# taz.de -- Ex-Verhandler zu Iran und USA: „Beide Seiten wollen keinen Schritt machen“
> Der französische Diplomat Jacques Audibert hat 2015 das Wiener Abkommen
> über das iranische Atomprogramm mitverhandelt. Was sagt er zum aktuellen
> Konflikt?
(IMG) Bild: Pakistanische Polizisten schützen eine leere Straße: In Islamabad verhandeln die USA und Iran noch nicht
taz: Herr Audibert, würden Sie sagen, dass es besonders schwierig ist, mit
dem [1][iranischen Regime] zu verhandeln?
Jacques Audibert: Besonders schwierig, ja, weil dieses Regime keinen
monolithischen Block darstellt. Sie können mit einer Komponente reden, und
Sie wissen nicht, was eine andere danach tun wird. Bei den Verhandlungen
zwischen 2009 und 2014 glaubten wir mehrmals, eine Einigung in gewissen
Punkten erzielt zu haben. Was eine Fraktion dabei akzeptiert hatte, wurde
jedoch sogleich von einer anderen Fraktion verworfen. Das macht es also
kompliziert. Zweitens stellt sich die Frage, inwieweit man Vertrauen haben
kann zu Vertretern eines undemokratischen Regimes, das, sagen wir mal,
wirklich nicht die besten Absichten verfolgt. Schenken kann man es ihnen
nicht.
taz: Für glaubwürdige Verhandlungen braucht es doch aber ein Minimum an
Vertrauen, alles andere wäre naiv.
Audibert: Solche Verhandlungen sind ein Porzellanladen, jede unbedachte
Geste kann viel Geschirr zerschlagen. Mehr noch als Vertrauen braucht es
einen Konsens als Ausgangspunkt. Wir hatten darum im Abkommen von 2015
immer darauf bestanden, dass alle Verpflichtungen extrem genau kontrolliert
und verifiziert werden können. Und dieses System der Überprüfung muss im
Fall der Nichtrespektierung mit Sanktionen verbunden sein. Das war dann
auch der Fall. Iran hat nach 2015 das Abkommen respektiert, was durch die
Internationale Atomenergieagentur – und auch mit anderen, weniger
offiziellen Mitteln – sehr genau kontrolliert wurde.
taz: Gilt das auch heute? Die Gesprächspartner der aktuellen Kontakte sind
ja wohl auf beiden Seiten nicht mehr dieselben?
Audibert: Mit Ausnahme von Abbas Araghtschi, der damals jahrelang mein
direkter Verhandlungspartner war. Er ist jetzt als Irans Außenminister
erneut Mitglied der Delegation, er kennt als Spitzenfunktionär das Dossier
des Atomprogramms bis ins kleinste Detail.
taz: … was man von der amerikanischen Delegation, die eher aus persönlichen
Vertrauten des US-Präsidenten zusammengesetzt ist, nicht sagen kann.
Audibert: Um es drastisch auszudrücken: Bei den Iranern wurden die
Spezialisten (durch gezielte Angriffe) eliminiert, bei den Amerikanern
gefeuert. Auf der amerikanischen Seite sind die damaligen Experten von
Präsident Trump leider entlassen worden. Mein amerikanischer Kollege war
damals Vizeaußenminister Bill Burns, ein exzellenter Kenner der Beziehungen
mit dem Iran. Er wurde danach CIA-Chef. 2025 ist er, wie alle anderen, von
Trump abgesetzt worden. Wer heute in Washington im Außenministerium oder in
den anderen beteiligten Agenturen noch Spezialist für den Iran ist,
entzieht sich meiner Kenntnis. Ich habe den Eindruck, dass gegenwärtig
sowohl von den [2][USA als auch auf der iranischen Seite] improvisiert
wird.
taz: In der iranischen Führung zeichnen sich angeblich Risse ab. Kann dies
instrumentalisiert werden?
Audibert: Bei allen Verhandlungen versucht man immer, allfällige
Meinungsverschiedenheiten der Gegenseite auszunutzen. Im Fall der
Verhandlungen über die Kontrolle des Atomprogramms hieß es, die Iraner
seien besonders geschickt gewesen. Dabei ist es ihnen in fünf oder sechs
Jahren aber nie gelungen, uns auch nur annähernd zu spalten. Was
erstaunlich ist, da doch unter anderem auch Russland und China zu unserer
Gruppe gehörten. Die USA reden davon, eventuell eingefrorene iranische
Guthaben im Wert von 20 Milliarden Dollar in die Waagschale zu werfen und
zu verwenden, um den Zusammenhalt der iranischen Führung weiter zu
beeinträchtigen. Das wäre meiner Meinung nach ein geeignetes Druckmittel.
taz: Um so einen Teil der Mullahs und der „Revolutionswächter“ zu kaufen?
