# taz.de -- Neue Hilfsmittel für blinde Menschen: Zwischen Vision und Realität
> Hightech soll Blinden das Leben erleichtern. Ein Selbstversuch zeigt, wie
> Technik blinden Menschen mehr Unabhängigkeit bringt – und wo Grenzen
> liegen.
(IMG) Bild: Der Visor dient Blinden im 24. Jahrhundert als Hilfsmittel. Hier trägt ihn „Star Trek“- Chefingenieur Geordi La Forge
Geordi La Forge in „Star Trek“ lebt es vor: Er ist von Geburt an blind,
aber durch seinen Visor alles andere als eingeschränkt. Technik hilft
Blinden? Ja, auch wenn wir heute noch davon entfernt sind, mittels
futuristischer Skibrille elektromagnetische Strahlung oder technische
Anomalien zu erkennen, kann man getrost festhalten, dass die technischen
Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte blinden Menschen wie mir
zahllose Möglichkeiten geboten haben, unabhängiger zu leben.
Die sprechende Küchenwaage hilft beim Backen, das Farberkennungsgerät bei
der Wahl der passenden Kleidung und Sprachausgabe und Braillezeile am PC
oder Smartphone erschließen nicht nur die Welten des Internets, sondern
ganze zuvor unzugängliche Berufsfelder.
Ausprobieren lassen sich zukunftsträchtige Technologien für Blinde in
Berlin alljährlich bei der Hilfsmittelausstellung des Allgemeinen Blinden-
und Sehbehindertenvereins. Zeit für mich, einen Praxischeck vorzunehmen.
Die Firma Reinecker Vision leiht mir ein paar Highlights der Ausstellung
aus, damit ich sie mit in den Alltag nehmen kann.
## Der Blindenstock 2.0
Zuerst teste ich den „Smartcane Wewalk“. Was aussieht wie ein
handelsüblicher Langstock, kann sehr viel mehr, als über den Boden zu
pendeln. Der Hersteller verspricht umfangreiche Navigation und die
elektronische Erkennung von Hindernissen im Brust- und Kopfbereich. Ich
verbinde den WeWalk per Bluetooth mit meinem Smartphone und erhalte auf
Knopfdruck am Stockgriff alle relevanten Informationen rund um die
Wegplanung. Die zugehörige App ist leicht bedienbar. Es kann also losgehen!
Mein Ziel ist die nächste [1][Apotheke]. Links abbiegen in die Jagowstraße
verkündet die Lautsprecherstimme des Stocks. Ich folge den Anweisungen und
stehe kurz darauf vor der Apotheke. Diese Navigation hätte auch mein
Smartphone geleistet. Aber es ist schon sehr praktisch, dass das Smartphone
in der Tasche bleiben kann, weil die Bedienung über den Stockgriff erfolgt.
Ich habe also immer eine Hand frei, um den Griff der Eingangstür zu drücken
oder die Einkaufstasche zu tragen.
Nächste Herausforderung: Ich frage die App, wie ich von dieser Apotheke
mitten im Westberliner Stadtteil Moabit zu meinem Büro an der
[2][Jannowitzbrücke] im östlichen Teil von Mitte komme. Die Stimme im Stock
bietet mir verschiedene ÖPNV-Verbindungen an, und, wenn ich eine Verbindung
ausgewählt habe, gleich die Fußgängernavigation zum S-Bahnhof oder vom
S-Bahnhof zum Büro. Sehr kompakt alles in einem Stock, denn auf meinem
Smartphone würde ich für das gleiche Ergebnis zwei verschiedene Apps öffnen
müssen. Dank integriertem KI-Assistenten kann ich auch ganz unkompliziert
Informationen über die besten Cafés oder Sehenswürdigkeiten in der Nähe
bekommen und mich direkt dorthin navigieren lassen.
