# taz.de -- Kosten der Transformation: Den Stadtwerken fehlt Kapital
> Die Energiewende erfordert Milliardeninvestitionen in Stromnetze,
> Speicher und die Wärmeversorgung. Die Stadtwerke fordern neue Wege der
> Finanzierung.
(IMG) Bild: Energiewende kostet, Stromnetz um- und ausbauen noch mehr, und für nichts davon gibt’s Geld für die Stadtwerke
Stadtwerken fehlt zunehmend das Geld für die Investitionen, die im Zuge der
Energiewende nötig werden. Aus diesem Grund erklärte der Verband kommunaler
Unternehmen (VKU), der Bund stehe „in der Verantwortung, Modelle
staatlicher Bürgschaften und Garantien zu entwickeln“. Man müsse Kommunen
ermöglichen, dass sie „ohne Beeinträchtigung ihrer eigenen
Leistungsfähigkeit Kredite aufnehmen können“, um diese an ihre Stadtwerke
weiterzuleiten.
Die Summen, um die es in den kommenden Jahren geht, sind enorm. Eine Studie
der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland im
Auftrag der bundeseigenen Förderbank KfW bezifferte jüngst die nötigen
Investitionen alleine für die Strom- und Gasverteilnetze sowie die
netzgebundene Wärmeversorgung in Deutschland bis zum Jahr 2045 insgesamt
auf 535 Milliarden Euro. Zwei Drittel davon dürften bis 2035 anfallen.
Aus eigener Finanzkraft heraus könnten die Unternehmen aber nur rund ein
Viertel dieser Investitionen stemmen, so die KfW. Weitere 10 Prozent
könnten über Zuschüsse in Form von Fördermitteln und Baukostenzuschüssen
finanziert werden. Somit bleibe eine Finanzierungslücke von 346 Milliarden
Euro. „Die klassische Kreditfinanzierung stößt dabei an ihre Grenzen“, sagt
Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW.
Noch höheren Finanzbedarf kalkulierte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
EY in ihrem Fortschrittsmonitor Energiewende von 2024 im Auftrag des
Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Nimmt man die im
Zuge der Energiewende vorgesehenen Investitionen in Übertragungsnetze, in
ein Wasserstoffnetz, in Speicher sowie in Erzeugungsanlagen noch hinzu,
komme man alleine bis 2030 sogar auf einen Kapitalbedarf von mehr als 720
Milliarden Euro und bis 2035 sogar auf mehr als 1,2 Billionen Euro.
## Erste Unternehmen wenden sich an die Politik
Das übersteigt die Finanzkraft der Branche, weshalb die Stadtwerke nach
Hilfe vom Staat rufen: „[1][Angesichts der enormen Investitionsbedarfe für
das Gelingen der Energiewende] dürfen Bund und Länder nicht länger auf die
Zuständigkeit des jeweils anderen verweisen“, sagt Ingbert Liebing,
Hauptgeschäftsführer des VKU.
Auch erste Unternehmen wenden sich bereits mit Hilfsgesuchen an die
Politik, wie zuletzt der Freiburger Energieversorger Badenova, unterstützt
von mehr als 70 seiner Eigentümerkommunen. Das Unternehmen appelliert an
die sich gerade konstituierende neue baden-württembergische
Landesregierung, sie möge eine „Erweiterung der kommunalen
Finanzierungsspielräume“ schaffen.
[2][Das Dilemma ist exemplarisch: Die Badenova hat in den vergangenen
Jahren 85 Prozent ihrer Gewinne an die kommunalen Eigentümer ausgeschüttet
und will das auch weiterhin tun.] Diese Ausschüttungen seien „für die
Kommunen essenziell“, so das Unternehmen. Aufgrund dieser „notwendigen und
konstanten Ausschüttungspolitik“ seien die bisherigen Investitionen
maßgeblich über Fremdkapital finanziert worden, „mit negativem Effekt auf
die Eigenkapitalquote“.
Deswegen stoße man mit den bestehenden Finanzierungsstrukturen „in naher
Zukunft“ an Grenzen: „Es braucht unbedingt neue Finanzierungsinstrumente.“
Der VKU indes stimmt die Städte bereits auf magere Zeiten ein: „Stadtwerke
werden künftig nicht mehr so viel von ihrem Gewinn an die Kommunen
ausschütten können.“ Die Unternehmen müssten „mehr als bisher thesaurieren“
– also Gewinne reinvestieren.
## Die wirklichen Herausforderungen für die Branche kommen erst noch
Angesichts dieser Herausforderung für alle kommunalen Versorger macht sich
auch der BDEW für neue „Eigenkapital- und Risikoübernahmeinstrumente“
stark. Gemeint seien damit „Finanzierungsbausteine, die die
Eigenkapitalbasis von Stadtwerken stärken oder projektbezogene Risiken
teilweise abfedern“. Konkret könnten das beispielsweise „Nachrangdarlehen
oder stille Beteiligungen“ sein, wenn diese „wirtschaftlich
eigenkapitalähnlich wirken“, soll heißen, es muss genug Kapital vorhanden
sein, das als Eigenkapital zählt, um das Risiko für Fremdkapital zu
mindern.
Des Weiteren könnten neben Beteiligungsmodellen mit öffentlichen oder
privaten Co-Investoren, auch „Bürgschaften und Garantien“,
„Risikoteilungsinstrumente durch Förderbanken oder öffentliche Fonds“ und
„Förderprogramme mit haftungsentlastender Wirkung“ helfen. Das bedeutet,
dass mögliche Verluste der Stadtwerke nicht direkt in die Kommunalhaushalte
durchschlagen.
Konkrete Konzepte gebe es bereits in einigen Bundesländern, erklärt die
Freiburger Badenova: In Hessen bekämen kommunale Energieversorger
Bürgschaften des Landes, in Niedersachsen könnten Kommunen Kredite
aufnehmen, die sie an ihre Energieversorger durchreichen. Ähnliche Konzepte
gebe es auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen.
All jene Finanzkonstruktionen haben eines gemeinsam: Sie müssen jeweils so
gestaltet sein, dass die Zuflüsse an Geldmitteln als Eigenkapital der
Energieversorger gewertet werden können. Die KfW geht von einer
Mindesteigenkapitalquote der Unternehmen von 25 Prozent aus, die es zu
halten gilt, denn eine solche sei „eine Grundvoraussetzung für den Zugang
zu Fremdkapital“.
Die wirklichen Herausforderungen für die Branche kommen nämlich erst noch:
Bis Mitte der 2030er Jahre steigt der Kapitalbedarf der Energiewirtschaft
nach den Schätzungen der KfW drastisch an. Deswegen fordert auch der VKU,
dass Investitionen in die Energiewende künftig „ein attraktiveres
Chance-Risiko-Profil als bisher bieten“ müssten. Indem Bund und Länder
durch Bürgschaften und Garantien die Risiken für Investoren minimieren,
könnten Projekte der Energiewende „für institutionelle Investoren, wie zum
Beispiel Pensionsfonds, attraktiver als bisher“ werden. Denn wenn es
schiefgeht, springt der Staat ein.
15 Apr 2026
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