# taz.de -- Die Wahrheit: Brummis für Deutschland
> Die Bundesregierung setzt bei der durch die Weltlage gefährdeten
> Versorgungssicherheit auf ein Trucker-Bataillon von Senioren.
Die Kühlkette, das hat Walter Wenzel als Erstes gelernt, ist das
Wichtigste. Sie darf niemals unterbrochen werden, nicht bei Hitze, Stau
oder beidem. Der 72-jährige Dortmunder sitzt am Steuer seines
30-Tonnen-Lkws. Heute spielt die Kühlung keine Rolle, seine Fracht besteht
aus Konserven. „Zum Glück nicht wieder Kohlköpfe, ich kann Gemüse nicht
leiden, mit was Grünem braucht man mir nicht zu kommen.“
Es ist sechs Uhr am Morgen, Wenzel trinkt Kaffee aus der Thermoskanne, früh
aufstehen macht ihm nichts aus. Eigentlich ist der ehemalige
Einbauküchenverkäufer längst in Rente, doch das neue Leben bekam ihm nicht,
jeden Tag Falschparker und Sperrmüllsünder anzeigen, das sei keine
Erfüllung.
„Meine Frau, die Petra, hat gesagt, wenn ich nicht bald den faltigen
Hintern hochkriege, wird sie mich eigenhändig beim Wertstoffhof entsorgen.“
Wenzel legt die Wurststulle aufs Armaturenbrett und klopft sich stolz auf
die Brust, dorthin, wo er sein Herz vermutet. „Jetzt bin ich Lkw-Fahrer im
Dienst der Bundesregierung.“ Verkehrsminister Patrick Schnieder habe ihm
sogar persönlich zur bestandenen Führerscheinprüfung Klasse CE eine
Glückwunschkarte geschickt, „auch wenn die Unterschrift nicht ganz original
aussah“.
Wenzel ist Teil des liebevoll „Brummi-Bataillon“ genannten Kontingents aus
30.000 deutschen Lkw-Fahrern, das die große Koalition sukzessive aufbauen
will. „Fast zwei Drittel der Fahrer im Fernverkehr kommen aus Litauen,
Polen oder Rumänien“, erläutert CDU-Minister Schnieder wenige Tage später
in der Bundespressekonferenz in Berlin und verzieht das Gesicht. „Das sind
Staaten, die bei einer Eskalation an der Nato-Ostflanke natürlich sofort
ihre Wehrpflichtigen zurückrufen würden – und dann? Bleiben von Kiel bis
Konstanz die Supermarktregale leer.“ Mit der Initiative „Bock aufn Bock –
Umsatteln für Deutschland“ beuge man diesem Schreckensszenario vor und
werde zugleich den Anforderungen des demografischen Wandels gerecht.
## Rentner mit Panzerfaust
„Bis Sie einen Rentner an der Panzerfaust fit gemacht haben, ist der schon
50-mal mit 40 Tonnen Frischfleisch von Ulm nach Flensburg und zurück
gebrettert“, sagt ebenso in der Bundespressekonferenz Verteidigungsminister
Boris Pistorius. „In deutschen Wohnzimmern schlummert ein Potenzial auf der
Couchlandschaft, das wir nur zu heben brauchen.“ Der SPD-Politiker
schmunzelt. „Es geht aber nicht um eine Truckerpflicht. Natürlich kommen
nur die infrage, die noch allein vom Sofa hochkommen.“
Solche wie Walter Wenzel. Anfang des Jahres war er sogar acht Wochen lang
auf Achse, in Frankreich, Spanien, Dänemark. „Nur kurz daheim zum
Klamottenwechseln und dann wieder los.“ Wenzel strahlt. „Das ist wie
Fronturlaub. Tut auch der Ehe gut.“ Seine Frau habe ein Schild übers Bett
gehängt: „Keine Wendemöglichkeit.“ Der Ex-Rentner lacht dröhnend. „Aber die
Petra tut auch was fürs Land, sie macht jetzt an der Volkshochschule den
Kurs,Gefechtstraining für Quereinsteiger' und hat sich als Reservistin bei
der Bundeswehr gemeldet, sie ist ja erst 69.“ Wenzel dreht das Radio auf,