Als zukunftsträchtiges Feature bietet der WeWalk eine
Ultraschall-Hinderniserkennung im Brust- und Kopfbereich an. Das verspricht
eine Revolution in der Stocknutzung, denn Hindernisse oberhalb der Taille –
Schilder, Markisen, Äste – können mit einem herkömmlichen Langstock nicht
erkannt werden. Vor diesen unfallträchtigen Gegnern warnt der Stock auf
Wunsch schon aus der Entfernung. Wahlweise vibriert oder piept er dann wie
eine Einparkhilfe.
Allerdings, so stelle ich fest, kann er das umso zuverlässiger, je
aufrechter ich ihn vor meinen Körper halte. Das aber entspricht nicht der
eher flachen Pendelbewegung mit einem herkömmlichen Langstock. Der WeWalk
ist außerdem schwerer als ein normaler Langstock. Wahrscheinlich hätte ich
bei fleißigem Pendeln nach spätestens einem Tag eine
Sehnenscheidenentzündung. Tolle Idee, aber technisch noch ausbaufähig.
## Der Navi-Gürtel
Immer der Vibration nach lautet die Devise des
„FeelSpace“-Navigationsgürtels. Sechzehn Vibrationsmodule in einem acht
Zentimeter breiten Nierengurt geben die Richtung an – oder eben die
Routenabweichung. Ich gebe die Adresse meiner Freundin in die zugehörige
App auf dem Smartphone ein.
Vibration zentral vor dem Bauch und ich bin auf Kurs. Vibration links am
Gürtel – ich biege links ab. Der Vorteil gegenüber handelsüblicher
Navigation: Eine Hand und die Ohren können frei bleiben. Den Langstock
brauche ich natürlich trotzdem für die Hinderniserkennung.
Besonders begeistert mich der Luftlinienmodus, mit dem ich auf geradem Wege
große Plätze oder unübersichtliche Kreuzungen überqueren kann. Spektakulär
für Blinde, denn ohne Sicht ist Geradeauslaufen so ziemlich unmöglich.
Ist das ständige Vibrieren rund um die Taille nicht nervig? Obwohl ich das
im Vorhinein gemutmaßt habe, bin ich sehr schnell daran gewöhnt und kann
intuitiv darauf reagieren. Eine echte Navigationsunterstützung neben Stock
und Führhund ist der Gürtel – vor allem, aber nicht nur – für taubblinde
Menschen.
## Die elektronische Brille
Große Hoffnungen ruhten auf den neuen elektronischen Brillen für Blinde. In
der Hilfsmittel-Ausstellung werden die OrCam-Brille und die Envision
Glasses angeboten. Ich nehme die OrCam mit nach Hause.
Bei der OrCam wird ein kleines Kameramodul an ein herkömmliches
Brillengestell geklippt. Auf Knopfdruck am Gerät oder einfach per
Fingerzeig wird ein Foto ausgelöst, das dann je nach Wunsch ausgewertet
wird. Text vorlesen, Farben, Geldscheine oder Barcodes erkennen – das ist
nur ein Teil des Funktionsumfangs, den der Hersteller verspricht. Also
OrCam auf die Nase und ab zu meinem Lieblings-Italiener.
Ich zeige mit dem Finger auf die Speisekarte. Ein Blitz und
Auslösergeräusch später trägt die OrCam mir die Pizzen vor: „Pizza
Margherita 12,90“. Euro muss ich im Geiste ergänzen, aber ansonsten hat es
– trotz Spaltenanordnung des Textes – wunderbar funktioniert. Zeige ich
jetzt auf die Tischdecke, erfahre ich, dass sie weiß ist und auch beim
Bezahlen bekomme ich umgehend Auskunft über den Schein in meiner Hand.
Für mich ist der Knopfdruck am Gerät deutlich einfacher als die Gesten, auf
die die Kamera reagiert. Die muss ich wohl noch ein bisschen üben – und
generell ist es ja schwierig, als blinder Mensch zielsicher auf das zu
zeigen, was man analysiert haben möchte.
