# taz.de -- Radsportwunder aus Frankreich: Bedrohlich gut
> Beim Klassiker Lüttich–Bastogne–Lüttich sorgt der 19-jährige Franzose
> Paul Seixas für Aufsehen. Radsportikone Tadej Pogačar hat einen
> Herausforderer.
(IMG) Bild: Echte Konkurrenz: Dominator Pogačar (vorne) wird sich an die Begleitung von Paul Seixas gewöhnen müssen
Die Wachablösung muss noch warten. [1][Tadej Pogačar] gewann auch die 112.
Austragung [2][dieses Klassikermonuments Lüttich–Bastogne–Lüttich], zum
vierten Mal bereits. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren aber, als seine
überragenden Solofahrten 35 und sogar 80 Kilometer andauerten, war er bei
dieser Ausgabe nur gut ein Dutzend Kilometer allein unterwegs. Erst beim
allerletzten Anstieg des Tages, der Côte de la Roche-aux-Faucons konnte er
sich seines hartnäckigsten Begleiters, eben des 19-jährigen Franzosen Paul
Seixas, entledigen und als Solist dem Ziel entgegenstürmen.
Das machte er dann auch eindrucksvoll. Nicht einmal der aerodynamische
Nachteil des flatternden schwarzen Trauerbands am Oberarm konnte ihn
entscheidend bremsen. Angebracht hatte er den Trauerflor wegen des Tods
seines früheren Teamkollegen Cristian Muñoz am Freitag nach Sturz und
bakterieller Infektion. Er ehrte den Toten auch mit einer Fingergeste gen
Himmel beim Überqueren der Ziellinie.
Danach sprach er aber vor allem über den erstaunlichen Youngster Seixas.
Denn der war kurz davor, den Rennplan des Radsportdominators zu
durchkreuzen. Als Pogačar bei Côte de la Redoute, etwas mehr als 30
Kilometer vor dem Ziel, wie erwartet davon schnellte und die Konkurrenz wie
befürchtet resigniert zurückließ, biss Seixas sich aber, 19 Jahre jung und
zum ersten Mal überhaupt bei La Doyenne dabei, am Mann im Weltmeistertrikot
fest.
Gut, der junge Decathlon-Profi musste alles geben, während sein UAE-Rivale
noch vergleichsweise kontrolliert wirkte. „Ich war in einem Zustand
zwischen Euphorie und Verwirrung“, schilderte Seixas die Situation. Aber er
blieb dran. Und bei der Roche-aux-Faucons fehlten ihm nur etwa 600 Meter.
Pogačar setzte sich hier zwar ab, hatte sich aber auch schon darauf
eingestellt, gemeinsam mit dem Franzosen auf die Zielgerade in Lüttich zu
gehen. „Paul war sehr stark. Nach der Redoute hatte ich schon den Sprint
gegen ihn im Kopf“, beschrieb er seine Befürchtungen.
## „Bevor er alle zerstört“
Den Rivalen vom Sonntag hält er inzwischen für den entscheidenden
Herausforderer für seine letzten Jahre. Schon beim Schotterstraßenrennen
Strade Bianche hielt Seixas am längsten mit Sieger Pogačar mit. Die
Baskenlandrundfahrt gewann er sehr überlegen vor dem Red-Bull-Duo Florian
Lipowitz und Remco Evenepoel. „Dass jemand mit 19 Jahren auf diesem Niveau
fährt, ist einfach beeindruckend“, zollte Pogačar dem jungen Franzosen dann
auch Respekt. „Normalerweise ist der Körper physisch erst zwischen 26 und
30 Jahren auf dem Höhepunkt. Deshalb wird es spannend zu sehen, wie Paul
sich noch entwickelt. Wir werden auf jeden Fall weiter hart arbeiten und
versuchen, auch in den nächsten Jahren so viel wie möglich zu gewinnen,
bevor er alle zerstört“, wagte er einen leicht sarkastisch gestimmten Blick
in die nahe Zukunft.
Die Statistiken zumindest sehen Seixas schon besser entwickelt, als es
Pogačar im gleichen Alter war. Sein erstes wichtigeres Etappenrennen, die
Kalifornienrundfahrt, gewann der im Alter von 20 Jahren. Bei seinem Debüt
in Lüttich, ebenfalls als 20-Jähriger, landete er auf einem respektablen
18. Platz, war aber weitab vom damaligen Sieger Jakob Fuglsang.
Seixas also stieg hoch ein ins Renngeschehen der Twens und
Thirtysomethings. Mit genau der richtigen Portion Ehrgeiz sagte er am
Sonntag: „Ich war haarscharf dran.“ Er hatte ganz mutig sogar den Sieg beim
Debüt angepeilt und das Rennen auch so gestaltet.
Das deutete sich schon früh an. Da war eine große Gruppe von 52 Mann, unter
ihnen auch der zweifache Doyenne-Sieger [3][Evenepoel] mit einem Helfer,
plötzlich davongezogen und hatte zwischenzeitlich sogar vier Minuten
Vorsprung. Zu den drei Pogačar-Helfern, die den Rückstand dann
neutralisierten, steuerte aber auch Seixas, der ebenfalls im zweiten
Peloton steckte, zwei Helfer bei, um die Gruppe zurückzuholen. Und in den
entscheidenden Momenten klemmte er sich, so gut es ging, an Pogačar und
beteiligte sich beim Zweierausflug selbstverständlich an der
Führungsarbeit.
Jetzt wartet die gesamte Radsportwelt darauf, ob der Teenager bereits in
diesem Jahr sein Tour de France-Debüt gibt und dort mit der von Pogačar nur
halb im Scherz prognostizierten Zerstörungspraxis beginnt.
27 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tom Mustroph
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