die Stones schallen durch die Fahrerkabine, er schlägt im Takt aufs
Lenkrad. Ihn erfülle „ein völlig neues Lebensgefühl“: „Sex, Trucks und Rock
’n’ Roll, Schnieder sei Dank.“
An der Fahrertür seines Lkws klebt ein Spruch: „Bist du genervt von den
Lastern auf der Autobahn? Dann geh halt nicht mehr einkaufen!“ Wenzel tippt
sich an die Stirn. „Denk mal drüber nach.“ Dann setzt er zu einem
Überholmanöver an und zwingt einen SUV auf der linken Spur zur
Vollbremsung. Wenzel lacht aus dem Seitenfenster. „Hoppla!“
Die Führerscheinprüfung – finanziert vom Bundesverkehrsministerium – sei
„ein Klacks“ gewesen, „der Heinz von nebenan hat privat mit mir geübt, der
besitzt ein Riesenwohnmobil, ist praktisch dasselbe“. Bei der Theorie sei
er bloß zweimal hingegangen, „das hat keinen gejuckt, und beim Medizincheck
war der Arzt wohl schwerhörig“. Wenzel raucht täglich zwei Päckchen ohne
Filter, „dem hab ich was gehustet“.
## Abschrecken mit Alten
Und bei der praktischen Prüfung? „Da bin ich dann beinahe in ein Stauende
gerauscht“. Aber der Prüfer habe beide Augen zugedrückt. „Ich bin ganz cool
auf den Standstreifen ausgewichen. Gut, der Anhänger hat ein bisschen
gewackelt. Da hat die Lebendfracht aber gequiekt!“ Minister Pistorius lobt
in Berlin derweil die neue Truckertruppe: „Genau solche Leute brauchen wir!
Auch auf der A5 müssen wir abschrecken können, um verteidigungsfähig zu
sein.“
Walter Wenzel ist deshalb seit Kurzem mit einer besonderen Aufgabe betraut:
Er fährt Lebensmittel zu den Lagern mit staatlichen Notreserven. Die
bundesweit 150 Standorte sind zum Schutz vor Plünderungen geheim, „ich
musste sogar so ein Verschwiegenheitsdings unterschreiben“, erzählt er,
„aber darüber darf ich eigentlich auch schon nicht reden“, sonst drohe
womöglich der Ernstfall.
Der müsse ja nicht gleich Krieg sein, erklärt am Telefon Oberst Achim
Hambach, bei der Bundeswehr zuständig für zivil-militärische
Zusammenarbeit. „Unsere Lieferketten sind anfällig, da genügt ein
Stromausfall, und Sie können Ihre Bofrost-Vorräte vergessen, das weiß
natürlich auch der Feind.“ Man müsse die „Versorgungsrealität anpassen“ und
der Bevölkerung eine „umfassende Büchsenration“ zur Verfügung stellen, wie
Ernährungsminister Alois Rainer vorgeschlagen habe.
Die ist sogar schon eingetütet: Bei der Tagung „What The Food“ in Berlin
hatte der CSU-Politiker vor wenigen Tagen verkündet, man habe einen der
führenden Hersteller für eine Kooperation gewinnen können, auch dank der
guten Kontakte seiner Amtsvorvorgängerin und Unionskollegin Julia Klöckner.
Rainer hatte dezent auf das Logo des Hauptsponsors gedeutet. In der ersten
Sitzreihe lächelte milde ein Nestlé-Geschäftsführer, der lieber ungenannt
bleiben wollte: „Es heißt ja nicht umsonst,stille Reserve'.“
Bei Walter Wenzel ist es jetzt Zeit für die Mittagspause. Er parkt auf dem
Brummiparkplatz der Autobahnraststätte Weil am Rhein, öffnet die Ladeklappe
und sucht sich von den Paletten eine Dose aus. „Ravioli Bolognese –
schmeckt auch kalt.“ Wenzel schiebt sich gleich drei Nudeln auf einmal in
den Mund, kaut genüsslich. „Der Russe kann kommen.“
24 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Tanja Kokoska
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