# taz.de -- Die Wahrheit: Geboren in Schwarzrotglanzfolie
> Brauner Geschmack von gestern: Nacípan ist die neue Trend-Süßigkeit aus
> Argentinien.
(IMG) Bild: Auch durch etliche Farbschichten dringt der muffige Eichelgeruch der Rohmasse
Seit drei Stunden steht die 24-jährige Jessica an diesem sehr frühen
Frühlingsmorgen vor einem Geschäft in der Erfurter Innenstadt. Sie hat
heißen Pfefferminztee in der Thermoskanne dabei und muss eigentlich mal auf
die Toilette. „Egal“, sagt Jessica und kneift die Beine zusammen, „das ist
die Sache wert.“
Die Schlange der Wartenden hinter ihr wird immer länger, mittlerweile misst
sie mehrere hundert Meter. Noch zwei weitere Stunden müssen sie
durchhalten, dann öffnet die „Sweet Boutique“ endlich ihre Pforten, und
Jessica wird zu den Glücklichen gehören, die eine der exklusiven, auf 1.000
Stück limitierten Süßigkeiten ergattern.
Nacípan heißt der neue Trend, der kurz vor Ostern die deutschen
Naschwarenregale erobert. Dem bekannten Marzipan nicht unähnlich, besteht
es jedoch nicht aus Mandeln, sondern aus „deutschen Eicheln gesicherter
Herkunft“, Zucker und einer geheimen Zutat. 19,99 Euro werden für ein
gerade mal 100 Gramm leichtes Nacípan-Brot in brauner Glanzfolie verlangt.
Ist das nicht Wucher? „Egal“, sagt Jessica, „ich kann’s mir leisten, hab
'ne Extraschicht an der Aldi-Kasse geschoben.“ Auch die anderen Wartenden
lassen sich von den hohen Preisen für Nacípan-Osterhasen, -Ostereier und
-Osterpralinés nicht abschrecken. Im Gegenteil. „Der Preis gehört zum
Hype“, sagt „Sweet Boutique“-Inhaber Bernd Kasulke. „Wenn irgendwas viral
geht, geht es auch bald oral. Da ist den Leuten völlig wumpe, was das
kostet.“
Das originale Nacípan stammt aus Argentinien und wurde kreiert von der
Unternehmerin Renata Wichmann, einer Enkelin deutscher Einwanderer in
Buenos Aires. Ihr gehört die Firma „Patriota Dulce“, die Süßwaren
herstellt. Auf ihrem Social-Media-Account berichtete Wichmann ihren
Millionen Followern von Heißhungerattacken während ihrer Schwangerschaft,
die durch nichts zu stillen gewesen seien. Sie habe Lust auf etwas
vollkommen Neues verspürt. Und da sei ihr die Idee gekommen: Gerade in den
Kriegsjahren und in der Zeit danach sei es in Deutschland üblich gewesen,
mit allem Möglichen zu kochen oder zu backen, das habe ihr die Oma erzählt.
„Es gab ja nichts, niente, da musste man erfinderisch sein.“ Ihre
Großmutter habe im Wald Eicheln gesammelt – „die deutschesten aller Nüsse“
– und daraus Brot hergestellt oder gemahlene Eicheln als Kaffeeersatz
genutzt.
Renata Wichmann ließ Eicheln aus Deutschland importieren und
experimentierte, bis sie schließlich den ersten Prototyp des Nacípan in den
Händen hielt – am Tag nach der Geburt ihrer Tochter. Daher auch der Name:
„Nací“ bedeutet im Spanischen „Ich wurde geboren“, und „pan“ heißt „Brot“.
Mit dem Slogan „Patriotisch. Aromatisch. Gut.“ und schwärmerischen
Tiktok-Videos von Food-Influencern begann die Eroberung des argentinischen,
des lateinamerikanischen und nun auch des deutschen und europäischen
Marktes.
Der süße Plan geht auf. Sogar in Mexiko hat Nacípan längst einem Klassiker
der Konditoreikunst den Rang abgelaufen: Mazapán, das aus gerösteten und
gemahlenen Erdnüssen besteht, ist bloß noch ein Ladenhüter. Renata Wichmann
hat in ganz Argentinien riesige Plantagen aufgekauft, auf denen bislang
Soja angebaut wird, um darauf deutsche Eichen zu setzen. Ein Video von
Staatschef Javier Milei, ein Fan von Wichmanns Erfindung, der Sojapflanzen
mit der Kettensäge abholzt, wurde millionenfach geteilt.
Von dem Herstellungsprozess verrät sie nur so viel: „Erst müssen die
Eicheln zwei Tage lang trocknen. Dann werden die Schalen geknackt, die
Kerne und die Samenhäute entfernt. Anschließend müssen die Eicheln
zerkleinert und mehrere Tage gewässert werden, um die Gerbstoffe zu lösen,
das erkennt man an der typischen braunen Verfärbung.“ Erst danach können
die Nussfrüchte weiterverarbeitet werden.
In Deutschland nehmen führende Hersteller den Trend auf: Lindt hat den
Nacípan-Schwarzrotgoldhasen im Programm, Sarotti die
„Zauber“-Nacípankugeln, es gibt Niederegger Nacípan, Zentis
Nacípan-Kartoffeln und Ferrero Nacípan-Küsschen. Die Verbraucherzentralen
weisen aber darauf hin, dass das echte Nacípan weiterhin nur von „Patriota
Dulce“ in Buenos Aires verkauft wird, das Unternehmen hat einen
Online-Lieferdienst eingerichtet.
Renata Wichmann betrachtet ihre Erfindung als „Brücke zwischen damals und
heute“. Sie sieht sich jedoch zu Unrecht „in die rechte Nussecke“ gestellt,
wenn manch Prominenter eher zweifelhaften Rufs ihre Süßware preist: Andreas
Gabalier hat einen seiner größten Hits neu aufgenommen: „Wo′s is denn
Nazipan, sog mir, wo kummt des her, wie schreibt ma Nazipan, was is des
bitte sehr, I glaub nur Nazipan is ned ganz jugendfrei, du sogst nur, was
is schon dabei?“
Xavier Naidoo erhofft sich mit dem Song „Ich kenne nichts, das so schmeckt
wie du“ einen Charterfolg. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder
postet #söderisst-Selfies, wie er in Nacípan beißt, und schreibt dazu:
„Brotzeit!“ Und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner zeigt sich als
Vorkosterin bei Nestlé für das neue Produkt „KitKat Nacípan“,
Bildunterschrift: „Für süße Kätzchen.“
Jessica tritt von einem Bein aufs andere, sie braucht nun wirklich dringend
ein Klo. Trotzdem ist sie überglücklich – gleich zwei Nacípan-Osterhasen
konnte sie ergattern. Einen will sie bei Ebay verkaufen, „da werden Preise
bis zu 250 Euro bezahlt“, dem zweiten beißt sie sofort die Ohren ab. Wie
schmeckt es? „Irgendwie nach gestern“, sagt Jessica, spült mit einem
Schluck Pfefferminztee nach und darf sich nun endlich erleichtern.
2 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Tanja Kokoska
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