# taz.de -- „Antidrogenkrieg“ vor dem IStGH: „Wäre mein Mann doch nur früher getötet worden“
       
       > Eine Fristenregelung im Prozess gegen Ex-Präsident Duterte in Den Haag
       > schafft auf den Philippinen zwei Klassen von Opfern. Betroffene Familien
       > sind entsetzt.
       
 (IMG) Bild: Vorbereitung der Beerdigung von Myca, die ein T-Shirt mit der Aufschrift „Polizei“ trägt. Sie wurde von der Polizei erschossen
       
       Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat die Anklage gegen den
       philippinischen [1][Ex-Präsidenten Rodrigo Duterte] wegen Verbrechen gegen
       die Menschlichkeit am 23. April bestätigt. Damit weckte das Gericht
       Hoffnungen auf Gerechtigkeit. Doch Tausende von Opfern wie etwa Lydjay
       Acopio dürften wegen einer gesetzlichen Verjährungsfrist davon
       ausgeschlossen bleiben.
       
       Seit Acopios Tochter und ihr Lebensgefährte im Juni 2019 getötet wurden,
       fällt es ihr schwer, deren Gräber zu besuchen. Sie kämpft mit
       Schuldgefühlen und Scham: „Wie soll ich ihnen ins Gesicht sehen? Niemand
       wurde angeklagt. Niemand wurde inhaftiert“, sagt sie.
       
       Ihre Tochter Myca war drei Jahre alt. Sie liebte Hello Kitty, Peppa Pig und
       Schokomilch und bot ihrer Mutter immer einen Schluck davon an. In den
       Wochen vor Mycas viertem Geburtstag hatte Acopio bereits
       Hello-Kitty-Vorhänge gekauft und sparte Geld für Essen und Dekoration.
       Stattdessen floss das Geld in die Beerdigung und die 40-tägige Trauerzeit.
       
       Myca und Acopios Partner Renato Ulpina wurden in ihrem Haus bei einer
       Polizeirazzia getötet, die Teil des „Antidrogenkrieges“ des damaligen
       philippinischen Präsidenten Duterte war. Menschenrechtsgruppen
       [2][behaupten], dass bis zu 20.000 Menschen getötet wurden, die meisten
       davon wirtschaftlich arme Männer wie Ulpina. Ihnen konnte man leicht
       vorwerfen, in Geschäfte mit illegalen Drogen verwickelt zu sein.
       
       ## Im „Antidrogenkrieg“ wurden mehr als 100 Kinder getötet
       
       Mehr als 100 der Getöteten waren [3][Kinder], wenn auch nur wenige so jung
       waren wie Myca. Der damalige Polizeichef tat ihren Tod als
       „Kollateralschaden“ ab und sagte lapidar: [4][„So ist das Leben.“] Die
       Behörden behaupteten, Ulpina habe Myca als menschlichen Schutzschild
       benutzt. Acopio bestreitet das vehement. Sie weigert sich, ihren
       langjährigen Partner und Vater ihrer drei Kinder so dargestellt zu sehen.
       „Er versuchte, auf das Dach zu fliehen und Myca rannte ihm hinterher.“
       
       Im Februar 2026, knapp sieben Jahre später, saß Acopio auf der Tribüne des
       IStGH in Den Haag und hörte zu, wie Anwälte seitenweise Beweismaterial
       vorlasen, die Details von Morden beschrieben, die ihrem eigenen Verlust
       glichen: Polizisten, die Häuser stürmten, maskierte Männer, die auf
       Basketballplätzen schossen und von Kugeln durchsiebte Körper hinterließen
       
       Die Anhörung war Teil eines Verfahrens wegen Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit, das der IStGH gegen Duterte angestrengt hatte. Acopio war
       mit anderen Angehörigen von Opfern aus den Philippinen angereist, um Zeugin
       dessen zu werden, was einst unmöglich schien: die Abrechnung mit einem
       ehemaligen Präsidenten. Acopio hörte unter Tränen mit einer anderen Art von
       Trauer zu, während sich der Weg zu einer Art von Gerechtigkeit abzeichnete,
       die ihre Tochter und ihren Partner ausschließt.
       
       Der IStGH [5][bestätigte] einstimmig alle Anklagepunkte gegen Duterte,
       bestehend aus drei Fällen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die
       zwischen dem 1. November 2011 und dem 30. Juni 2016 [6][in der Stadt Davao]
       begangen wurden, wo Duterte in der Zeit Bürgermeister war, sowie vom 2.
       Juli 2016 bis zum 16. März 2019 landesweit, als er Staatspräsident war.
       Einen Termin für die Verhandlung gibt es noch nicht.
       
