# taz.de -- Reichsbürger-Prozess in Frankfurt: Vom Rädelsführer zum Trottel
       
       > Prinz Reuß, mutmaßlicher Anführer eines geplanten Reichsbürger-Putschs,
       > will von seinen Mitverschwörer*innen eigentlich nur ausgenutzt
       > worden sein.
       
 (IMG) Bild: Nur der Grüßaugust? Heinrich XIII. Prinz Reuß, mutmaßlicher Anführer des Reichsbürger-Putschs, vor Gericht
       
       Eine Einlassung vor Gericht als Talkshow: Das hat man auch noch nicht so
       oft erlebt. Seit beinahe zwei Jahren muss sich Heinrich XIII. Prinz Reuß
       als mutmaßlicher Kopf einer Reichsbürger-Bande vor dem Staatsschutzsenat
       des Frankfurter Oberlandesgerichts verantworten. Zusammen mit 24 weiteren
       Männern und Frauen – 8 von ihnen sitzen neben ihm auf der Anklagebank, den
       anderen wird parallel in Stuttgart und München der Prozess gemacht – soll
       Reuß einen bewaffneten Umsturz in Deutschland vorbereitet haben. Um
       Terrorismus und Hochverrat geht es in der Anklage.
       
       Reuß, mittlerweile 74 Jahre alt, hat [1][bereits im Dezember alle
       Putschvorwürfe zurückgewiesen] und seine Unschuld beteuert. Jetzt will der
       Frankfurter Immobilienunternehmer nachlegen, indem er sich von seinem
       Verteidiger Roman von Alvensleben mit vorgeblich kritischen Fragen – „Jetzt
       mal ehrlich!“ – am Zeugentisch interviewen lässt. Sie hätten das in der
       Haftanstalt „erprobt“, sagt der Anwalt, sein Mandant habe „orientiert“
       geantwortet. Messlatten hingen auch schon mal höher.
       
       Bei den Prozesstagen am Dienstag und Mittwoch wird – in seiner
       Selbstdarstellung jedenfalls – aus dem adeligen Angeklagten, den die
       Bundesanwaltschaft für einen der Rädelsführer hält, ein Mitläufer, wenn
       überhaupt. Das Bild, das Reuß von sich zeichnet, ist das eines gutherzigen,
       geradezu liebenswerten Trottels. Er sei „ein bisschen schwer von Kapee“,
       sagt er irgendwann. Nicht der Schnellste im Kopf also. Und: leicht
       auszunutzen.
       
       Von seinem Mitangeklagten Maximilian Eder, einem ehemaligen Oberst der
       Bundeswehr, habe er sich 50.000 Euro abschwatzen lassen – angeblich, um
       unterirdische Tunnel observieren zu können, in denen Kinder massenhaft von
       Machteliten gefoltert würden. Eine von ungezählten Verschwörungserzählungen
       und Reichsbürger-Mythen, die im Kreise der Angeklagten für bare Münze
       genommen wurden, auch von Reuß.
       
       ## Seiner Durchlaucht kommen die Tränen
       
       „Das ging ja durch die Medien“, sagt Reuß. Und meint: durch Telegram.
       Selbst im Gerichtssaal kommen ihm noch die Tränen, als er erzählt, wie ihm
       das von einer Mitangeklagten geführte Gespräch mit einem vermeintlich
       „satanisch-rituell“ missbrauchten Mädchen vorgespielt wurde. Laut Anklage
       soll das Geld, das er Ex-Oberst Eder gab, für einen Angriff auf den
       Bundestag gedacht gewesen sein.
       
       Reuß sagt: Er habe geglaubt, dass eine internationale Geheimarmee namens
       „Erdallianz“, die von den Angeklagten (wie von anderen Telegram-Gläubigen)
       herbei halluziniert wurde, einmarschieren und die Kinder in den Tunneln
       befreien würde. Er aber will diese Invasion trotzdem nicht herbeigesehnt
       haben – weil er Sorge gehabt habe, dass ein Systemsturz sein 30-jähriges
       Ringen um die Restitution des fürstlichen Familienbesitzes endgültig
       scheitern lassen würde.
       
       Mit dem „Rat“, der in seinem Jagdschloss im thüringischen Bad Lobenstein
       tagte und dem unter anderem [2][die mitangeklagte frühere
       AfD-Bundestagsabgeordnete Birgit Malsack-Winkemann] angehörte, habe man
       sich auf das Eintreffen der Allianz vorbereiten wollen. Reuß nennt die
       Runde mal „Stammtisch“, mal „Thinktank“.
       
       Dass dabei ministeriumsartige Ressorts vergeben wurden, sei bloß eine
       „Scharade“ gewesen, wie einst in Kindestagen: „Du spielst jetzt Justiz, du
       spielst Wirtschaft, du spielst Gesundheit.“ Eine designierte
       Putschregierung habe das nie sein sollen, beteuert Reuß. Jedenfalls für ihn
       nicht, der jegliche Gewalt strikt abgelehnt habe. Und da wird es
       interessant.
       
       ## Nur das leibliche Wohl der Gäste im Blick
       
       „Ich weiß nicht, was gesprochen wurde, wenn ich draußen war, um mich ums
       Essen zu kümmern“, sagt der Schlossherr, der mit den Treffen an seinem
       Esstisch erstaunlich wenig zu tun gehabt haben will. Die Teilnehmenden
       hätten sich quasi selbst eingeladen, er habe nur moderiert und sich ums
       leibliche Wohl gekümmert, behauptet Reuß.
       
       Treibende Kräfte seien andere gewesen. Der
       [3][Ex-Fallschirmjäger-Kommandeur Rüdiger von Pescatore] zum Beispiel, der
       ebenfalls in Frankfurt vor Gericht steht und bislang zu den Vorwürfen
       schweigt. Oder der selbst ernannte „Seher“ Thomas T., der im Münchner
       Prozess kürzlich Umsturzpläne eingeräumt hat.
       
       Reuß und seine Anwälte haben ihre Verteidigungslinie damit strategisch
       verschoben. Statt die Anklage komplett als Unsinn zu brandmarken, heißt es
       jetzt nur noch: keine Ahnung, was die anderen vorhatten, aber für Prinz
       Reuß wäre ein Putsch nie infrage gekommen.
       
       Das Bemühen, sich klein und unbedeutend zu machen, treibt dabei bizarre
       Blüten. Dass ihn seine mutmaßlichen Mitverschwörer*innen „Chef“
       nannten? Habe rein gar nichts zu bedeuten. Schließlich werde er von seinem
       Autoschrauber oder in der Eisdiele manchmal ja auch so angesprochen.
       
       22 Apr 2026
       
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