# taz.de -- Abhörskandal in Griechenland: Athen höhlt den Rechtsstaat aus
> Die Staatsanwaltschaft setzt weiteren Ermittlungen im Abhörskandal ein
> jähes Ende. Premier Mitsotakis ist damit juristisch fein raus.
(IMG) Bild: Im Fokus des Abhörskandals: der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis
Prangt das Gesicht von Staatsanwälten auf den Titelseiten der Presse, heißt
das zu Füßen der Akropolis meist nichts Gutes. Auch diesmal: Seit Montag
sieht sich Konstantinos Tzavellas, schütteres Haar, runde Brille, grauer
Bart, in Griechenland harscher Kritik ausgesetzt. Bloß die konservative
Regierung in Athen unter dem [1][Langzeitpremier Kyriakos Mitsotakis] nimmt
ihn in Schutz.
Was war geschehen? Tzavellas, Staatsanwalt am Obersten Gerichtshof in der
griechischen Hauptstadt, entschied am Montag, die heikle Akte in Sachen
Abhörskandal in der ersten Amtszeit von Mitsotakis nicht abermals zu
prüfen. Sie soll demnach nicht wieder aus dem Archiv des obersten
Gerichtshofs „Areopag“ hervorgeholt werden, in das sie sein Vorgänger am
„Areopag“ im Juli 2024 in einer ebenso höchst umstrittenen Entscheidung
hatte verschwinden lassen. Laut Tzavellas liegt dafür „keinerlei Grund“
vor.
Dabei hatte das zweite Athener Strafgericht im gewaltigen Athener
Abhörskandal am 26. Februar in erster Instanz gegen vier Angeklagte
Freiheitsstrafen von jeweils 126 Jahren und 8 Monaten verhängt. Die
Verurteilten hätten sich illegal Zugang zu privater Kommunikation sowie
Daten von 87 Betroffenen verschafft, so der Urteilsspruch. Das Gericht
forderte weitergehende Ermittlungen auch wegen des Verdachts auf Spionage.
Unter den Ausgespähten sind dutzende Politiker, Geschäftsleute, hochrangige
Militärangehörige – darunter der damalige Generalstabschef der griechischen
Streitkräfte – sowie Medienschaffende. Sie wurden mit der von der Firma
Intellexa entwickelten Spyware Predator zwischen 2020 und 2021 ausgespäht.
Der Fall ist auch als [2][„griechisches Watergate“] bekannt.
## Mitsotakis im Fokus
Premier Mitsotakis ließ schon früh von den Opfern erhobene Vorwürfe, wonach
er der eigentliche Drahtzieher der Ausspähungen sei, stets an sich
abperlen. Und das, obwohl Mitsotakis den Geheimdienst EYP im Juli 2019 in
einer seiner ersten Amtshandlungen unter seine direkte Kontrolle gestellt
hatte. Gleichwohl trat EYP-Chef Panagiotis Kontoleon im August 2022 zurück,
genau wie Mitsotakis’ Neffe Grigoris Dimitriadis, der bis dahin [3][als
Generalsekretär in seinem Büro] fungiert hatte.
Doch der Abhörskandal lässt sich offenbar nicht so leicht unter den Teppich
kehren. Der verurteilte Intellexa-Gründer Tal Dilian, ein früherer
israelischer Armeeoffizier, offenbarte derweil, dass seine Firma
Technologie „ausschließlich an Regierungen und Strafverfolgungsbehörden“
liefere. „Nach der Auslieferung haben wir keinen operativen Zugriff“, so
Dilian. Und er legte nach: „Richard Nixon (37. Präsident der USA; Anm. d.
Redaktion) hat seine Präsidentschaft verloren, weil er versuchte, Watergate
zu vertuschen.“ Mehr als [4][ein Seitenhieb gegen Mitsotakis].
Doch für Staatsanwalt Tzavellas ist die Sache klar: Kein
Regierungsmitglied, schon gar nicht der Premier, sei in Griechenlands
Watergate auch nur ansatzweise verwickelt. Nur Dilian und Co dürfe der
Prozess gemacht werden.
Das Vertrauen in die Justiz ist jedenfalls nachhaltig zerstört. Einer
Umfrage des Athener Meinungsforschungsinstituts Public Issue zufolge
erklärten im März 2025 fulminante 74 Prozent der Befragten, sie hätten
„kein Vertrauen“ in die einheimische Justiz. 2018, also vor Mitsotakis’
Amtsbeginn, glaubten hingegen noch 53 Prozent der Griechen an die Justiz,
nur 33 Prozent nicht.
## Opposition: „Aushöhlung der Rechtsstaatlichkeit“
Tzavellas’ Entscheidung schlägt derweil politisch Wellen. Der Athener
Oppositionsführer Nikos Androulakis von der sozialdemokratischen Pasok,
selbst ein Opfer der Ausspähung, als er Europaabgeordneter war, prangerte
auf einer Pressekonferenz die unter Mitsotakis herrschende „Aushöhlung der
Rechtsstaatlichkeit und der Gewaltenteilung“ an.
Die Staatsanwaltschaft am „Areopag“ habe „nicht einmal ihre Mindestpflicht
erfüllt und Ermittlungen verweigert“, erklärte Androulakis. Er kündigte die
Einberufung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses an. Ins
gleiche Horn stießen auch der Chef der linken Syriza, Sokrates Famellos,
der linke Ex-Premier und Ex-Syriza-Chef Alexis Tsipras, die Neue Linke
sowie die Kommunisten.
Gegenüber der taz erklärte Androulakis: „Ich weiß sehr gut, dass Herr
Mitsotakis zu allem fähig ist, nur um an der Macht zu bleiben. Gerade weil
ich das weiß, werde ich alles dafür tun, damit er die Macht verliert und
Griechenland so wieder ein normales europäisches Land wird.“
28 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ferry Batzoglou
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