Doch die OrCam lässt auch mit sich reden: Auf „Hey, OrCam, was ist vor
mir?“ berichtet das Gerät ein bisschen einsilbig: „Ein Stuhl. Ein Tisch“.
Über diese einfache Objekterkennung hinaus kann die OrCam keine richtige
Bild- oder Szenenbeschreibung. Doch auf dem Gebiet der Textverarbeitung
überzeugt die mitgelieferte KI: Wenn ich die OrCam um „intelligentes Lesen“
bitte, sucht sie mir auf Wunsch die Telefonnummer aus dem Flyertext heraus
oder den zu zahlenden Betrag aus meiner Rechnung. Ans WLAN angeschlossen,
kann sie mir sogar ganze Dokumente zusammenfassen.
Hier im Restaurant habe ich noch einen letzten Versuch auf der Agenda. Auch
Personen kann die OrCam wiedererkennen. Das Gesicht meiner Tochter habe ich
schon zu Hause eingespeichert. Jetzt tönt zum wiederholten Mal ihr Name in
mein Ohr, sobald sie vor mir auftaucht. Toll, aber auch ein bisschen
nervig, wenn man ständig über die Anwesenheit der Begleitung informiert
wird …
## Es geht um Alltagstauglichkeit
Also Hilfsmittel besorgen und ab in die Zukunft? Ich mahne zur Vorsicht:
Ich navigiere jetzt schon – recht passabel – mit meinem Smartphone und
integriertem VoiceOver. Meine Briefe liest mir die kostenlose App SeeingAI
vor, die vom Funktionsumfang dem der Brille auch sonst sehr nahe kommt.
Allerdings ist es mit der alleskönnenden Brille auf der Nase beim Wühlen im
Tiefkühlfach oder bei der Gesichtserkennung deutlich komfortabler als mit
dem Smartphone allzeit in der Hand.
Doch auch dafür gibt es mittlerweile eine Lösung auf dem Markt: Smarte
Brillen wie die Meta Glasses taugen auch als Blindenhilfsmittel, gerade
auch, was KI-gestützte Funktionen wie Umgebungsbeschreibungen angeht.
Telefonieren und Hörbuchhören gibt’s hier gratis dazu.
Hinzu kommt, dass die Produkte im freien Handel sehr viel günstiger sind
als die offiziellen Hilfsmittel. Der Blindenstock liegt bei ungefähr 850
Euro. Der Navigationsgürtel bei rund 2.300 Euro. Die Brille kostet bis zu
4.800 Euro. Die blinden Endnutzenden müssen die hohen Preise jedoch nicht
fürchten, da anerkannte Hilfsmittel in aller Regel auch als solche von den
Krankenkassen finanziert werden.
Die für mich wichtigste Überlegung bei der Anschaffung des einen oder
anderen Hilfsmittels gilt der Alltagstauglichkeit. Zu große oder schwere
zusätzliche Geräte, zu kurze Akkulaufzeiten oder bedienunfreundliche Apps
können die Freude am technisch Möglichen schnell schmälern. Am Ende geht es
um reibungslose, intuitive Alltagsbewältigung. Und die sieht für jeden
blinden Menschen ein bisschen anders aus.
Fest steht, dass dabei die bereits existierenden analogen Hilfssysteme
mindestens genauso wichtig sind wie technische Neuerungen. Leitsysteme an
Bahnsteigen und Ampeln oder Punktschriftmarkierungen an Fahrstühlen sind
auch in der Zukunft unverzichtbar und müssen ausgebaut werden, um die
Mobilität von Blinden in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Den guten alten
Stock und den aufmerksamen Führhund wird die Technik jedenfalls nicht so
schnell ersetzen können. Ob ich es zusätzlich aber doch mal mit einer
Brille versuche? Vielleicht. [3][Geordi], ich komme!
6 May 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Hannah Reuter
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