# taz.de -- Schweden investiert in AKW: Atomkraft um jeden Preis
> Die liberal-konservative Regierung sieht Schweden künftig als
> „Atomkraftparadies“. Sie tut nun einiges dafür, um diese Vision
> umzusetzen.
(IMG) Bild: Schwedens Klima- und Umweltministerin Romina Pourmokhtari
Atomkraft-Paradies Schweden: Das ist die Vision der Regierung in Stockholm,
und sie gibt wirklich einiges für deren Umsetzung. Um ihre Begeisterung für
neue Kernenergie auf die dafür nötigen Investoren überspringen zu lassen,
verspricht der Staat günstige Kredite, schnellere Genehmigungsverfahren und
garantierte Mindesteinnahmen.
Die Kosten des 2024 vorgestellten und in Schweden vielfach kritisierten
Pakets wurden auf etwa 300 Milliarden Kronen (umgerechnet rund 27
Milliarden Euro) beziffert. Dafür sollen laut den Plänen AKW-Neubauten mit
einer Leistung von insgesamt 5.000 Megawatt entstehen.
Im vergangenen Dezember machte die Regierung mit ihrem Angebot einen ersten
Fang: Das Unternehmen Videberg Kraft beantragte die staatliche Förderung,
um am bestehenden Standort Ringhals mehrere neue Reaktoren zu bauen. Hier
geht es um „Small Modular Reactors“ (SMR), sogenannte Mini-AKW, und je nach
Modell sollen bis 2035 drei oder fünf davon entstehen, mit einer
Gesamtleistung von 1.500 Megawatt.
Videberg Kraft gehört zu 80 Prozent Vattenfall, dem staatseigenen
Energiekonzern. Aber die indirekte Beteiligung war offenbar noch nicht
genug: Am Freitag erklärte die Regierung, dass der Staat als Haupteigner
direkt bei Videberg Kraft einsteigen wolle.
## Der Staat will eine größere Rolle einnehmen
Die geplanten Kosten für 60 Prozent der Aktien sowie einen Kapitalzuschuss
sollen bei 1,8 Milliarden Kronen (umgerechnet rund 170 Millionen Euro)
liegen. Vattenfall soll 20 Prozent Anteile behalten; die direkte und
indirekte staatliche Beteiligung zusammengenommen würde also dann bei 80
Prozent liegen. Der Rest gehört einem Industrie-Konsortium, an dem unter
anderem Volvo beteiligt ist.
Eine staatliche Beteiligung gebe eine größere Sicherheit für das Geld der
Steuerzahler, so warb Finanzmarktminister Niklas Wykman (Moderate) laut der
Pressemitteilung für die Entscheidung. „Schweden ist eine
Kernenergie-Nation und wird jetzt noch stärker“, sagte Energieministerin
Ebba Busch. Wenn die Industrie elektrifiziert werden solle und der
Strombedarf wachse, brauche es langfristige Investitionen. Die Regierung
mache hier den nächsten Schritt, um die Rolle und Verantwortung des Staates
zu verdeutlichen.
Zu diesem Schritt gehört auch, dass der Staat eine größere Rolle beim
Umgang mit dem entstehenden Atommüll übernehmen will. Noch einmal 122
Milliarden Kronen sollen dafür bereitgestellt werden – mit eventuellen
Preissteigerungen, denn hier plant man bis zum Jahr 2159. In der Erwartung
weiterer Investoren setzt die Regierung darauf, dass die Kosten für die
Atommüll-Entsorgung später auf mehrere Betreiber verteilt werden können.
[1][Christdemokratin Busch schwärmt bei jeder Gelegenheit von der „sicheren
und sauberen Energiequelle“ Kernenergie, auf Englisch etwa in einem
Werbevideo, das sich an internationale Investoren richtet.] Zentrale
Botschaft dabei: „Sweden is open for business“. Also: bitte, kommt.
## Kritik aus der Opposition
Kritik an den jüngsten Investitionsvorhaben kam am Freitag direkt von der
Zentrumspartei. „Das schwedische Volk ein halbes Jahr vor der Wahl an Pläne
für die nächsten 120 Jahre zu binden, die Hunderte Milliarden Kronen kosten
können, ist keine seriöse Politik“, sagte der energiepolitische Sprecher
der Partei Rickard Nordin dem schwedischen Fernsehen SVT. Es sei
unverantwortlich, nicht mit den anderen Parteien darüber zu sprechen und
sich zu weigern, Alternativen überhaupt nur anzuschauen.
Seine Partei ist gegen staatlich subventionierte neue Kernkraft. Die Art,
wie die liberal-konservative Regierung und die rechten Schwedendemokraten
als ihr Kooperationspartner den gemeinsamen Atomkraft-Traum verwirklichen
wollen, wird aber auch aus der Forschung und von Behörden kritisiert.
Die Gesetzesänderungen seien schnell und zu undurchdacht gemacht worden,
zudem würde die starke staatliche Förderung dieser einen Energieform den
Wettbewerb verzerren, was zu gebremsten Investitionen in andere
Energieformen führen könnte. Auch mangele es an Versuchen, die Möglichkeit
alternativer Lösungen näher zu untersuchen – [2][vor allem die Windkraft
hat bei dieser Regierung überhaupt keinen guten Stand.] Schließlich seien
die wirtschaftlichen Risiken sowohl für Stromkunden, den Staat selbst als
auch die Steuerzahler insgesamt groß.
Die Zeitung Dagens Nyheter hob bei ihrer Analyse der Kritikpunkte hervor,
dass Skepsis auch von Instanzen komme, die prinzipiell positiv gegenüber
dem Bau neuer Reaktoren eingestellt seien.
Von allen Finanzfragen abgesehen, zeigte sich für den jetzt auserkorenen
Standort Ringhals in der Kommune Varberg noch ein ganz anderer Konflikt:
Vattenfall hat beantragt, dass 25 Hektar des nahen Naturreservates
Biskopshagen freigegeben werden. Dort sei aus Sicherheitsgründen und mit
Blick auf den Abstand zu Anwohnern der beste Platz für neue Reaktoren. Über
den Antrag, gegen den Bevölkerung und Umweltschutzorganisationen scharf
protestieren, hat nun die Regionalregierung der Provinz Halland zu
entscheiden.
13 Apr 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Anne Diekhoff
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