# taz.de -- Neuer Chef der Euro-Gruppe: Die griechische Datenkrake
> Erstmals leitet ein Grieche die Euro-Gruppe. Das Land feiert den
> historischen Erfolg, wächst aber auf Pump. Auch der neue Chef ist
> umstritten.
(IMG) Bild: Den neuen Chef der Euro-Gruppe Kyriakos Pierrakakis begleitet ein Abhörskandal aus seiner Amtszeit als Digitalminister
Wenn mit Kyriakos Pierrakakis am 19. Januar das erste Mal ein Grieche das
Treffen der Euro-Gruppe leitet, das die Steuer- und Wirtschaftspolitik der
Eurozone koordiniert, ist das etwas Besonderes. Ist die schwere griechische
Staatsschuldenkrise, die Kern der Eurokrise war, doch gerade mal zehn Jahre
her – [1][und hat bis heute Folgen].
Entsprechend pathetisch war Pierrakakis Kür zum neuen Chef der
Schaltzentrale der Euro-Länder Mitte Dezember in Griechenland gefeiert
worden. Der konservative Premier Kyriakos Mitsotakis sagte in seiner
Fernsehansprache: „Heute ist ein Tag des Stolzes für das Land, die
Regierung und alle Bürger.“ „Wir sind Euro-Gruppe!“, prangte in Bild-Manier
sinngemäß auf den Titelseiten der regierungsnahen Presse in Athen – unter
dem Konterfei des Wirtschafts- und Finanzministers.
Pierrakakis, 42, ein Hüne, pechschwarzes Haar, stets frisch rasiert, folgt
dem Iren Paschal Donohoe, der zur Weltbank wechselt. Er setzte sich locker
gegen seinen einzigen Mitbewerber, den belgischen Finanzminister Vincent
Van Peteghem, durch. Eine schnelle Karriere, denn Pierrakakis steht erst
seit März 2025 an der Spitze des Finanzministeriums in Athen und ist nicht
einmal studierter Ökonom.
## Investitionen, Binnenmarkt und digitaler Euro
Der Grieche hat viel vor. In seinem Bewerbungsschreiben für den Vorsitz der
Euro-Gruppe führt Pierrakakis vier Prioritäten auf: Erstens soll eine Spar-
und Investitionsunion mit einer vertieften finanziellen Integration
Investitionskapital mobilisieren. Ferner sieht der Grieche in der
Vollendung des Binnenmarkts den stärksten Wachstumstreiber Europas.
Drittens will er [2][das Megaprojekt digitaler Euro] vorantreiben, ein
Schlüsselvorhaben, vor allem in Verbindung mit der neuen
EU-Geldwäschebehörde AMLA mit Sitz im Frankfurter Messeturm, die am 1. Juli
2025 ihre offizielle Tätigkeit aufnahm. Digitaler Euro und AMLA dürften
Beobachtern zufolge den Weg für die Etablierung eines europaweiten
Vermögensregisters ebnen.
Schließlich soll die Euro-Gruppe laut Pierrakakis' Agenda fortan
strukturelle Zukunftsfragen wie Stabilität, Demografie und Produktivität
angehen. Pierrakakis' Amtszeit als Euro-Gruppen-Chef dauert bis Mitte 2028.
Der ehrgeizige Grieche wird am 19. Januar 2026 das erste Mal eine Sitzung
der Euro-Gruppe führen.
Pierrakakis wird mit Vorschusslorbeeren geradezu überschüttet. Eine
unstrittige Errungenschaft sei, dass der studierte Informatiker, der am
US-Institut MIT einen Master in Technology Policy erwarb, als
Digitalminister in Athen ab März 2020 die Plattform gov.gr geschaffen habe.
Die griechischen Bürger haben heute zu mehr als 2.500 staatlichen
Dienstleistungen digitalen Zugang.
Kritiker monieren jedoch, Pierrakakis habe das berühmt-berüchtigte
griechische Bürokratiemonster bloß digitalisiert, anstatt zuvor die
Bürokratie abzubauen und sie erst hernach zu digitalisieren. Digitaler
Analphabetismus, Stromausfälle, digitale Zusammenbrüche lancierter
Plattformen in Stoßzeiten: Millionen Griechen beauftragen lieber
Steuerberater und Buchhalter, um den digitalen Kram mit dem Staat erledigen
zu lassen – gegen Bezahlung.
## Abhörskandal in Pierrakakis' Amtszeit
Das ist offenbar noch das kleinere Übel. Überschattet wird Pierrakakis'
steiler Politaufstieg zudem von einem gigantischen Abhörskandal in seiner
Amtszeit als Digitalminister. Über 100 Politiker, Unternehmer,
Militärangehörige und Medienschaffende waren ausgespäht worden. Verwickelt
ist ein griechischer Geschäftsmann, zu dem pikanterweise Pierrakakis eine
„dauerhafte und enge“ Beziehung unterhalten haben soll, wie ein Zeuge Ende
vergangenen Jahres vor einem Athener Gericht mit gerichtsfesten Beweisen
belegte. Digitalminister Pierrakakis verzichtete zudem auf die eigentlich
verpflichtende Ministerialentscheidung, die es der unabhängigen Athener
Behörde zur Gewährleistung der Vertraulichkeit der Kommunikation (ADAE)
erlaubt hätte, effiziente Kontrollen im Athener Abhörskandal durchzuführen.
Aus Selbstschutz? Pierrakakis' Fürsprecher und er selber prahlen jedenfalls
damit, dass Hellas unter seiner Ägide in der Coronapandemie seine
Impfkampagne vollends digitalisierte. Impftermine wurden digital versendet,
E-Impfzertifikate ausgestellt.
