# taz.de -- Reality-Show „The Race“: Haste mal 100 Dollar?
> In der Reality-Show „The Race“ trampen und schnorren sich Content Creator
> durch Südostasien. Ihre größte Ressource sind westliche Privilegien. Muss
> das sein?
(IMG) Bild: Ein Realitätscheck, der Fragen aufwirft, wie moralisch vertretbar eine solche Show überhaupt ist
Während der Mann die beiden Deutschen kostenlos durch Malaysia kutschiert,
erzählt er, dass [1][europäische Backpacker] in Asien früher immer gut
behandelt worden seien. „Viele Europäer haben das ausgenutzt. Und wenn
unsere Backpacker nach Europa kommen, dann hilft ihnen niemand.“
„Stimmt, stimmt“, sagt Adrian, einer der beiden Deutschen, [2][Content
Creator], der in seiner Freizeit durch den Irak trampt oder durch Syrien
fährt, nur noch beschämt. Mehr fällt ihm da auch nicht mehr ein. Falk, der
andere Mitfahrer, ebenfalls Content Creator, der mal von Rumänien nach
Deutschland wanderte, schweigt.
Die beiden sind müde. Gerade waren sie noch auf einem Truck vom
thailändischen Militär durch überflutete Gebiete im Süden des Landes
gefahren, hatten in einer Notunterkunft geschlafen, von den Einheimischen
Essen bekommen und waren schließlich nach Malaysia gelangt. Gefilmt hatten
sie alles mit ihren Kameras.
Die Sache ist nur: Während viele Menschen in Südthailand durch die
Überschwemmungen in dieser Zeit alles verlieren, befinden sich Adrian und
Falk mitten in einem Spiel. „The Race“ ist [3][eine Reality-Show], die
ihren Ursprung auf Youtube hat und längst beim Streamingdienst Joyn läuft.
Doch was ist das für eine Show, in der zur dritten Staffel ein paar
Deutsche zum Spaß durch überflutete Gebiete in Südostasien reisen?
Ein Spiel, sagt Kulturtheoretiker Roger Caillois in seiner Arbeit „Die
Spiele und die Menschen: Maske und Rausch“ sinngemäß, das findet in seiner
eigenen Sphäre statt: freiwillig, innerhalb fest gesteckter Grenzen und
Regeln, getrennt vom Alltagsleben. Das trifft auf „The Race“ zu. Doch
während der Manöver durchs überflutete Thailand und der Ansage des Fahrers
auf der Fahrt durch Malaysia crasht das Alltagsleben der Einheimischen in
die Sphäre des Spiels.
## Show trifft Nerv
Ein Realitätscheck, der Fragen aufwirft, wie moralisch vertretbar eine
solche Show überhaupt ist. „The Race“ ist ein Wettlauf. Fünf Zweierteams,
nur ihre Rucksäcke, kein Geld, kein Handy, dafür ausgestattet mit Kameras,
werden in Hanoi ausgesetzt. Von dort müssen sie es irgendwie bis auf die
kleine indonesische Insel Benan schaffen. Die Teilnehmenden sind
Influencer, die ihre Reisen als große Abenteuer für Social Media
inszenieren, so wie Falk und Adrian.
Dabei sind unter anderem auch Comedian Jerry Vsan und die beiden
Journalist:innen Franz Johann und Magdalena Stefely, die hauptsächlich
für Öffentlich-Rechtliche arbeiten. Die Show trifft einen Nerv, Millionen
Klicks bezeugen die Relevanz des Formats und es passt ja in den aktuellen
Zeitgeist.
Also: Länderpunkte sammeln, 30 Länder bereisen unter 30, auf Güterzügen
fahren durch Marokko, mit dem Fahrrad durch Afghanistan – und alles
verwerten für Social Media. Hauptsache extrem, Hauptsache edgy. Reisen als
Individualitätsmarker im Kapitalismus, als Wettkampf, als Content.
