# taz.de -- Antifeminismus-Boom: Vom Krypto-Bro zum Frauenhasser
> Das Driften nach rechts basiert auf der Abwertung von Frauen. Junge
> Männer werden online mobilisiert, Männlichkeit als Quelle von Macht zu
> sehen.
(IMG) Bild: „Boys will be feminists“ oder „Boys will be boys“ – gesehen auf der Frauendemo in Berlin 2025
„Junge Frauen werden immer linker, junge Männer werden immer rechter!“ – so
oder so ähnlich wird heute medial über den sogenannten politischen
Gendergap berichtet. Gerade in der Gen Z tue sich ein Graben zwischen den
Geschlechtern auf, der auf äußerst unterschiedlichen politischen Haltungen
beruhe. Die Frauen schauten Reels und Tiktoks von Tara Louise Wittwer oder
Josephine Schreiber, lesen Bücher von Mareike Fallwickl oder bell hooks.
Die Männer hingegen konsumierten Streams von Clavicular und Monte, lesen
(wenn überhaupt) Selbsthilfebücher und Beiträge in Trading- oder
Crypto-Reddits. Das führe zu einer bitteren politischen Realität: Junge
Männer wählten zunehmend rechts, junge Frauen zunehmend links. Was ist da
dran?
Eine breite gesellschaftliche Debatte über das Thema begann mit einem
Artikel in der Financial Times von 2024, der in verschiedenen Ländern den
neuen Geschlechterkonflikt mit Tausenden Befragten und ausgiebigem
Zahlenwerk belegte. Schaut man sich jedoch umfassende wissenschaftliche
Studien an, wird das Bild vielschichtiger.
In manchen Ländern, etwa Polen und Italien, ist der politische Gendergap
extrem stark ausgeprägt. In anderen Ländern, etwa Portugal oder
Griechenland, ist er kaum bis gar nicht existent.
In Deutschland ist die politische Lücke zwischen jungen Frauen und Männern
seit einigen Jahren stabil, aber nicht besonders groß. Bis in die 1980er
Jahre war der politische Gendergap sogar noch umgekehrt, Frauen waren
konservativer als Männer – rechte Männer sind also kein automatischer
Effekt patriarchaler Gesellschaften.
Gesamteuropäisch, so kann man heute sagen, beträgt das
Geschlechterverhältnis bei der Wahl rechter Parteien 2:3 zugunsten der
Männer. Doch nur in etwas mehr als der Hälfte aller europäischen Länder
existiert ein messbarer politischer Gendergap. Und das, die Kraft, die die
Geschlechter politisch auseinandertreibt, das sind vor allem junge Frauen,
die linker und progressiver werden. Sitzen wir also einer Illusion auf,
wenn wir behaupten, dass sich junge Männer zunehmend nach rechts
radikalisieren? Ist die Aufregung um den Effekt maskulinistischer
Influencer wie Andrew Tate, Jordan B. Peterson oder Myron Gaines nur eine
„Moral Panik“?
Eine Antwort auf diese Fragen gibt uns der Soziologe Niklas Kumkar, der
seit Jahren zu gesellschaftlicher Polarisierung forscht. Er thematisiert
dabei ganz zentral einen vermeintlich widersprüchlichen Befund: Einerseits
wird medial unglaublich viel über stärker werdende Polarisierung
gesprochen, andererseits wird keine besonders große Polarisierung in der
Bevölkerung gemessen.
Wer hat also recht? Reden wir über ein Phänomen, das gar nicht existiert?
Oder stellt die Wissenschaft die falschen Fragen? Kumkar schlägt einen
dritten Weg vor: Er versteht Polarisierung als „kommunikative Ordnung“.
Politische Sachverhalte werden einfach heruntergebrochen. Sie werden
Plattformlogiken von Social Media anpasst und formen so ein klareres
Parteienprofil. Polarisierung, so Kumkar, ist in einer medial vermittelten
Demokratie keine zufällige Nebenwirkung. Es ist eine notwendige
Grundbedingung. Die Bevölkerung muss gar nicht gespalten sein, damit ein
Diskurs polarisiert geführt wird – vielmehr ist es Voraussetzung
politischer Social-Media-Diskurse, polarisiert zu sein.
Wie kann man das auf den politischen Gendergap beziehen? Vielleicht steht
hinter der Diskussion über rechter werdende Männer eine tiefer liegende
Sorge: dass politische Radikalisierung junger Männer heute (wieder) extrem
stark über die [1][Abwertung von Frauen], die Missachtung feministischer
Kämpfe und die Verdrängung alles Weiblichen funktioniert. Vielleicht sind
nicht mehr junge Männer per se rechts, aber sie werden vermehrt über
[2][Antifeminismus mobilisiert].
Der politische Gendergap problematisiert dann weniger den stärkeren Drift
von jungen Männern nach rechts, als vielmehr die Strategien, die junge
Männer an rechte Ideologien heranführen. Und das verschiebt den Fokus: Wir
sollten [3][nicht am Ende des Radikalisierungsprozesses] ansetzen, wo wir
einen ideologisch verfestigten Hass auf Frauen finden.
Ein stärkerer Hebel wäre es, am vorpolitischen Raum junger Männer
anzusetzen. Die Methoden zu analysieren, mit denen die Alt-Right-Pipeline
aufgebaut wird: von harmlosem [4][Gym Content] und Meal Prepping über
stoische Selbstdisziplin und Lustfeindlichkeit bis zu übertriebener
emotionaler Härte und Misogynie.
Worin liegt die Ohnmacht begründet, die junge Männer nach Männlichkeit als
Quelle von Macht streben lässt? Und welche immer neuen Themen werden
maskulinistisch besetzt?
Ein Beispiel: Wo früher Whiskey-Bros dem männlichen Genuss von starkem
Alkohol frönten, finden wir heute Parfum-Dudes auf Tiktok, die in eine
eigentlich weiblich besetzte Sphäre vordringen, um ihren Content zu
verbreiten. Parfum, als weibliches Hobby verlacht, wird plötzlich ein
männliches Statussymbol, wo es um Markenkenntnis und Luxus geht. Ich will
damit nicht sagen, dass Männer nicht über Düfte reden sollen. Aber das, was
als männlich gilt und über welche Wege [5][Männer zu vorherrschender
Männlichkeit] gelangen können, ist ein offenes Feld, und die sogenannten
Frag(rance)-Bros auf Tiktok sind nur ein kleines Beispiel.
Wenn es also heißt, dass junge Männer immer rechter und junge Frauen immer
linker werden, sollten wir vorsichtig sein. Hinter dem Abgrund, der sich
zwischen den Geschlechtern immer weiter auftut, könnte mehr stecken als
bloß ein zunehmendes Interesse an rechter Politik von Typen. Es könnte auch
sein, dass es eher um einen (alten) Antifeminismus in neuen Schläuchen
geht, der [6][rechte Kulturkämpfe] heute maßgeblich bestimmt.
25 Mar 2026
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(DIR) Ole Liebl
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