# taz.de -- EU genehmigt Subvention: Wie der neue Industriestrompreis funktionieren soll
       
       > Deutschland bezuschusst bald Unternehmen bei ihren Stromrechnungen. Hilft
       > das der Industrie beim Übergang in die Klimaneutralität?
       
 (IMG) Bild: Betriebe mit großem Energieverbrauch und hohen Energiekosten profitieren am meisten
       
       Das hätten viele Privathaushalte auch gerne – einen Zuschuss des Staates zu
       ihren Stromrechnungen. Doch dazu ist die Bundesregierung nicht bereit.
       Anders bei Unternehmen: Die profitieren demnächst vom neuen
       Industriestrompreis, einer staatlichen Subvention ihrer
       Elektrizitätskosten. Gerade hat die Europäische Kommission dafür ihr Okay
       gegeben.
       
       Aber Privathaushalte bieten in der Regel keine Arbeitsplätze, die durch zu
       hohe Stromkosten verloren gehen können. Und sie stehen auch nicht in der
       internationalen Konkurrenz beim Verkauf ihrer Produkte. Das sind zwei
       Gesichtspunkte, die die EU-Kommission bewogen haben, die Subvention zu
       erlauben – im Übrigen auch für Bulgarien und Slowenien.
       
       Brüssel muss solchen nationalen Vorhaben zustimmen, um die Benachteiligung
       von Firmen in anderen Mitgliedsländern zu vermeiden. Wirtschaftsministerin
       Katherina Reiche (CDU) [1][verkündete die Einigung am
       Donnerstagnachmittag].
       
       Der Plan sieht so aus: Rund 9.500 große, aber auch kleine Firmen können
       staatliche Zuschüsse beantragen. Das Programm richtet sich an Betriebe mit
       großem Energieverbrauch und hohen Energiekosten, die außerdem in scharfem
       internationalen Wettbewerb stehen. Es kommt infrage für Branchen wie
       Chemie, Gummi- und Kunststoffwaren, Glas, Zement oder Halbleiterfertigung.
       
       ## Firmen müssen Ersparnisse teils in Energiewende stecken
       
       Liegt der Börsenstrompreis, den die Unternehmen normalerweise zahlen,
       beispielsweise bei 8 Cent pro Kilowattstunde, gibt der Bundeshaushalt 3
       Cent dazu. Einige Firmen erhalten damit ein paar Millionen Euro pro Jahr,
       andere einige Zehntausend Euro. Drei Jahre soll das Programm laufen und
       etwa 3,8 Milliarden Euro kosten.
       
       Die Hälfte der Ersparnisse müssen die begünstigten Firmen investieren, um
       auf [2][erneuerbare Energien] umzustellen oder ihren Energieverbrauch zu
       senken. Das dient als Rechtfertigung dafür, dass die Zuschüsse aus dem
       Klima- und Transformationsfonds des Bundeshaushaltes finanziert werden,
       einem Sondertopf, der sich vornehmlich aus den Einnahmen des
       Emissionshandels speist.
       
       Der Industriestrompreis ist eine zusätzliche Subvention. Sowieso zahlen
       viele Firmen kaum noch Stromsteuer. Hinzu kommt die Strompreiskompensation,
       die in bestimmten Fällen die Kosten des Emissionshandels ausgleicht. Laut
       Bundesnetzagentur zahlten energie- und wettbewerbsintensive Unternehmen im
       März insgesamt um die 10 Cent pro Kilowattstunde Elektrizität. Für nicht
       begünstigte Firmen lagen die Preise um die 16 Cent, für Privathaushalte
       sind es durchschnittlich 37 Cent.
       
       Als Begründung für den Industriestrompreis dienen unter anderem die
       augenblickliche wirtschaftliche Stagnation, hohe US-Import-Zölle und
       Billigimporte aus China. Unternehmen und Wirtschaftsverbände beklagen schon
       länger die aus ihrer Sicht zu hohen Stromkosten in Deutschland. Weil diese
       beispielsweise in den USA und China niedriger lägen, heißt es, erlitten
       hiesige Firmen Nachteile in der internationalen Konkurrenz.
       
       Allerdings erklärte der Bundesverband der Energiewirtschaft (BDEW) Ende
       2025: „Methodisch konsistente internationale Vergleiche von
       Industriestrompreisen gibt es leider nicht.“ So erscheint die Faktenbasis
       wackelig, die für die Begründung der Subvention herhalten muss. Während der
       BDEW den Industriestrompreis in der Vergangenheit als Eingriff in den Markt
       kritisch betrachtete, will er sich aktuell nicht äußern.
       
       Der Deutsche Gewerkschaftsbund freut sich dagegen über die Einigung: „Das
       stärkt Wertschöpfung und Beschäftigung in einer wirtschaftlich schwierigen
       Lage und unterstützt den klimaneutralen Umbau in Deutschland.“ Für Kerstin
       Maria Rippel, Geschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, ist die
       Einigung ein wichtiger Schritt. Allerdings sei der Zuschuss noch zu gering.
       So sieht es auch der Verband der Chemischen Industrie.
       
       Als „kurzfristige Entlastung für Unternehmen“ begrüßt Julia Metz,
       Direktorin von der Denkfabrik Agora Industrie, die Maßnahme. Aber sie sagt
       auch: „Für eine ambitionierte Elektrifizierung industrieller Prozesse
       braucht es langfristige Investitionssicherheit – hierfür greift der auf
       drei Jahre befristete Industriestrompreis zu kurz.“
       
       In diesem Sinne rät Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für
       Wirtschaftsforschung: „[3][Klimaschutzverträge] wären das präzisere
       Instrument.“ Mit solchen Kontrakten zwischen Staat und Unternehmen ließen
       sich gezielt Investitionen in klimaneutrale, zukunftsfähige Produktion
       fördern.
       
       17 Apr 2026
       
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