# taz.de -- Zykluscoachin über Menstruation: „Schmerzen müssen nicht zum Frausein dazugehören“
> Wir sollten unsere Zyklen tracken, findet die Coachin und Autorin Franzi
> Ruhnau. Ein Gespräch über die Lutealphase, Blut und Gehaltsverhandlungen.
(IMG) Bild: Gerade in der Lutealphase: Franzi Ruhnau
taz: Die Suche nach einem Termin für unser Interview war etwas schwieriger.
Haben Sie bei der Terminfindung auch Ihren Zyklus berücksichtigt, Frau
Ruhnau?
Franzi Ruhnau: Ja, das mache ich immer. Ich versuche, wichtige Termine in
eine Phase zu legen, in der ich mich wohlfühle. Aber dieses Mal hat mein
Eisprung sich verschoben, deswegen befinde ich mich heute mitten in meiner
Lutealphase, in der ich mich lieber verkriechen möchte.
taz: Die Lutealphase ist eine der vier Phasen des Menstruationszyklus. Wie
fühlen die sich für Sie an?
Ruhnau: Das lässt sich am besten mit dem Jahreszeitenmodell erklären. Die
Menstruation ist der innere Winter, da ziehe ich mich gerne zurück und
liege auf der Couch. In der Follikelphase steigt meine Energie, wie im
Frühling. Meine Gedanken sind dann hoffnungsvoller, meine Ideen sprudeln
und ich habe Lust, viele Leute zu treffen. Der Eisprung entspricht dem
Sommer. Ich bin voller Tatendrang und fühle mich pudelwohl. Der Zyklus
endet dann mit der Lutealphase, dem Herbst, der für mich als
PMDS-Betroffene besonders schwer ist.
taz: [1][PMS, die körperlichen und mentalen Beschwerden vor einer Periode],
ist den meisten ein Begriff. Aber was verbirgt sich hinter PMDS?
Ruhnau: Die prämenstruelle dysphorische Störung. Eine Krankheit, die sich
im Gegensatz zu PMS überwiegend auf einem mentalen und psychischen Level
abspielt. Dazu gehören depressive Verstimmungen, Angst, heftige
Stimmungsschwankungen bis hin zu suizidalen Gedanken. Es ist schwer, in
dieser Zeit seine Stimmungen zu kontrollieren. In dieser Phase habe ich
auch schon mal Jobs gekündigt und weiteres getan, was massive Konsequenzen
für mein Leben hatte.
taz: Ist die Krankheit heilbar?
Ruhnau: Es wurde bislang wenig dazu geforscht und es gibt verschiedene
Hypothesen zum Ursprung der Krankheit. Heißt, man weiß schlicht noch nicht,
ob sie heilbar ist. Aber immerhin wurde PMDS kürzlich von der WHO als
gynäkologische Krankheit eingestuft, also gibt es hoffentlich bald mehr
Wissen.
taz: Aber ist sie behandelbar?
Ruhnau: Es gibt verschiedene Ansätze, die helfen können. Eine Methode sind
Antidepressiva, denn PMDS ist kein hormonelles Ungleichgewicht, sondern
eine sehr empfindliche Reaktion von Neurotransmittern im Gehirn auf die
natürlichen hormonellen Schwankungen im Menstruationszyklus. Aber auch
Ernährung, Bewegung, Schlaf und Stressmanagement spielen eine Rolle. Für
mich ist das wichtigste Tool das Zyklustracking.
taz: Das Notieren der Periode und der körperlichen und mentalen Symptome in
einem Zyklus, klingt erst einmal banal. Sie schreiben aber, dass es Ihr
Leben und Ihre Ehe gerettet hat. Inwiefern?
Ruhnau: Erst dadurch habe ich verstanden, dass es kein Zufall ist, dass ich
einmal im Monat von extremen negativen Gefühlen überschwemmt werde, sondern
dass es ein Muster gibt. Davor dachte ich manchmal, ich werde verrückt.
Durch das Tracking habe ich gelernt, dass es einen bestimmten Tag gibt, an
dem meine Symptome losgehen und einen, an dem ich erlöst werde. Davon
ausgehend, plane ich meinen Alltag. Auch meinem Partner hilft dieses Wissen
total, mit mir umzugehen. Seitdem führen wir viel weniger sinnlose Streits.
taz: Als Zykluscoachin raten Sie allen Menstruierenden dazu, ihren Zyklus
zu tracken. Wieso sollte ich mir diese Arbeit machen, wenn ich keine
Probleme habe?
