# taz.de -- Halbfinale der Champions League: Muss man diesen Fußball feiern?
> Das Champions-League-Halbfinale zwischen Paris und dem FC Bayern
> elektrisiert nicht nur Fans. Unserer Autorin gefällt’s und doch hat sie
> Zweifel.
(IMG) Bild: Weiter, immer weiter! Die unermüdlichen Michael Olise und Marquinhos im Laufduell
## Unbedingt!
Was für Geschichten schreibt die Champions League! Die Halbfinalpartie
zwischen dem FC Bayern und Paris Saint-Germain ist jene seltene Gattung von
Spiel, über das man noch in vielen Jahren sprechen wird. [1][Ein
historisches Neun-Tore-Festival des Überflusses] und der Schönheit, bei dem
die Frage, wer am Ende siegte, seltsam zweitrangig wirkte. Das Spiel ging
mit 5:4 an PSG, aber genauso gut hätte es an den FC Bayern gehen können,
und angesichts all der Aluminiumtreffer und Hundertprozentigen hätte es
auch ein 10:5 oder ein 5:10 sein können.
Diese Lust am Spiel kann man gar nicht genug würdigen in jenem
Milliardengeschäft Spitzenfußball, in dem Klubs für gewöhnlich Vorsicht
walten lassen, rational taktieren. Die beiden derzeit besten Teams des
europäischen Männerfußballs aber legten schlicht alle Fesseln der Vernunft
ab, sie agierten herrlich wahnsinnig. Und ja, es ist vor allem die
Champions League, die solche Spiele produziert.
Dass Fußball nicht nur ein Sport, sondern ein gemeinsam erstelltes
Kunstwerk ist, illustrierte kaum eine Partie besser als diese. Angesichts
der Loblieder allerorten drängt sich der Eindruck auf, dass es auch ein
kollektives Bedürfnis nach solchen Momenten gibt. Und zwar nicht, weil da
Topstars auf dem Rasen standen oder weil sie traumhaft kicken können,
vielleicht nicht einmal nur wegen des Torreigens, der jedem
Defensivfetischisten das Grauen ins Gesicht triebe. Sondern weil die
Champions League in diesem Augenblick etwas von der Irrationalität des
Bolzplatzes hatte, nur eben auch noch mit Weltklassefußball. Eine Mixtur
wie ein seltenes Tier.
Angesichts dieser Partie in schnöde Debatten etwa über den zweifelhaften
Elfmeter gegen Bayern zu verfallen, würde sich wie ein Sakrileg anfühlen,
unwürdig des Gesamtkunstwerks. Und für all jene, die gern behaupten, genau
die Komponenten des perfekten Fußballs ausgemacht zu haben, lässt sich
entgegenhalten: Es braucht mehr. Der Hauch von Anarchie auf dem Platz ist
nicht totzukriegen. Dieses Halbfinale zwischen Multimillionären war eine
schräge Form von Fußballromantik. Und das Beste: Es gibt ein Rückspiel. Mit
Aussicht auf einen irrwitzigen Spannungsbogen. Solche Märchen erzählt nur
die Champions League. (Alina Schwermer)
## Bloß nicht!
Was für Geschichten schreibt die Champions League! Zwei nationale Giganten,
die ihren Ligen längst entwachsen sind, trafen sich in der einzigen Zeit
des Jahres, in der sie überhaupt noch Spannung produzieren. Denn die
Bundesliga braucht man für den Titelkampf zumeist gar nicht mehr
einzuschalten: Da gibt es Kantersiege der Bayern oder dröge Geduldssiege,
[2][in fast jedem Fall mit der Meisterschaft am Ende], verlässlich wie ein
Einkauf bei Ikea.
Ähnlich PSG, das acht nationale Titel in den letzten zehn Jahren holte und
sich derzeit wieder auf Pflichtkurs befindet. Schuld an dieser Misere trägt
[3][neben der Kapitalakkumulation] vor allem die Champions League. Genauer
gesagt, die viele Kohle aus der Champions League für die wenigen, die ganz
weit kommen.
Längst ist dieser ehemals europäische Wettbewerb zu einer Privatliga der
stärksten fünf Staaten verkommen, alle anderen dienen höchstens noch als
Kanonenfutter für die Vorrunde – oder brauchen [4][einen Kunstrasen wie
Bodø/Glimt]. Wie lange noch wollen wir uns ernsthaft daran erfreuen, dass
es in der Königsklasse zu Saisonende mal ein paar hübsche Spiele zwischen
zwei Giganten gibt, wenn aller Wettbewerb drumherum so tot ist wie Unkraut
nach Glyphosat? Das ist keine bloße Frage von Fußballromantik.
Milliarden gesellschaftlich erwirtschafteter Gewinne wandern ohne jede
demokratische Kontrolle erst in die Taschen von Überreichen und dann zu den
Überreichen des Fußballs. Die Champions League verursacht achselzuckend
aberwitzge Emissionen, als sei es normal oder alternativlos.
Gesellschaften, die sehr ungleich sind, kollabieren. Die Geschichte ist
voll von solchen Beispielen.
Die Fußballgesellschaft erzählt gerade live und in Farbe, wie das
funktioniert. Ein Spiel, bei dem man nur mit autoritären Strukturen und
fossilem Sponsoring mithält, ist ein zu hoher Preis für so einen Kick. Es
ist gesellschaftlich gefährlich. Wir lügen uns in die Tasche, wenn wir über
PSG gegen Bayern vor allem als sportliches Großereignis reden. Und
übernehmen die Vermarktung für das Spiel der Giganten gleich mit. Alles nur
ein Spiel? Die Leute wollen es doch nicht anders? Solche Märchen erzählt
nur die Champions League. (auch von Alina Schwermer)
29 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.kicker.de/paris-sg-gegen-bayern-2026-champions-league-5195139/spieldaten
(DIR) [2] /FC-Bayern-holt-die-Meisterschaft-Die-langweiligste-Liga-der-Welt/!6172343
(DIR) [3] /Finale-der-Champions-League/!6091082
(DIR) [4] https://www.derstandard.de/story/3000000311936/kontinuitaet-kunstrasen-kampfjetpilot-was-bodglimt-auszeichnet
## AUTOREN
(DIR) Alina Schwermer
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