# taz.de -- LGBTQIA+ in Russland: Ein weiterer Schlag mit der Extremismus-Keule
> Ein St. Petersburger Gericht stuft das LGBT-Netzwerk als extremistisch
> ein. Die Organisation gibt nicht auf und will gegen das Urteil juristisch
> vorgehen.
(IMG) Bild: Heute nicht mehr möglich: LGBT-Aktivisten feiern während der Maikundgebung in St. Petersburg, Russland, am 1. Mai 2013
Solidarität ist stärker als Angst! Mit diesem Motto versucht die russische
Organisation LGBT-Netzwerk queere Menschen in Russland zu ermutigen, nicht
aufzugeben. [1][Am Montag hatte das Stadtgericht in Sankt Petersburg das
Netzwerk als „extremistisch“ eingestuft] und damit dessen Aktivitäten im
ganzen Land verboten. Das Netzwerk wurde 2006 gegründet und ist die größte
queere Organisation Russlands.
Nach Meinung des Gerichts fallen unter den Begriff „extremistisch“
rechtliche Schutzmaßnahmen für queere Menschen, die Beobachtung und
Erfassung von Rechtsverstößen und die Übergabe von gesammelten
Informationen an die UN-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte in
Russland.
„Im Prinzip wurde das LGBT-Netzwerk wegen seiner Menschenrechtsarbeit
verboten“, konstatiert der auf die Rechte von queeren Menschen
spezialisierte Jurist Maksim Olenitschew auf dem Telegram-Kanal „Erste
Abteilung“. Dahinter verbirgt sich ein Zusammenschluss von Jurist*innen
und Journalist*innen, die für von staatlicher Verfolgung Betroffene
Rechtsbeistand organisieren.
An der Vorgehensweise gegen LGBTIQIA+-Initiativen lässt sich exemplarisch
ablesen, wie Russlands Repressionsapparat zunehmend Fahrt aufnimmt. Seit
November 2025 wurden bei russischen Gerichten bereits neun gleichlautende
Verfahren eingereicht. In sechs Fällen liegen Urteile vor, drei stehen noch
aus. Als vermeintlich extremistisch verboten wurden neben dem Netzwerk
LGBTIQIA+-Gruppen in Sankt Petersburg, Jekaterinburg, Moskau und Samara.
## Ein Exempel statuiert
An der in Samara ansässigen Organisation Irida wurde ein Exempel statuiert.
Sie war das erste Beispiel für die Umsetzung der Einstufung der sogenannten
„Internationalen LGBTIA+-Bewegung“ als extremistisch durch das Oberste
Gericht Ende November 2023. Was als negative Zuschreibung für eine amorphe
Personengruppe begann, nimmt jetzt in Form adressierter Verbote Gestalt an.
Das gesamte Verfahren gegen Irida basierte auf Internet-Publikationen,
deren Autor*innen sich das Gericht nicht einmal bemühte festzustellen.
Vielmehr konzentrierte sich die Beweisführung auf vermeintliche kriminelle
Absichten.
Die wollte ein Team von Expert*innen in Schreiben von Irida an
Parlamentsabgeordnete ausgemacht haben, in denen unter anderem Kritik an
dem Gesetz über „LGBTIA+-Propaganda“ geübt wurde. Darin, so ein Gutachten,
käme „Protest gegen die moralischen und geistigen Werte der russischen
Gesellschaft, ihr Rechtssystem und ihre Gesetzgebung zum Ausdruck“. Auf den
Einwurf der Verteidigung, die Expert*innen vor Gericht zur Rede zu
stellen, ging das Gericht nicht ein.
Ähnlich aufgebaut war das Verfahren gegen das LGBT-Netzwerk, allerdings
gelang es der Verteidigung in diesem Fall, Autor*innen eines Gutachtens,
das vom Justizministerium in Auftrag gegeben worden war, per Videoschaltung
zu befragen. Auf das Ergebnis hatte das keinen Einfluss, immerhin jedoch
konnte das Verfahren in die Länge gezogen werden.
## Kämpferisch gestimmt
Und es gelang herauszufinden, dass die Behörden als Aktivist*innen des
LGBT-Netzwerks prominente Personen führen, die keinerlei Verbindung zu der
Organisation haben – darunter die Journalist*innen Masha Gessen und
Karen Shainyan.
Das LGBT-Netzwerk ist kämpferisch gestimmt und will sämtliche Rechtsmittel
ausschöpfen, um gegen das Verbot vorzugehen. Solange tritt das Urteil nicht
in Kraft. [2][Danach jedoch macht sich eine Person selbst dann strafbar,
wenn sie im Internet nach dem Netzwerk sucht].
Seit September 2025 stellt dies eine Ordnungswidrigkeit dar. Doch von der
Suche bis zur vermeintlichen Teilnahme oder Zusammenarbeit mit einer als
extremistisch gelisteten Organisation ist es in der russischen Rechtspraxis
ein sehr kurzer Weg. Dann drohen Haftstrafen.
28 Apr 2026
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