteien erinnert an die Mechanismen, [3][die Klaus
Theweleit vor fast 50 Jahren in „Männerphantasien“ beschrieb]. Rechte
„Manfluencer“ adressieren nun das desorientierte, aggressive Ich dieser
jungen Männer. Das „fließende“ Weibliche (Theweleit) wird zur Bedrohung,
der Mann verpanzert sich gegen alles Weiche und Emotionale.
Leider sind die rechten und rechtsextremen Parteien aktuell erfolgreich mit
dieser Taktik. Männliche junge Wähler rücken nach rechts, junge Wählerinnen
dagegen nach links. Mit all diesen Phänomenen setzen wir uns auseinander,
etwa im Gespräch mit den Autoren Ole Liebl und Tobias Haberl, mit dem
Comedian Aurel Mertz und dem Soziologen Aladin El-Mafaalani.
Es geht uns aber gerade wegen des beschriebenen Backlashs auch darum,
Männlichkeit in allen Facetten und Nuancen abzubilden. Es gibt mehr als nur
Alphamänner, es gibt eine weite Range an Männlichkeiten. Als Mann wird man
nicht geboren, zum Mann wird man gemacht – was Simone de Beauvoir über
Frauen schrieb, gilt in anderer Art und Weise auch für Männer.
Ein Autor erklärt, warum er lieber einen feministischen Vatertag feiert,
als sich den saufenden Männerhorden am „Herrentag“ anzuschließen (den
„Männertag“ am kommenden Donnerstag haben wir übrigens zum Anlass für unser
Männer-Spezial genommen). Ein anderer Autor schreibt, welch Glück es für
ihn gewesen sei, nah bei seinen Kindern zu sein und ein anderes Mannsein
als sein eigener Vater leben zu können.
Ein Mann mit Beeinträchtigung schreibt, wie dankbar er den
emanzipatorischen Bewegungen sei, denn „das Patriarchat und männliche
Dominanz“ finde er „zum Kotzen“. Auch setzen sich einige Autoren
reflektiert mit dem Vater-Sohn-Verhältnis auseinander, mit den „Briefen an
den Vater“ widmen wir dieser oft wortkargen, unterkühlten Beziehung ein
ganzes Format.
Pauschaler „Männer“-Hass scheint also, das sagen uns all diese Texte, fehl
am Platze. Vielleicht sollten wir auch Männlichkeit eher als Skala
begreifen, so wie wir ja auch längst nicht mehr davon ausgehen, dass
„männlich“ und „weiblich“ klare, eindeutige Kategorien sind.
Die Texte dieses Schwerpunkts können nur ein Anfang sein, eine erster
Aufschlag, eine Moment- und Bestandsaufnahme. Wir reden mit Männern über
Männer (mit Frauen auch, taz-Mitarbeiterinnen berichten von ihren
Erfahrungen in der Redaktion). Und wir werden weiter über sie reden müssen.
Kernteam der männertaz: Ali Arab Purian, Elke Seeger, Matthias Kalle, Jens
Uthoff, Stefan Hunglinger, Kersten Augustin. Dank auch an alle anderen
Beteiligten!
9 May 2026
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