# taz.de -- Lübecker Unternehmensgeschichte: Groß werden mit Gasmasken
       
       > Von Krieg und Krisen profitiert: Eine ausführliche Biografie über den
       > Unternehmer Heinrich Dräger verbindet Unternehmens- und Zeitgeschichte.
       
 (IMG) Bild: Werden vielfältig gebraucht: Atemschutzmasken der Drägerwerk AG
       
       Im Lübecker Quartier St. Lorenz Süd liegt die Zentrale der Drägerwerke –
       eine kleine Stadt in der Stadt. Dräger ist der größte Industrie-Arbeitgeber
       Lübecks, 5.000 der 16.600 Mitarbeitenden des internationalen Konzerns
       arbeiten hier. Die Backsteingotik-Industriehallen reihen sich aneinander,
       Efeu umrankte Bürogebäude, eine Halle mit einem Turm und ein
       historizistisches Kontorgebäude, in dem schon die Gründer Ende des 19.
       Jahrhunderts gearbeitet haben. An der Wasserseite türmen sich in einem
       kleinen Park jüngere Bauten auf, vor allem eine gigantische Doppel-Acht aus
       Glasbeton, die Labore beherbergt.
       
       Der Hersteller von Medizin- und Sicherheitstechnik gibt sich gern als
       traditioneller Familienbetrieb mit Geschichtsbewusstsein. Dräger hat ein
       eigenes Archiv mit eigenem Dokumentar, eine eigene Zeitschrift, die schon
       seit 1912 erscheint, und auf seiner Homepage gibt es einen virtuellen 360
       Grad-Rundgang über das Gelände und seine Geschichte.
       
       Nun hat das Unternehmen die Geschichte seines dritten Firmenleiters
       Heinrich Dräger als Buch in Auftrag gegeben. Der 1898 Geborene war es, der
       aus dem mittelständischen Betrieb einen Konzern machte. Das als einbändig
       geplante Buch wurde ein mächtiges Werk in drei Teilen, dessen erster Band
       über Drägers Leben bis zum Jahr 1931, als er Alleininhaber des Unternehmens
       wurde, nun erschienen ist. Er ist in Leinenbindung schön verarbeitet,
       ausführliche Fotostrecken illustrieren die Texte mit teils bisher
       unveröffentlichten Bildern.
       
       Der Autor Michael Kamp recherchierte in firmeneigenen und städtischen
       Archiven, führte Gespräche mit Zeitzeugen und stöberte in Quellen zur
       Zeitgeschichte. In Fußnoten und einem akribisch geführten Quellennachweis
       hat er das alles dokumentiert, gleichzeitig ist der Band durch seine
       szenische Schreibweise sehr gut lesbar. Es ist ein Auftragswerk, soll aber
       gleichzeitig den Anspruch haben, „auch Brüche, Schwierigkeiten und
       Probleme“ darzustellen, schreibt der Autor im Vorwort, denn nur dann sei es
       „auch nachfolgenden Generationen von Nutzen“. Deshalb habe es „keine Zensur
       gegeben“. Tatsächlich kommt Dräger nicht immer gut darin weg.
       
       ## Selbstversuche mit Gasmasken
       
       Sein Opa, ein Uhrmacher und Erfinder, hatte die Firma gegründet und der
       Vater begonnen, das internationale Geschäft aufzubauen, vor allem in den
       USA. Das Drägerwerk stellt unter anderem Atemschutz, OP-Masken und
       Beatmungsgeräte her, aber auch Gasmasken für den Krieg. Die beiden
       Weltkriege - [1][und später auch die Corona-Pandemie] - sorgten für
       lukrative Großaufträge.
       
       [2][Am Ersten Weltkrieg] nahm auch Heinrich Dräger teil. Angesteckt von
       allgemeiner Kriegsbegeisterung meldete sich der kaum 18-Jährige nach einem
       verkürzten „Not-Abitur“ 1916 freiwillig zum Krieg. Als Soldat in Frankreich
       machte er Selbstversuche mit Gasmasken, untersuchte eigene und fremde
       Fabrikate und beschrieb in Briefen nach Hause ausführlich, was an ihnen
       verbessert werden könnte.
       
       Trotz des technischen Interesses orientierte er sich nach dem Krieg zuerst
       anders: Er studierte Agrarwissenschaften und übernahm als Verwalter ein
       Landgut bei Lübeck, das der Familie gehörte. In seinen Abschlussarbeiten
       beschäftigte er sich kritisch mit der Situation von Landarbeitern,
       gleichzeitig lehnte der liberalkonservativ eingestellte Dräger [3][die
       linke Räterepublik ab.] Er war als Student Teil eines Freikorps, das die
       Braunschweiger Räteregierung niederschlagen wollte.
       
       Während des Studiums heiratete er Ruth Stubbe. Sie bekamen zwei Kinder,
       doch er verbrachte viel Zeit ohne die Familie. Als 1928 der Vater starb,
       wechselte er in den Vorstand des Drägerwerks, während die Familie weiterhin
       auf dem Gut wohnte. Er setzte sich in einem Streit mit seinem Schwager
       durch und leitete fortan das Unternehmen. Parallel studierte er Technik und
       Wirtschaft in Berlin und machte Dienstreisen etwa in die Sowjetunion.
       
       Zeitgeschichtliche Hintergründe dieser Art geben der Fabrikanten-Biografie
       eine Relevanz über Lübeck hinaus. Was nichts daran ändert, dass die
       Leserschaft für das Thema eher klein sein wird: Wer nimmt sich die Zeit,
       drei dicke Bände mit jeweils rund 300 Seiten zu lesen, wenn es dann auch
       noch das Auftragswerk einer Firma über ihren früheren Chef ist?
       
       Michael Kamp: „Heinrich Dräger: Unternehmer, Publizist und Stifter. Band 1:
       Jugend und Findung – Die Jahre 1898 bis 1931“. Siedler, 340 S., 39 Euro
       
       12 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Mundschutz/!t5677666
 (DIR) [2] /Sachbuch-ueber-Hitler/!6193714
 (DIR) [3] /100-Jahre-Oktoberrevolution/!5453929
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Grabitz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Lübeck
 (DIR) Chemiewaffen
 (DIR) Deutsche Geschichte
 (DIR) Schwerpunkt Erster Weltkrieg
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Frauenbewegung
 (DIR) Russische Revolution
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Sachbuch über Hitler: Der Frieden auf dem Weg zum Krieg
       
       In „München 38. Die Welt am Scheideweg“ gehen Christian Goeschel und Daniel
       Hedinger der Frage nach, warum Großbritanniens Premier Chamberlain Frieden
       mit Hitler machen wollte.
       
 (DIR) Ursprünge des Internationalen Frauentags: Eine unbequeme Sozialistin bis heute
       
       Clara Zetkin war eine Vorkämpferin für Frauenrechte. Wegen ihres Kampfes
       für eine sozialistische Gesellschaft tut man sich immer noch mit ihr
       schwer.
       
 (DIR) 100 Jahre Oktoberrevolution: Als der Funke übersprang
       
       Die Ereignisse in Russland 1917 wirkten auch in Berlin. Der Historiker Ralf
       Hoffrogge bringt fast vergessene Kapitel dieser Geschichte zum Vorschein.