# taz.de -- Was sollen Museen ausstellen?: Im Zweifel für den Dackel
       
       > Das Landesmuseum Kassel stellt einen Hundemantel aus und erntete
       > Empörung. Doch gerade an Objekten werden Geschichte und Gefühle sichtbar.
       
 (IMG) Bild: Kaiser Wilhelm II. mit seinem Lieblingshund Erdmann auf Mittelmeerreise
       
       In Kassel geht es ums Geld, wie gerade überall im Land. In der
       Fußballkneipe sagen die Leute, sie können sich das Autofahren nicht mehr
       leisten, aber der Zaun zum Nachbargrundstück, nee klar, das ging halt nicht
       mehr, mal eben 4.000 Euro im Baumarkt gelassen.
       
       500 Euro mehr hat der [1][Hundemantel für „Erdmann“ die Kassler
       Landesmuseen] 2020 bei einer Versteigerung gekostet. Dessen Echtheit als
       Bekleidungsstück des Kaisers Wilhelm II. Lieblingsdackel ist umstritten,
       wurde vom [2][Steuerzahlerbund] – das ist der Lobbyverein derer, die viel
       verdienen und deswegen Steuern zahlen – scharf bebellt, weil ein gefundenes
       populistisches Fressi.
       
       Bekrittelt wurde der „überteuerte Mantel“ u. a. deswegen, weil weder Fotos
       noch Schriftstücke existierten, die dokumentierten, dass Dackel Erdmann den
       ausgestellten Mantel tatsächlich getragen habe. Und das: stimmt.
       
       Am vorvergangenen Sonntag stand das hübsche Teil mit aufgenähtem
       Spitzentaschentuch und unkaiserlich maschinengesticktem Schriftzug
       „Erdmann“ zum vorerst letzten Mal im [3][Landesmuseum der nordhessischen
       Metropole:] repräsentativ in einer Apsis des stattlichen, nach Kassler
       Sitte großzügig durch Baustellen abgeschirmten Gebäudes, von dessen Turm
       man zum Herkules blicken kann, dem Kassler Wahrzeichen, das auch nicht
       gerade billig zu haben war.
       
       ## Zeitgenössisches Material
       
       Warum der Aufwand für ein Stück Stoff, warum hat Kassel zugeschlagen, als
       er in den Verkauf ging?
       
       Der Mantel könnte für den Lieblingsdackel des glücklicherweise letzten
       Deutschen Kaisers angefertigt worden sein. Und der hat etwas unterhalb des
       Herkules, im [4][UNESCO-Welterbepark Wilhelmshöhe], sogar einen Gedenkstein
       für sein Lieblingshundi setzen lassen mit der Inschrift: „Andenken an
       meinen treuen Dachshund Erdmann 1890–1901. W.II.“
       
       Der blaue, angeblich an eine Marineuniform erinnernde Mantel mit oranger
       Bordüre und wissenschaftlich gesichert aus zeitgenössischem Material
       gefertigt, ist praktisch ein UNESCO-Mantel.
       
       Er ist aber entweder [5][ein Original oder eine Fälschung] oder, was mir am
       wahrscheinlichsten erscheint, eine bürgerliche Kopie des aristokratischen
       Kleidungsstücks, das nicht ganz dessen Noblesse erreicht – aber so ist das
       ja immer mit den Kopien. Der Leiter der Kassler Sammlung nimmt’s eh
       gelassen. „Wenn es nicht wahr ist mit Erdmann“, sagt er im
       ausstellungsbegleitenden Video, „dann ist sie zumindest gut erfunden, die
       Dackelgeschichte“.
       
       Schreiben im Wandel der Zeit 
       
       Und damit dackeln wir bei diesem Besuch einen Stock höher im Landesmuseum,
       zur zweiten bezaubernden und noch andauernden Kabinettausstellung, dahin,
       wo beziehungsweise womit Geschichten geschrieben werden: [6][„Mit spitzer
       Feder: Schreibzeug und Schreiben im Wandel der Zeit“.]
       
       Ein paar Vitrinen nur. Aber wie die knapp drei Dutzend kunstvoll
       gestalteten Tintenfässer und Streusandbüchsen zeigen, wer wie warum
       geschrieben hat. Das ist schon sehr schön und informativ anzusehen.
       
       Zuerst schreiben hier die Mönche. Und das Schreibzeug, also das meist
       kastenförmige, aus glasierter Keramik bestehende Behältnis zur Aufbewahrung
       der Werkzeuge für das Schreiben, ist bei ihnen mit den schreibenden
       Kirchenvätern geschmückt.
       
       Der schreibende Adel hingegen platziert zwischen die runden Einsätze für
       Tinte und den abschließend zum Trocknen verstreuten Sand natürlich eine
       herrschaftliche Allmacht symbolisierenden Löwen. Am schönsten ist aber das
       tiefgrüne kaufmännische Schreibset mit dem antiken Windgott Aiolus, der die
       Schiffe der wagemutigen Händler übers Meer treibt, um fremde Menschen und
       Länder auszubeuten.
       
       ## Galläpfel, vermischt mit Eisensulfat
       
       Hier wird die Macht des Geschrieben greifbar; und wie haptisch, wie
       materiell die Sache ist, wird klar, wenn es zu Papier, Tinte und Federkiel
       weitergeht. Aus Leinenlumpen geschöpft das Erste, aus Galläpfeln vermischt
       mit Eisensulfat die Zweite, mit dem Federmesser angespitzt der Dritte.
       
