# taz.de -- Hara-Kazuo-Retrospektive in Hamburg: Ein radikaler Realist
       
       > Hara Kazuo hat kompromisslose Dokumentarfilme über Japans Außenseiter und
       > Tabus gedreht. Die Hamburger Dokumentarfilmwoche zeigt eine
       > Retrospektive.
       
 (IMG) Bild: Solidarisch, aber zudringlich: In seinem Debüt „Goodbye CP“ zeigt Hara Kazuo Aktivist*innen, die an Zerebralparese erkrankt sind
       
       Wie eine Explosion wirkte [1][Hara Kazuos] dritter Dokumentarfilm mit dem
       internationalen Titel „The Emperor’s Naked Army Marches On“ 1987 auf dem
       Forum der Berlinale für das westliche Publikum. Hara präsentierte nicht nur
       eine neue Sicht auf sein Heimatland Japan, sondern auch eine Sichtweise auf
       das Kino, die in ihrer kompromisslosen Radikalität mit nichts davor
       Gesehenem zu vergleichen war.
       
       Die „nackte Armee des Kaisers“ waren japanische Soldaten, die unter dem
       Befehl des japanischen Herrschers und „lebenden Gottes“ Hirohito bis zum
       letzten Tag des Kriegs verheizt wurden. Der einfache Soldat Kenzō Okuzaki
       war einer der wenigen Überlebenden der verheerenden Kampagne in Neuguinea.
       Nach dem Krieg war er so desillusioniert, dass er zum militanten
       Anti-Establishment-Aktivisten wurde. Er tötete einen Minister und warf mit
       Kugeln des Automatenspiels Pachinko nach dem immer noch als Tenno verehrten
       Hirohito. Dafür saß er 13 Jahre im Gefängnis.
       
       Mitte der 1980er Jahre begann diese Ein-Mann-Armee eine neue Kampagne, in
       der Kenzō die Kriegsverbrechen damaliger japanischer Offiziere an den
       eigenen Soldaten aufdecken wollte. Diese hatten zum Teil noch Wochen nach
       Kriegsende vermeintliche Deserteure in den niederen Rängen erschießen
       lassen. Okuzaki besuchte zusammen mit Angehörigen der Opfer diese Offiziere
       und Mitglieder der Erschießungskommandos und drängte sie zum Teil mit
       Gewalt dazu, [2][ihre Verbrechen zu gestehen].
       
       Zwei Filmstunden lang folgt Hara Kazuo dem Kriegsveteranen und zeigt dabei
       zutiefst verstörende Aufnahmen, etwa wie dieser einen über 70-jährigen
       Schwerkranken mit Fußtritten malträtiert. Der Filmemacher enthält sich
       dabei in Bildwahl und Montage jeder Wertung und erzeugt so ein tiefes
       Unbehagen, das noch um ein Vielfaches verstärkt wird, wenn die alten
       Kameraden zu reden beginnen.
       
       ## Aggressiv zudringlich
       
       Dass Hara Kazuo bereits bei seinen ersten beiden Filmen mit derselben
       radikalen Subjektivität arbeitete, scheint in der Hamburger Retrospektive
       auf. Zu sehen sind vier Filme, die Hara zwischen 1972 und 1994 zusammen mit
       seiner [3][Lebenspartnerin und Produzentin Sachiko Kobayashi] gedreht hat.
       
       In seinem Debütfilm „Goodbye CP“ porträtiert er eine Gruppe von
       Aktivist*innen, die an Zerebralparese erkrankt sind. Diese Erkrankung führt
       zu ständigen unkontrollierten Zuckungen, die die Bewegungen und das
       Sprechen beeinträchtigen. Er zeigt, wie schwer es für sie ist, alltägliche
       Tätigkeiten wie das Überqueren einer Straße zu bewältigen, und wie sie von
       anderen Menschen entweder mitleidvoll behandelt oder angestarrt werden.
       
       Doch auch der Blick von Hara Kazuo selbst ist, obwohl er radikal
       solidarisch ist, oft von einer aggressiv wirkenden Zudringlichkeit geprägt.
       Der unlösbare Widerspruch, dass wir – wie auch der Filmemacher – immer als
       gesunde Insider auf die extrem behinderten Outsider blicken, wird hier
       nicht kaschiert. Dass Hara diesen Widerspruch sowohl inhaltlich als auch
       stilistisch thematisiert, gehört zu den Stärken des Films.
       
       ## An der Grenze von Dichtung und Wahrheit
       
       1974 drehte Hara Kazuo mit „[4][Extreme Private Eros Love Song]“ einen
       Film, in dem er das Stilmittel der subjektiven Kamera extrem
       weiterentwickelte. Nachdem sich seine Ehefrau, die radikale Feministin
       Miyuki Takeda, nach drei Jahren von ihm getrennt hatte, beschloss er,
       diesen Film über sie zu drehen.
       
       Zwei Jahre lang wird die Kamera Teil dieser Beziehung, die noch
       komplizierter wird, als Haras neue Lebenspartnerin und Produzentin des
       Films, Sachiko Kobayashi, ihn auf seinen Besuchen begleitet. So kommt es
       etwa zu einer Sequenz, in der sich die beiden Frauen vor seiner laufenden
       Kamera über ihn streiten.
       
       Trotz der vielen sexuellen und tabubrechenden Experimente der Protagonistin
       bildet die Dreiecksbeziehung zwischen Takeda, Hara und seiner Kamera den
       Kern des Films. Die Kamera ist dabei, wenn die beiden Sex haben, und als
       Takeda bei einer Hausgeburt unassistiert ein Kind zur Welt bringt,
       dokumentiert Kazuo dies ebenfalls in einer langen Einstellung in Echtzeit.
       Dabei ist er so nervös, dass die Aufnahmen unscharf werden.
       
       In „A Dedicated Life“ begleitet Hara schließlich den an Krebs erkrankten
       Schriftsteller und Selbstdarsteller Inoue Mitsuharu in den letzten drei
       Jahren seines Lebens. Da der leidenschaftliche Erzähler auch gerne seine
       Lebensgeschichte zum Mythos umfabuliert, hat Hara einige Episoden aus
       dessen vermeintlich wahrheitsgetreuen Erinnerungen im Stil des fiktiven
       Erzählkinos nachinszeniert. Dadurch beginnen die Grenzen zwischen Dichtung
       und Wahrheit auf faszinierende Weise zu verschwimmen.
       
       13 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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