# taz.de -- Bewunderung und Beklemmung: In Friedenau hängt der Straßensegen schief
> Auch in den bürgerlich-ruhigen Ecken Berlins läuft nicht alles nach Plan.
> Kinder plärren und Geschäftsmodelle gehen nicht auf.
„Ein anderes Berlin“, denke ich am Samstagmorgen am Berliner
U-Bahnhof-Walther-Schreiber-Platz. Ich bin zum ersten Mal in Friedenau und
die gesäuberten Gehwege und herrschaftlichen Gründerzeithäuser lösen in mir
zugleich Bewunderung wie Beklemmung aus: Die Ruhe erschüttert. Ein tadellos
gekleidetes Paar im kamelfarbigen Partner-Trenchcoat – sie am Steuer, er
auf dem Beifahrersitz mit Blumenstrauß – steigt in sein Elektroauto.
„Hier haben die Leute bestimmt keine Probleme“, bedeute ich meinem Freund.
„Das ist auch ein Problem“, meint er. Wir passieren einen Hauseingang, an
dem eine Familie gerade einen Fahrradausflug vorbereitet. Zwei kleine
Kinder plärren unaufhörlich, während der Vater, unter den ungeduldigen
Blicken der Mutter, zusehends verzweifelt versucht, sie anzuschnallen, und
dabei „Do Re Mi Fa So La Ti Do“ summt. Geniert wende ich den Blick ab, wie
jedes Mal, wenn ich überforderte Eltern wie einen Autounfall beobachte.
Unser Ziel liegt an der nächsten Ecke: die einzige jüdische Meisterbäckerei
Berlins. Doch auch dort hängt der Straßensegen schief: „Wir schließen!“,
schallt es, noch ehe wir eintreten: „Jetzt?!“, fragen wir, verwirrt. „Für
immer!“, ruft der aufgebrachte Besitzer. „Habt ihr die Baustelle gesehen?!
Seit 13 Monaten ist die hier! Liegt seit Monaten brach! Erst falsche Teile.
Dann seitenverkehrt.“ Er schnaubt: „Eine Endlos-Baustelle! Das ist Berlin!“
„Und macht ihr woanders wieder auf?“, frage ich, als er Babka und Bagel
serviert. „Never! Nie. Wieder. Gastro! Die Leute haben einen Ton! Bezahlen
mit 20-Euro-Schein und schreien: ‚Fick dich, du Fotze, das ist kein
Geld!‘“, wenn du ihnen Rückgeld in Centstücken auszahlst. Abermals
schüttelt er den Kopf: „Ab September bin ich zurück in der Steuerkanzlei.
Da kann ich die Kunden anschreien.“
5 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Marielle Kreienborg
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