# taz.de -- Neues Bundeswehr-Konzept: Wer groß denkt, plant vage
       
       > Die Bundeswehr gibt sich erstmals ein Grundkonzept. Doch beim
       > Ausbuchstabieren nimmt es SPD-Verteidigungsminister Boris Pistorius nicht
       > so genau.
       
 (IMG) Bild: Abschreckend: Minister Boris Pistorius (SPD, rechts) fährt Panzer
       
       Einmal mehr wird deutlich, dass es der Bundeswehr aktuell wirklich nicht an
       Geld fehlt. Mit einem neuen strategischen Gesamtkonzept möchte
       Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die deutsche Armee so
       aufstellen, dass sie künftig sowohl für die Bündnis- und Landesverteidigung
       als auch für Einsätze darüber hinaus gewappnet ist. Bei der Vorstellung von
       Eckpunkten des als geheim eingestuften Dokuments sagte Pistorius am
       Mittwoch, es gehe darum zu definieren, welche Fähigkeiten die Bundeswehr im
       aktuellen strategischen Umfeld vorhalten müsse.
       
       „Erstmals in der Geschichte der Bundeswehr geben wir uns eine
       Militärstrategie“, sagte Pistorius bei der Vorstellung seines Vorhabens im
       Berliner Verteidigungsministerium. In den Eckpunkten skizziert das
       Dokument, [1][wie sich das Bild vom Krieg durch Russlands Angriff auf die
       Ukraine] in den vergangenen Jahren gewandelt habe. Gefechte fänden
       entgrenzt statt, mit der Zivilbevölkerung und der Wirtschaft als expliziten
       Zielen.
       
       Die neue deutsche Militärstrategie konzentriert sich in ihrer Ausrichtung
       explizit auf eine Abschreckung gegenüber Russland. Deutschland erfülle eine
       neue „sicherheitspolitische Rolle“ und werde zusätzliche Lasten übernehmen,
       heißt es. Die Bundeswehr werde dabei auch gezielt
       „konventionell-strategische“ Verantwortung für Europa tragen. Hierfür wird
       an einer anderen Stelle im Dokument auch der Aufbau von Mitteln für „deep
       precision strikes“, also Angriffe im tiefen Hinterland von möglichen
       Gegnern, als Priorität genannt.
       
       „Unsere Ambition ist und muss sein, die stärkste konventionelle Armee in
       Europa zu sein“, [2][sagte Pistorius bei der Vorstellung der Pläne mit
       Verweis auf Bundeskanzler Friedrich Merz], der das auch unlängst gefordert
       hatte. In den Eckpunkten heißt es, dass hierfür kurzfristig die
       Verteidigungs- und Durchhaltefähigkeit erhöht werde. „Mittelfristig streben
       wir einen deutlich übergreifenden Fähigkeitszuwachs an, und langfristig
       werden wir technologische Überlegenheit herstellen.“ Wie das gehen soll,
       wenn andere Länder gleichzeitig in Hochtechnologie in ihren Waffensystemen
       investieren, ist unklar.
       
       ## Veränderte Ausgangslage wird nicht benannt
       
       „Die Strategie setzt sich nicht mit den potenziellen Risiken ihrer
       zentralen Handlungsmaximen auseinander. Das ist vielleicht ihre zentrale
       Schwachstelle“, [3][sagt Max Mutschler vom Bonner Zentrum für
       Konkliktforschung (BICC) der taz.] Der Wissenschaftler sieht es zwar als
       guten Schritt, dass sich die Bundeswehr eine solche Strategie gebe und
       diese zumindest in Teilen veröffentlicht werde. Doch vieles bleibe unklar.
       Ein grundlegendes Problem sei, dass das Risiko eines Rüstungswettlaufs in
       dem Dokument nicht benannt werde.
       
       „Strategien Russlands könnten etwa sein, mit einer Aufwertung der Rolle von
       taktischen Nuklearwaffen oder Chemiewaffen zu kontern, wenn andere Nationen
       technologisch überlegen sind“, so Mutschler. Eine bis heute gültige
       zentrale Lehre aus dem Kalten Krieg laute, dass Abschreckung allein eine
       sehr gefährliche Strategie sei. „Sie sollte durch
       rüstungskontrollpolitische Maßnahmen begleitet werden.“
       
       In den Eckpunkten sieht Pistorius die Bundeswehr weiterhin eng an der Seite
       der USA, ganz gleich, dass US-Präsident Donald Trump kaum eine Gelegenheit
       auslässt, über die Nato-Partner herzuziehen [4][oder in Grönland
       territoriale Ansprüche geltend zu machen]. Gegenüber diesen veränderten
       Rahmenbedingungen wird in dem Dokument ein strategischer Umgang gar nicht
       genannt.
       
       Sara Nanni, die verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im
       Bundestag, kritisiert, dass in dem Dokument ein „Kompass für Europa“ fehle.
       „Der Aufwuchs muss einhergehen mit einem starken europäischen Kurs der
       deutschen Regierung“, sagt sie der taz.
       
       Der verteidigungspolitische Sprecher der Linksfraktion, Ulrich Thoden,
       nannte „die Vorlage einer deutschen Militärstrategie als Gesamtkonzeption
       für die Landes- und Bündnisverteidigung“ zwar „angesichts der realen
       Bedrohungslage durch die Aggressionspolitik Russlands folgerichtig und
       notwendig“. Scharfe Kritik übte er aber an dem Anspruch, dass Deutschland
       eine neue militärische Führungsrolle in Europa anstrebe und militärische
       Großmacht werden wolle. „Wir als Linke lehnen die geschichtsvergessene
       Wiederauferstehung des deutschen Militarismus unter einem
       sozialdemokratischen Verteidigungsminister ab.“
       
       22 Apr 2026
       
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