Worüber sie sich hingegen in Schweigen hüllen: Die gefürchtete illegale
Spyware Predator gelangte auch mittels genau dieser digitalen Impfkampagne
auf die Smartphones in Hellas lebender Personen. Aufsehen erregte
hierzulande der Fall einer US-Griechin, die von 2020 bis 2022, also während
der Ära Pierrakakis als Digitalminister, in Hellas als Führungskraft bei
Meta (Facebook etc.) arbeitete.
Nachdem sie über das Webportal der griechischen Regierung einen Termin für
eine Covid-Auffrischungsimpfung vereinbart hatte, erhielt sie einige
Stunden nach der Terminvereinbarung eine SMS, in der sie gebeten wurde, den
darin enthaltenen Link anzuklicken, um so den Termin zu bestätigen. Dieser
Link infizierte ihr Smartphone mit der illegalen Spähsoftware, der
griechischen Datenkrake.
Auch die Erzählung, Pierrakakis' Wahl in Brüssel besiegele quasi amtlich
eine ökonomische Erfolgsstory in Athen, die besagt, dass der einstige Paria
Griechenland zum „Musterschüler“ der Eurozone avanciert sei, ist mit
Vorsicht zu genießen. Denn der rigorose Austeritätskurs in Athen mit seinen
sozialen Verwerfungen ist keineswegs eindeutig gut ausgegangen.
Zwar wächst die griechische Wirtschaft wieder moderat. Das ist allerdings
bei dem niedrigen Ausgangsniveau des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von knapp
249 Milliarden Euro laut der Prognose für 2025 auch nicht schwer – dies
entspricht der jährlichen Wirtschaftsleistung von Berlin plus Bremen. Vor
allem gilt jedoch: Ohne die üppigen EU-Gelder stünde Hellas ganz schön
armselig da. EU-Mittel von knapp 60 Milliarden Euro fließen von 2021 bis
2027 nach Athen – eine in Relation zum hiesigen BIP enorme Summe, nämlich
jährlich rund 4 Prozent des BIP.
## Wachstum auf Pump
Hellas’ Handelsbilanz bleibt derweil stark negativ, genauso wie die
Nettoauslandsposition, also der Saldo aus seinen Forderungen an das Ausland
und seiner Schuld gegenüber dem Ausland. Die Schuldenquote der hiesigen
Privathaushalte und Firmen hat zudem per Ende 2024 schwindelerregende 166
Prozent in Relation zum BIP erreicht. Mit der Staatsschuld beläuft sich
Griechenlands Gesamtschuld auf derweil über 300 Prozent gemessen am BIP.
Das allenthalben gefeierte griechische „Wirtschaftswunder“ ist ein Wachstum
auf Pump. Ein Armutszeugnis für den Euro.
Gefeiert wird ferner der Umstand, dass Athen die nach Hellas' faktischen
Staatsbankrott im Frühjahr 2010 von den öffentlichen Gläubigern EU, IWF und
EZB gewährten Darlehen im Gesamtvolumen von knapp 289 Milliarden Euro
vorzeitig zurückzahlt.
Dies ist aber dank „blutiger“ Haushaltsüberschüsse der Fall, vor allem
bedingt durch überbordende Staatseinnahmen über indirekte Steuern, die vor
allem die Armen und Ärmeren treffen. Das Ziel: Bis Ende 2026 soll die
hellenische Schuldenquote von aktuell 145,9 auf 138,2 Prozent sinken. Dies
sind jedoch stattliche 20 Prozent mehr als Ende 2009 vor Ausbruch der
desaströsen Griechenlandkrise.
Die Strategie von der Regierung Kyriakos Mitsotakis ist klar: Durch den
Schuldenabbau soll sich die Bonität der griechischen Staatsanleihen
verbessern. Der Hellas-Bond ist zwar noch acht Stufen – und damit
meilenweit – von der Bestnote Triple A entfernt. Der Ramschstatus ist
unterdessen aber überwunden.
Davon profitieren schon jetzt die insgesamt 150 börsennotierten
Großunternehmen in Athen, indem allmählich wieder institutionelle
Investoren aus dem Ausland bei ihnen einsteigen, weswegen die Athener
Aktienbörse boomt. Obendrein beglückt die Regierung Mitsotakis die
Anteilseigner mit einer Mini-Dividendensteuer von 5 Prozent. Das Ergebnis:
Die Reichen werden reicher, der Rest guckt in die Röhre.
Und wie: Im Jahr 2024 lag der Verdienst im Schnitt bei 1.342 Euro brutto im
Monat, also unter Vorkrisenniveau, die Kaufkraft ist nur noch vor Bulgarien
auf den vorletzten Platz in der EU abgestürzt, und die chronisch negative
Sparquote der Privathaushalte ist ein Sonderfall in Europa. Griechenland
hat in der EU den unangefochten höchsten Wert in puncto „subjektive Armut“,
verhökert das Staatsvermögen, bedient ein ausuferndes Klientelsystem und
grassierende Vetternwirtschaft, die Korruption blüht.
Was im real existierenden Hellas noch übrig bleibt, ist der für 2025
erneute Spitzenplatz unter allen 20 untersuchten OECD-Staaten mit einem
Anteil der Schattenwirtschaft von 21,8 Prozent im Verhältnis zum BIP,
ferner die so florierende wie anfällige Monokultur Tourismus sowie die
Handelsschifffahrt, die steuerbefreit bleibt – und so bloß die Reeder von
Jahr zu Jahr immer reicher macht. Alles beim Alten.
14 Jan 2026
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