       Ein Video zeigt Kalligrafie, Faltung und Wachsversieglung der Post, die
       eine eben solche dann halt auch an die Frau bringen muss. Die schreibt nun
       auch und öfter, in der sich bildenden bürgerlichen Öffentlichkeit. Gern ist
       ihr Schreibzeug herzförmig gestaltet und auch mal in Form eines
       Bügeleisens, als Teil der Mitgift, die die Rechtskräftigkeit einer Heirat
       bestätigen sollte.
       
       Die Zustellung der Post übernahm hierzulande das damals noch solide
       [7][Haus Thurn und Taxis,] sehr hübsch ist ein taschenbuchartiger
       Postalmanach mit tabellarischen Verzeichnissen der Reiseziele und Dauer.
       
       Und dann wird’s heimelig, biedermeierlich. Eine Schreibzeugbedeckung aus
       dem beginnenden 19. Jahrhundert zeigt die älteren Kindlein um das Baby in
       der Wiege gruppiert. Das nach außen gerichtete Schreiben wird sozusagen in
       seiner Wichtigkeit gedeckelt durch den Bezug auf das Innenleben, die
       Familie.
       
       ## Hund und Wal
       
       Womit wir wieder beim Dackel Erdmann sind: Dass von Erwachsenen benutzte,
       beziehungsweise in Auftrag gegebene Objekte Kinder darstellen und ein
       Haustier wärmen, sagt etwas aus über menschliche Beziehungen und
       Empfindsamkeiten.
       
       Dass solche Verhältnisse nie so bleiben müssen, wie sie sind, und welche
       Abgründe sich mit ihnen auftun, erfahren wir täglich: Ob die gerade
       entlassene Trump-Ministerin [8][Kristi Noem] ihren nicht nach Wunsch
       konditionierbaren Jagdhund erschießt oder ob Menschen [9][einen
       gestrandeten Wal durch verzweifelte Walgesänge zum Aufbruch drängen
       wollen].
       
       Diesen Wandel der menschlichen Gefühle anhand von Objekten zu dokumentieren
       und zu präsentieren, dafür sind Museen da. Das Geld für den Mantel eines
       auch unbekannten Dackels ist da genauso gut angelegt wie das für die
       Ausstellung über Schreibzeug. Die läuft noch bis zum 3. Mai.
       
       Erdmann kuschelt, nach Auskunft von Hessen Kassel Heritage, erst mal im
       Depot, ausleihfähig. Vielleicht sehen wir ihn ja schon ab 31. Oktober in
       der Bremer Kunsthalle wieder. Da eröffnet die Ausstellung [10][„Der Dackel.
       Eine Ikone geht Gassi“.]
       
       15 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.heritage-kassel.de/besuch/ausstellungen/erdmann-oder-fakeman-
 (DIR) [2] /Behoerden-sollen-Gemeinnuetzigkeit-pruefen/!5979087
 (DIR) [3] https://www.heritage-kassel.de/standorte/hessisches-landesmuseum
 (DIR) [4] https://www.heritage-kassel.de/standorte/bergpark-wilhelmshoehe
 (DIR) [5] https://www.hessenschau.de/kultur/erdmann-oder-fakeman-ein-dackelmantel-auf-dem-pruefstand,erdmann-fakeman-102.html
 (DIR) [6] https://www.heritage-kassel.de/besuch/ausstellungen/mit-spitzer-feder-schreibzeug-und-schreiben-im-wandel-der-zeit
 (DIR) [7] /Vicky-Leandros-schmeisst-Weidel-raus/!6098933
 (DIR) [8] /US-Wahl-2024/!6006165
 (DIR) [9] https://de.euronews.com/2026/04/12/wal-timmy-ostsee-gesang-obduktion
 (DIR) [10] https://www.kunsthalle-bremen.de/de/view/exhibitions/exb-page/der-dackel
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Museum
 (DIR) Schreiben
 (DIR) Kassel
 (DIR) Hund
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Kolumne Geraschel
 (DIR) Hund
 (DIR) Museen
 (DIR) Unbekanntes Hessen
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Gespräch mit Wal Timmy: „Ich wurde von allen Seiten angebaggert“
       
       Was will er, der Wal in der Ostsee? Will er Ruhe auf der Sandbank oder
       Freiheit? Exklusive Antworten eines Tieres, das unter die Menschen geriet.
       
 (DIR) US-Wahl 2024: America in a Hundehütte
       
       Die Republikanerin Kristi Noem brüstet sich mit der Tötung ihrer Hündin.
       Und hält Joe Biden für einen Waschlappen.
       
 (DIR) Verantwortung von Museen: Kunst ohne Kontext
       
       Museen müssen die Geschichte ihrer Sammlungen erforschen. Denn vieles wurde
       geraubt, mitgenommen, unredlich erworben.
       
 (DIR) Serie Unbekanntes Hessen: Weltgeist südlich, Schönheit nördlich
       
       Hessen ist, wie Bayern auch, geteilt in einen reichen Süden und einen
       ärmeren Norden. Zwei Liebhaber über die Unterschiede.