# taz.de -- Kunst am Straßenrand: Blicke durchs Pappmaché
       
       > Die Berliner Allee in Berlin-Weißensee ist kein Ort für Ästheten – bis
       > ein filigraner rosa Rüssel und zwei wachsame Augen die Tristesse
       > durchbrechen.
       
       Die Berliner Allee ist an ihrem oberen Ende nicht schön. Da sind wir uns
       sicher einig. Dass da auch der See ist, geschenkt.
       
       Ich laufe an einem Nagelstudio vorbei und einem Indoor-Flohmarkt. Eine
       Straßenbahn quietscht vorbei, während Fahrradfahrer*innen das Fürchten
       lernen, weil sie immer noch keinen eigenen Fahrstreifen kriegen.
       
       Da ist auch eine Apotheke, ein Ärztehaus und gleich auch ein Café, vor dem
       ich von weitem ein Kind sitzen sehe. Es hat seinen Kopf schwer auf einen
       Tisch gelegt und rührt sich nicht. Seine Arme hat es auf den Knien liegen,
       also unter dem Tisch. Es sieht aus wie die resignierte Aussage „Könnte
       besser, aber muss ja“ in Person. Das Kind wirkt furchtbar blass. Auch seine
       Nase macht mir Sorgen. Erst ein paar Schritte später erkenne ich, was da
       los ist.
       
       Das Kind, sehe ich dann, ist Künstler*in. Es trägt kein kränkliches
       Gesicht, sondern einen Schweinekopf, ein Meisterwerk!
       
       Das ist kein billiges Plastikding vom Kostümshop. Es handelt sich viel eher
       um ein filigranes Bastelobjekt. Die feinen Schichten aus Pappmaché sind
       sorgfältig geschliffen und rosa lasiert.
       
       Jede Falte des Rüssels zeugt von stundenlanger Arbeit, vielleicht im
       Kunstunterricht. Das Kind sollte stolz auf sich sein! Stattdessen hängt es
       hier durch.
       
       Hatte es auf feuriges Lob gehofft, als es seine Maske dem abholenden
       Elternteil präsentierte?
       
       Gab es stattdessen nur ein müdes Nicken nach harter Arbeit, ein „Leg weg
       das Ding, wir müssen“? Und nun laufe auch ich noch mit verwirrtem Blick
       vorbei. Das hat das Kind nicht verdient, denke ich. Aber dann erkenne ich,
       dass mich aus den schmalen Sehschlitzen des unbeweglichen Schweinekopfes
       zwei lebhafte, grün schimmernde Augen fixieren. Sie verfolgen jeden meiner
       Schritte genau. Dieser Kontrast lässt mich laut auflachen. Ich hoffe
       inständig, der Elternteil bringt einen wohlverdienten Kakao mit nach
       draußen. Ich gehe weiter. Das Kind bewegt sich keinen Millimeter. Nur die
       Augen huschen.
       
       15 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Esterluss
       
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