Ruhnau: Es ist ein cooles Tool, um eine freundlichere Beziehung zu sich und
seinem Körper zu pflegen. Beim Zyklus gibt es total viel zu entdecken, und
zwar nicht nur Probleme, sondern auch richtig gute Tage, messerscharfe
Gedanken, Kreativität und Kraft. Durch Zyklus-Achtsamkeit lernen wir uns
selbst und unsere Energie besser kennen und können so unsere Arbeit,
Aufgaben und Freizeit unserem Zyklus anpassen. Also insofern Job und
Care-Arbeit das zulassen. Letztlich ist es Selbstfürsorge.
taz: Es gibt auch Tipps, meine Gehaltsverhandlung oder mein
Bewerbungsgespräch auf meinen Eisprung zu legen, damit ich mehr Energie
habe. Klingt für mich nach einer weiteren Form von Selbstoptimierung, um
meinen Körper im Kapitalismus besser verwerten zu können.
Ruhnau: Ja, das klingt nach Selbstoptimierung und darum geht es mir nicht.
Ich will nicht den Körper noch mehr zu Maschine machen, um ihn noch besser
ausbeuten zu können. Im Gegenteil. Für mich ist es wichtig, in dieser
Arbeitswelt besser auf den eigenen Körper zu hören. Durch Handys, aber auch
Fitnessuhren sind wir total von unserem Körper entkoppelt. Besser wäre, wir
würden täglich einmal bei uns einchecken und fragen: Wie geht es mir heute?
Wie fühlt sich mein Körper an und wie sieht meine Gedankenwelt aus? Dann
verstehe ich schneller, wann ich eine Pause brauche und kann so zum
Beispiel ein Burnout vorbeugen. Und dabei spielt natürlich auch der Zyklus
eine große Rolle. Doch sich damit auseinanderzusetzen und ihn zu
thematisieren, ist noch total schambesetzt.
taz: In sozialen Medien sehe ich regelmäßig Unterhosen mit Blut, Werbung
für Periodenprodukte oder Frauen, die ihr PMS thematisieren. Die Scham wird
also schon weniger, oder?
Ruhnau: Der öffentliche Diskurs hat sich schon gewandelt in den letzten
Jahren. [2][Das hängt sicherlich auch mit Unternehmen zusammen, die den
Zyklus für den Markt entdeckt haben]. So etwas fördert den Diskurs, aber
hat natürlich auch ein Geschmäckle, dass Geld mit unseren Zyklen gemacht
werden soll. Dass wir zum Beispiel auch am Arbeitsplatz offen über
Periodenbeschwerden sprechen können, ist längst nicht überall möglich.
taz: „Die Frau ist zickig, weil sie gerade ihre Tage hat“. Ein sexistisches
Klischee, gegen das Feminist_innen seit Langem ankämpfen. Verstärken wir
nicht mit Zyklus-Achtsamkeit das Bild der Frau als hormongesteuertes Wesen?
Ruhnau: Solche Gefahren gibt es auf jeden Fall. Zum Beispiel gibt es
Unternehmen, die sehr offen sind bei dem Thema und wo Menstruierende ihre
Zyklusphasen in den Outlook-Kalender eintragen können. Das bietet natürlich
viel Raum für Machtmissbrauch. Gleichzeitig ist der Vorwurf des
hormongesteuerten Wesens komisch, da wir alle hormongesteuert sind – ob wir
nun menstruieren oder nicht. Aus meiner Sicht fände ich es gut, alle
Menschen würden mehr auf ihre Körper hören. Aber die Verantwortung für den
Umgang mit unserem Zyklus kann nicht nur bei uns Frauen abgelegt werden.
taz: Was müsste sich denn strukturell verändern?
Ruhnau: Wenn wir über Körper sprechen, reden wir auch über Gesundheit und
Teilhabe. Und das System, in dem wir leben, wurde von nicht menstruierenden
Körpern aufgebaut und erfunden. Die wichtigste strukturelle Veränderung
wäre, dass Schmerzen, die im Zusammenhang mit dem Zyklus stehen, ernst
genommen werden. Von Ärzt*innen, aber auch von Arbeitgeber*innen und
auch im Familien- oder Freundeskreis. Denn Schmerzen müssen nicht zum
Frausein dazugehören.
17 Apr 2026
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