# taz.de -- Omid Nouripour über seine Golfreise: „Jetzt gibt es ein Zeitfenster, in dem man Gehör findet“
       
       > Omid Nouripour fordert mehr westliche Initiative im Irankrieg – und
       > reiste deshalb an den Persischen Golf. Im Gespräch erzählt er von seinen
       > Erkenntnissen.
       
 (IMG) Bild: Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour (l.) spricht mit Adel al-Jubair, Staatsminister für Auswärtiges von Saudi-Arabien
       
       taz: Herr Nouripour, Sie waren am Montag in [1][Abu Dhabi], am Sonntag in
       Riad. Sie haben dort mit Regierungsvertretern gesprochen. Warum diese
       Reise? 
       
       Omid Nouripour: Ich habe nicht nur Regierungsvertreter, sondern auch
       Vertreterinnen der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft getroffen.
       Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind Länder, mit denen
       wir Interessenkonflikte haben, über die wir reden müssen. Zugleich gibt es
       derzeit auch gemeinsame Interessen: die Rückkehr zum Völkerrecht, zur
       freien Schifffahrt und zu einer Friedensordnung in einer für uns
       bedeutenden Nachbarregion. Es sind Länder, die uns trotz aller
       Schwierigkeiten geholfen haben, als wir 2022 in einer großen Energienotlage
       waren. Jetzt sind sie selbst in einer Notlage und es gibt ein Zeitfenster,
       in dem man Gehör findet.
       
       taz: Was waren Ihre Erkenntnisse vor Ort? 
       
       Nouripour: Die Ernüchterung ist sehr groß. Die Vereinigten Arabischen
       Emirate hängen stark von der Straße von Hormus ab, nicht nur wegen Gas- und
       Ölexporten, sondern auch als Zugang zum Welthandel. Gleichzeitig möchte das
       Land als Oase des Friedens, als Ziel für Touristen und Influencer
       wahrgenommen werden. All das hängt an einem seidenen Faden, wenn die Leute
       Bilder von Hotels sehen, in die iranische Raketen eingeschlagen sind. Die
       zentrale Frage für die Golfstaaten ist: Wie kann man mit diesem
       hochaggressivem iranischen Regime koexistieren? Dazu kommt eine weitere
       Frage, die mir hier immer wieder gestellt wird: Wo sind eigentlich die
       Europäer? Wir reagieren zu passiv, als ginge uns das alles nichts an. Und
       das ist doch eindeutig falsch.
       
       taz: Wollten Sie mit Ihrer Reise zeigen, dass Deutschland aktiver in den
       Verhandlungen werden sollte? 
       
       Nouripour: Ich glaube, dass man Solidarität genau in diesen Momenten zeigen
       muss. Auch mit Staaten, die nicht unsere engsten Partner sind. In einer
       Welt, die immer regelloser wird, gewinnen Partnerschaften mit Ländern
       dazwischen – also zwischen uns auf der einen Seite und den systemischen
       Rivalen auf der anderen Seite – größte Bedeutung. Doch oft bleibt unsere
       Außenpolitik reaktiv. Wir brauchen mehr deutsche und europäische
       Initiative, einen klaren Plan: Wie kommen wir zurück an den
       Verhandlungstisch? Hinzu kommt das energiepolitische Versagen der
       Bundesregierung. Entlastungen werden falsch und dann auch noch zu langsam
       auf den Weg gebracht, während der Ausstieg aus den Fossilen sabotiert wird.
       Kurzfristig eine Katastrophe, langfristig ebenso.
       
       taz: Wie kann es die Regierung Ihrer Meinung nach besser machen?
       
       Nouripour: Erstens braucht es eine aktive Außenpolitik, die nicht nur
       reagiert. Zweitens eine Energiepolitik, die den jetzigen Bedürfnissen
       gerecht wird und uns aus dauerhaften Abhängigkeiten herausführt. Hat
       Katherina Reiche aus der Energiekrise 2022 nichts gelernt? Der ideologische
       Kampf gegen Wärmepumpen, Solar- und Windenergie hilft nicht weiter. Auch
       beim Thema [2][Kerosin] muss gehandelt werden. Ein Gesprächspartner sagte
       mir: Warum sprechen wir nicht gemeinsam darüber, wie wir mit dem absehbaren
       Mangel umgehen? Sonst riskieren wir, dass sich Länder gegenseitig das
       Kerosin wegschnappen mit der Folge, dass einige zu viel zahlen und andere
       leer ausgehen. Solche Kooperationsfelder entstehen jetzt in der Not. Wir
       sollten sie nutzen.
       
       taz: Müssen Politiker:innen also mehr reisen? 
       
       Nouripour: Die Welt lässt uns keine Wahl. Wir müssen reisen, uns begegnen
       und austauschen. Die schwierigen Themen Differenzen, Wertefragen bleiben.
       Aber wo wir gemeinsam etwas erreichen können, sollten wir es tun. Auch wenn
       internationale Kooperation altmodisch wirkt. Sie ist es nicht.
       
       taz: War die Sicherheitslage der Golfstaaten Thema während Ihrer Gespräche? 
       
       Nouripour: Natürlich. Deshalb gab es auch viele Überlegungen vorher, ob
       diese Reise überhaupt so stattfinden kann.
       
       taz: Weil Sie selbst Sicherheitsbedenken hatten? 
       
       Nouripour: Es brauchte eine sorgfältige Abwägung. Ohne offiziellen
       Waffenstillstand hätte ich die Reise nicht antreten können. Die Lage bleibt
       trotzdem angespannt.
       
       taz: Ein Unterschied zwischen Deutschland und Staaten wie
       [3][Saudi-Arabien] oder den Emiraten ist die Menschenrechtslage. Haben Sie
       das angesprochen? 
       
       Nouripour: Selbstverständlich. Ich würde ja versagen, wenn nicht. In
       Saudi-Arabien hat sich die Lage, besonders für Frauen, sichtbar verbessert.
       Das zeigt sich im Alltag. Doch es gibt weiterhin erhebliche Probleme. Ein
       Beispiel: Prominente Aktivist:innen, die früher inhaftiert und gefoltert
       wurden, sind heute zuweilen auf freiem Fuß, dürfen das Land aber nicht
       verlassen. Wir müssen die Fortschritte anerkennen und gleichzeitig die
       Mängel klar benennen. Schweigen ist nie eine Option. Nur: Wer immer nur auf
       Distanz geht, riskiert doch, dass er am Ende alleine steht und obendrauf
       für die Menschen – und dabei allen voran Frauenrechte in diesen Ländern –
       nichts mehr bewirken kann.
       
       28 Apr 2026
       
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