„The Race“ bedient all das. Die Welt als Abenteuer zu betrachten, ist zwar
schon seit Jules Vernes „In 80 Tagen um die Welt“ oder Daniel Defoes
„Robinson Crusoe“ ein Ding. Aber noch nie war all das so „grammable“ wie
jetzt. Mit „The Race“ lässt sich das vermeintliche Abenteuer nach Hause
holen. Weniger auf das große Drama gedreht als das „Dschungelcamp“, aber
actionreicher als irgendeine Naturdoku von Arte.
Es ist alles dabei. Es gibt sympathische Charaktere wie Adrian und Falk,
die sich tatsächlich sehr wertschätzend und respektvoll durch die Länder
bewegen, auf die Menschen zugehen, ehrliches Interesse und Dankbarkeit
zeigen, wenn sie von Lkw-Fahrern aufgegabelt oder zum Essen eingeladen
werden.
Es gibt Party-Bros wie die Moderatoren Essow und JP oder den schon
erwähnten Jerry Vsan, die im Hostel Geld mit Haareschneiden oder
Comedy-Auftritten verdienen und die schamlos jeden neuseeländischen und
britischen Sauftouri anquatschen, ob die nicht auch noch ein paar Dollar
locker haben.
Das macht die Show ja grundsätzlich spannend. Weitestgehend nette Typen und
zwei Frauen reisen um die Wette, machen Witze, sind ständig in Bewegung,
entwickeln interessante Strategien, um mit der selbst gewählten
Grenzerfahrung umgehen zu können. Sie exotisieren nicht, das ist das Gute.
Aber sie erschnorren sich eben auch mit ihrem Europäer-Bonus Geld in
Ländern, wo Menschen nur einen Bruchteil von dem verdienen, was die
Race-Teilnehmenden so auf Tasche haben könnten.
Außerdem haben die zehn Teilnehmenden eher nichts zu befürchten. Ein
Abenteuer, aber mit Absicherung. Wer keine Lust mehr hat, kann sich in
Deutschland ins warme Bettchen kuscheln.
## Von Angst getrieben
Die Länder, durch die die Teilnehmenden reisen, werden zum Bestandteil
eines Entertainment-Produkts degradiert. Die lokalen Gegebenheiten, die
Kultur, die gesellschaftlichen Errungenschaften und Probleme spielen nur am
Rande eine Rolle. Sie sind nur Kulisse der Sphäre des Spiels. Ein
Spielfeld, auf dem nicht die lokale Bevölkerung die Hauptakteure sind,
sondern ein paar Content Creator, die möglichst schnell von A nach B kommen
und sich selbst darstellen wollen.
Ausgerechnet die beiden Journalist:innen stellen sich als die
launischsten Charaktere heraus. Immer wieder sind sie von Angst getrieben,
obwohl die Locals nur ihr Bestes wollen. Egal ob in Vietnam oder in
Thailand.
Es gibt eine Szene, da steckt sich der Journalist des Saarländischen
Rundfunks, Franz Johann, ernsthaft einen GPS-Tracker in die Socke, weil er
Angst hat, dass der Lastwagenfahrer, der ihn und seine Kollegin mitnimmt,
ihnen etwas antun will. Plottwist: Er lädt die beiden nur zum Essen ein.
Diese Szene sagt viel über Ressentiments und macht „The Race“ manchmal zu
einer aufrichtigen Show, die Abgründe der backpackenden
Content-Creator-Seele nicht unterschlägt.
Worum geht es am Ende? Klar, um die Erfahrung und um den Sieg. Eine große
Ehre. Aber eigentlich ist völlig egal, wer „The Race“ gewinnt. „Amusement
ist die Verlängerung der Arbeit unter dem Spätkapitalismus“, schreiben
Adorno und Horkheimer im Kulturindustrie-Kapitel der „Dialektik der
Aufklärung“.
Die Show ist eine, wenn auch unterhaltsame, Zurschaustellung westlicher
Privilegien. Das vermeintliche Amusement dient auch der
Reichweitensteigerung der Social-Media-Kanäle aller Teilnehmenden. Je höher
die ist, desto mehr bezahlte Partnerschaften gibt es in Zukunft und desto
mehr Content kann produziert werden.
22 Apr 2026
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