Audibert: Nicht direkt kaufen. Aber man könnte so klarmachen, dass nicht
alle dieselben Interessen haben.
taz: Präsident Trump scheint zu meinen, dass er den Iran relativ schnell zu
einer Einigung zwingen kann. Ist das realistisch?
Audibert: Nein, ich wäre sehr erstaunt, falls in kurzer Zeit ein Abkommen
zustande käme. Und nur, wenn er Zugeständnisse des Iran akzeptiert, ohne
auf einem strengen Prüfverfahren zu bestehen. Das iranische Regime könnte
erklären: Wir verzichten auf die weitere Urananreicherung, ohne das
kontrollieren zu lassen. Und Trump würde das als Sieg feiern. Ich glaube
nicht daran, dass der Iran bereit ist, auf die Anreicherung oder auf seine
existierenden Lager zu verzichten.
taz: Man muss sich angesichts der Wendungen und Kehrtwenden des
US-Präsidenten ja fragen, welche Ziele und Absichten er überhaupt verfolgt.
Audibert: Für die iranische Seite ist das klar, sie kämpft um das Überleben
des Regimes. Ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung. Bei den Amerikanern
ist das weniger evident. Trump hatte zuerst gesagt, der Iran sei in der
Lage, die USA mit Raketen und Atomwaffen zu attackieren. Das war nicht
wahr. Danach meinte er, das Regime stürzen zu wollen. Jetzt will er das
Rüstungsprogramm zerstören, das seinen Aussagen zufolge seit dem
vergangenen Jahr nicht mehr existiert. Trump wird sicher sein Gesicht
wahren wollen, indem er sagt, er habe vom Iran sehr bedeutende Konzessionen
bekommen, wobei die Iraner umgekehrt nicht bereit sind, auf das Wesentliche
zu verzichten.
taz: Derzeit befinden sich die Verhandlungen in einer Sackgasse, weder die
iranischen noch die amerikanischen Delegationen sind nach [3][Islamabad]
gereist. Was wäre die Alternative?
Audibert: Wahrscheinlich die Fortsetzung der gegenwärtigen Situation:
Waffenstillstand, eine Situation voller Spannungen, aber ohne offene
Feindseligkeiten, doch mit Zwischenfällen und verbaler Eskalation durch
testosterongeladene Drohungen beider Seiten sowie mit sporadischen Schüssen
oder der Kaperung von Schiffen in der Meerenge. Das genügt, um sowohl Trump
als auch dem Iran, vor allem aber auch der Weltwirtschaft insgesamt, viel
Schaden zuzufügen. Bei den steigenden Treibstoffpreisen für die
amerikanischen Bürger wird Trump die Midterm-Wahlen verlieren. Beide Seiten
hätten ein Interesse an einer raschen Lösung, aber beiden Seite wollen
keinen Schritt machen.
taz: Eine von Frankreich und Großbritannien organisierte und von
Deutschland unterstützte Konferenz wird in dieser Woche in der Nähe von
London fortgesetzt, können da Fortschritte für die Beendigung des Konflikts
erwartet werden?
Audibert: Deren Zielsetzung ist die Sicherung des Verkehrs in der Meerenge
von Hormus nach einer eingehaltenen Waffenruhe. Das ist aber angesichts der
gesamten Problematik ein sekundärer Aspekt, und ich denke, dass Frankreich
und Europa heute nicht über genügend Gewicht verfügen, um wirklich Einfluss
zu nehmen. 2003 waren es die Europäer, die die Verhandlungen in Gang
gebracht hatten. Man könnte sich also vorstellen, dass die drei damals
beteiligten Länder (Frankreich, Großbritannien, Deutschland) als Vermittler
intervenieren. Das wird aber derzeit von keiner der beiden Seiten
gewünscht.
taz: Droht der ganzen Region eine Ausbreitung des Konflikts zum offenen
Krieg?
Audibert: Nein, die jetzige Situation wird vielmehr weiter andauern. Der
Krieg hätte sonst bereits stattgefunden. Und es gab ja bereits während 40
Tagen Feindseligkeiten – ohne Zurückhaltung beider Seiten. Jetzt beginnt
eine Phase mit mehreren Etappen, in denen erneut Gewalt in
unterschiedlicher Intensität eingesetzt wird, bis es schließlich
Verhandlungen gibt.
22 Apr 2026
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