       Duterte war 2022 Präsident und kündigte im März 2018 im Namen der
       Philippinen das Römischen Statut auf, das dem Gerichtshof zugrunde liegt.
       Kurz zuvor hatte der eine Voruntersuchung zum Antidrogenkrieg eingeleitet.
       [7][Offiziell] wurde der Austritt der Philippinen aus dem IStGH am 17. März
       2019 wirksam.
       
       ## Behörden schränkten den Zugang zu Polizeiberichten ein
       
       Damit kann der Gerichtshof nur Verbrechen bis zu diesem Datum verfolgen.
       Damit liegen die Tötungen von Myca und Ulpina vom 29. Juni 2019 außerhalb
       der Zuständigkeit. Duterte-Anwalt Nick Kaufman sagte der taz, dass es
       ohnehin keine stichhaltige Grundlage für eine Verurteilung gebe.
       
       [8][Der vom IStGH bestellte Opferanwalt Joel Butuyan] forderte hingegen
       gegenüber der taz, dass die Philippinen parallel zum kommenden Prozess ihre
       Mitgliedschaft im IStGH wiederherstellen müssen. „Dadurch können
       rückwirkende Anklagen auch Fälle umfassen, die außerhalb der bisherigen
       zeitlichen Zuständigkeit des IStGH liegen.“
       
       Doch ist es schwieriger, die Morde nach dem Rückzug der Philippinen aus dem
       IStGH nachzuverfolgen. Denn die Behörden schränkten den Zugang zu
       Polizeiberichten sowie deren Veröffentlichung ein.
       
       Wie viele Familien von Opfern wie Acopio jetzt außerhalb der Zuständigkeit
       des Gerichtshofs liegen ist unklar. Das Caféprojekt Silingan Coffee, das
       Angehörige von im Drogenkrieg Getöteten wie Acopio beschäftigt, versucht,
       entsprechende Familien aufzuspüren und hat bisher mindestens elf Familien
       erfasst.
       
       ## Betroffenen Familien droht dreifache Traumatisierung
       
       „Wir müssen sie finden“, sagte Redemptoristenbruder Ciriaco Santiago, der
       das Projekt leitet. „Diese Familien laufen Gefahr, dreimal traumatisiert zu
       werden – zuerst durch die Tötung, dann durch das Ausbleiben von
       Gerechtigkeit und nun durch die Möglichkeit, davon ausgeschlossen zu
       werden.“ Dabei seien sie nur wegen des Zeitpunkts doch nicht weniger Opfer
       als andere.
       
       Kristina Conti von der Rechtshilfeorganisation National Union of Peoples’
       Lawyers hat mit vielen Opferfamilien des Drogenkriegs gearbeitet, darunter
       auch solchen, deren Fälle außerhalb der zeitlichen Zuständigkeit liegen.
       „Es ist schwer, sie jetzt sagen zu hören: ‚Wäre mein Mann doch nur früher
       getötet worden.‘ Aber die meisten halten sich nicht damit auf. Sie denken
       an sinnvolle Wiedergutmachungsmaßnahmen, die den Kern ihres Opferseins
       angehen wie Bildung und Chancen für die zurückgelassenen Kinder“, so Conti.
       
       Als Acopio von der Entscheidung des IStGH erfuhr, das Verfahren
       fortzusetzen, war sie bei der Arbeit in Manila und servierte Kaffee von
       einem kleinen mobilen Wagen namens Courageous. „Mein Herz schlug so
       schnell. Meine Knie zitterten“, erinnerte sie sich. Bald hat sie
       Geburtstag. Seit Myca und Ulpina getötet wurden, hat sie nicht mehr
       gefeiert. Dieses Jahr wird sie ihren Geburtstag feiern, indem sie ihre
       Gräber besucht. „Ich werde ihnen sagen, dass Gerechtigkeit kommt und ich
       weiterhin dafür kämpfen werde. Für sie“, sagte sie.
       
       30 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Verantwortung-fuer-Anti-Drogen-Krieg/!6075156
 (DIR) [2] https://nij.ojp.gov/library/publications/forensic-sciences-and-philippines-war-drugs
 (DIR) [3] https://www.omct.org/files/2020/06/25937/omct_philippines_childrights_06.2020_en_single.pdf
 (DIR) [4] https://www.rappler.com/philippines/234598-dela-rosa-says-collateral-damage-drug-operations-cannot-be-avoided/
 (DIR) [5] https://www.icc-cpi.int/news/icc-pre-trial-chamber-i-confirms-all-charges-against-rodrigo-roa-duterte-and-commits-him-trial
 (DIR) [6] /Anti-Drogen-Krieg-auf-den-Philippinen/!6001990
 (DIR) [7] https://www.icc-cpi.int/philippines
 (DIR) [8] /Internationaler-Strafgerichtshof/!6172834
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ana Santos
       
       ## TAGS
       
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